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DSDS 2012, 5. Mottoshow Dieter Bohlen und die Kunst des Dissens


Dieter Bohlen schickte am Samstagabend seine Kandidaten zu zweit auf die Bühne. Doch die Gesangsduelle erwiesen sich als harmlose Duette. Im Kampf gegen die Krise der TV-Castingshows zeigt sich immer mehr: Der Chef muss es selbst richten.
Von Mark Stöhr

Der Mann, den alle Dieter nennen, ist zurzeit nicht zu beneiden. Sein Erfolgsmodell ist in Gefahr. Es beruhte bislang ausschließlich auf Zahlen: Plattenverkäufen, Einschaltquoten, Werbeeinnahmen. Dass ein Charts-Hit heute im Vergleich zu früher lächerlich wenige Käufer hat, weiß er - und verkauft die Top Ten trotzdem weiter unbeirrt als die Zehn Gebote. Nun bröselt ihm nach der Musik auch offenbar langsam "DSDS" weg, sein größtes Ding nach "Modern Talking". Darauf deuten die Zuschauerstatistiken hin. Und was macht Dieter? Er kämpft wie ein Mammut. Er möchte keinesfalls Teil des großen Dinosauriersterbens im deutschen Fernsehen werden, das schon Schmidt und Gottschalk erfasst hat.

Dieter Bohlens Kampf kennt kein Fairplay. Das war schon immer so. In der vorherigen Folge stand er während des Auftritts von Joey Heindle auf und verließ den Saal, weil er anscheinend den Gesang des Müncheners nicht ertragen konnte. Ein kalkulierter Eklat, das war klar, um die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit, den so knapp gewordenen Schmierstoff der Show, zu akquirieren. So etwas lässt sich nicht beliebig oft wiederholen.

"Du bist der singende Bausparvertrag"

Deshalb beließ es Bohlen in der fünften Mottoshow bei seiner gebräuchlichsten Waffe: dem Dissen. Zu Fabienne Rothe, der letzten Frau im Feld, fiel ihm ein: "Du bist der singende Bausparvertrag - solide und ohne Risiko." Über Kyle Minogue sagte er, diese sei zu ihrem Duett mit Taio Cruz für "Higher" nicht "wegen ihrer geilen Stimme, sondern wegen ihres geilen Arschs" gekommen. Die Leute lieben es, wenn ihr Dieter über die Stränge schlägt.

Und man muss sagen: Bohlen ist neben der Band und den Choreografen der einzige bei "DSDS", der sich wirklich gegen die Krise stemmt. Er weiß, diese Show braucht Gerede und Geschichten, egal wie fies sie sind. Dafür schickte er den Loser Joey in ein Duett mit seinem Liebling Luca. Im Vorfeld wurde viel über das ungleiche Duell geschrieben, es hieß, RTL kopiere den ProSieben-Konkurrenten "The Voice", um Zuschauer zurückzugewinnen. Alles Quatsch, polterte Bohlen, von einer Regeländerung, überhaupt von einer Battle könne überhaupt keine Rede sein. Duette habe es bei "DSDS" auch früher schon gegeben.

Der schlingernde Partydampfer "DSDS"

Dass die Diskussion die Druckerschwärze nicht wert war, zeigte der Auftritt der beiden Gesangswelpen. Sie wimmerten und heulten sich so harmlos und einfallslos durch "Hero" von Enrique Iglesias, dass nicht nur dem Oberbeleuchter die Hände eingeschlafen sein mussten. Gerade der Schweizer Luca Hänni ist der Prototyp des gesichtslosen Teenie-Idols: kuschelrockig, immer korrekt, mit jedem und allem kompatibel, ein krasser Langweiler. Dass Bohlen augenscheinlich alle seine Hoffnungen auf den 17-jährigen Berg-Bieber setzt ("Du singst um Klassen besser als Enrique Iglesias"), unterstreicht den Grad seiner Verzweiflung. Die paar Groschen in den Geldbeuteln der Zahnspangenmädchen sind eine der wenigen Ressourcen, die der Musikindustrie noch geblieben sind.

Vom Rest der Führungscrew des schlingernden Partydampfers "DSDS" hat Bohlen keine Unterstützung zu erwarten. Bruce Darnell ist seit Wochen komplett von der Rolle. Wie überdüngt delirierte er durch die Show, hibbelte und hopste unkontrolliert umher und sprach teilweise wie ein Google-Übersetzungsprogramm der ersten Generation ("Du bist oben gegangen wie ein Rocket"). Natalie Horler hat sich zum Prinzip gemacht, nie einen interessanten Satz zu sagen. Und Marco Schreyl benutzt seit sieben Jahren dieselben Moderationskärtchen. Mit diesen Leuten schwimmt der Kahn demnächst tatsächlich kieloben.

Kristof Hering scheidet aus

Wo es hauptsächlich um die Masse geht und nur am Rande um die Muse, ist der Mob automatisch mit an Bord. Bohlen nimmt das der Marktanteile wegen in Kauf - und Kristof Hering bekommt es zu spüren. Der 23-Jährige hat wegen seiner Homosexualität mit massiven Drohungen zu kämpfen. Wie unglücklich sein Schwulsein von Anfang an in der Show platziert wurde und welche vorgestrigen Reaktionen es bei manchen Zuschauern erntete, zeigt, dass die "Superstar"-Welt in gesellschaftlicher Hinsicht allzu oft ein Schwellenland ist, in dem es borniert und männerbündlerisch zugeht. Der Obermacho Bohlen leistet dazu seinen nicht unerheblichen Anteil.

Kristof Hering schied gestern aus und muss nun aus der Showwelt wieder ins richtige Leben zurück. Man wünscht ihm dort zu seiner eigenen Sicherheit vor allem eins: Dass er ganz schnell vergessen wird. Dieters Kampf gegen das Vergessenwerden geht indes unverändert weiter.


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