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TV-Kritik

"DSDS"-Finale: Gewonnen, um vergessen zu werden

Deutschland hat einen neuen Superstar. Am Ende heißt der wahre Champion jedoch wieder: Dieter Bohlen. Denn er schrieb das Siegerlied für die "DSDS"-Gewinnerin Marie.

von Andrea Zschocher

DSDS - Finale - Kritik - Dieter Bohlen - Marie

Wer ist der wahre DSDS-Gewinner: Juror Dieter Bohlen oder die 16-jährige Marie?

So, das vermeintliche Wichtigste vorweg: Die diesjährige Gewinnerin von  heißt Marie. Die 16-Jährige, die aus Jugendschutzgründen zur Urteilsverkündung nach 23 Uhr weder auf die Bühne, noch überhaupt irgendetwas ins Mikrofon hauchen durfte, reiht sich damit in die lange Liste derer ein, deren Halbwertszeit irgendwo zwischen Prügelskandal auf Sylt und "Hauptsache Alessio geht’s gut" pendelt.

Das sah auch so, der auf die Frage, wie ihm die Darbietung des Mädchens gefallen hat, sofort erklärte, dass "DSDS" ja immer "auf der Suche nach was Neuem" sei und schon mal frohlockte, "was 2019 kommt". Da war die Gewinnerin von 2018 noch nicht mal gekürt, aber hey, man muss eben heute schon an morgen denken. Hat der schlaue Dieter aber eh gemacht, denn den Siegersong, der verdächtig an das nervtötende Gejaule von Yvonne Catterfelds "Für dich" erinnert, den hat selbstredend er geschrieben. Der 64- Jährige wurde auch nicht müde, das immer wieder zu betonen. Denn dieser Song, der von Liebe handelt und so sinnvolle Reime wie "Du bist einfach königlich, strahlst heller als das Sonnenlicht" beinhaltet, der würde sich schon gut auf Hochzeiten, Geburtstagen und überhaupt jedem emotionalen Event machen. Da klingelt beim Bohlen die Kasse und genau darum geht es doch am Ende. Ob jetzt Yvonne Catterfeld oder Juliette Schoppmann, immerhin der Vocalcoach der "DSDS"-Gewinnerin, seine Lieder trällert, dem Pop-Titan kann es herzlich egal sein.

"Ich bin wie ein Bär im Frühling"

Grundsätzlich schien "egal" auch das übergeordnete Thema der Songschreiber beim Gesangswettbewerb gewesen zu sein. Was da zusammengetextet wurde, das lässt einen kurz daran zweifeln, ob Deutschland den Beinamen "Land der Dichter und Denker" nicht vielleicht doch lieber abgeben sollte. Zur Erklärung: Jedem der vier Finalisten wurde ein Song auf den Leib geschrieben. Und diese maßgeschneiderten Songs, die enthielten dann so wundervolle Zeilen wie: "Ich bin wie ein Bär im Frühling" oder "Ich lauf neben der Zeit her, mal sehen wer schneller rennt" ("Und sie rennt" vom Finalisten Michel). Bei Michael und seinem Finalsong "So wie wir waren" hieß es dann: "Beste Buddy, Riesenfete, gelben Golf fahr'n, keine Knete". Sinnlos aneinandergereihte Worte, die von der Jury abgefeiert wurden, als würde jeder Download-Klick über ihr Leben bestimmen. Obwohl, fairnesshalber sei gesagt: Dieter Bohlen fand besonders das Genuschel von Michael nicht so doll, er kritisierte gar, dass er bei den Zeilen nicht mal verstanden hätte, in welcher Sprache der Fliesenleger denn da singen würde. Und ja, damit war er sicher nicht allein. Aber der werdende Superstar von heute wird ja direkt darauf gedrillt jeden Hauch von Kritik in etwas Positives zu verwandeln und so erklärte Michael, dass er sich in dem Lied "gefühlt" hätte, dass das zu 100 Prozent sein Ding sei. Aber er wäre natürlich auch bereit, sich unter gewissen Umständen an das Business anzupassen, also so ein wenig. Aber er ist schon "echt".

"DSDS": Fatshaming, Klamottenwahnsinn und einer, der alles besser weiß

Wirklich echt, nämlich echt auf mindestens einem Auge blind, waren die Stylisten der Finalshow von "DSDS". Nicht nur, dass Dieter Bohlen ein paar Minuten lang in einem Glitzeranzug das gesamte Jurypult verstrahlte, bevor er in seine übliche Camp-David-Uniform schlüpfte. Nein, schlimmer war es, dass für die "Powerfrau" Janina offensichtlich die unpassendsten Klamotten ausgesucht wurden, die sich im gesamten Fundus von RTL auftreiben ließen. Wer bitte hat denn beschlossen, dass Frauen die mehr als 50 Kilogramm wiegen, auf jeden Fall noch fünf Meter Stoff um den Körper gehüllt bekommen müssen? Mehr ist nicht immer mehr, das bewies die Frau im Rückblick, als sie sich fürs Casting noch selbst stylen durfte und definitiv sehr viel besser aussah. "Dein Outfit passt nicht zum Song" war dann immerhin der Einwand von Jurymitglied Ella Endlich.

Dass Fatshaming auch 2018 noch ein Thema im TV ist, ist an sich schon erschreckend. Dass Dieter Bohlen aber darauf verwies, dass bei "DSDS" auch "Frauen wie du", also Frauen die etwas mehr auf den Rippen haben, eine Chance hätten, und er dafür gefeiert wurde, das ist und bleibt unfassbar. Auch der geschmacklose Altherrenwitz in Richtung der minderjährigen schoß weit übers Ziel hinaus. Ebenso wie das permanente Anreden der weiblichen Jurykolleginnen, die Dieter Bohlen konsequent als "Mädels" bezeichnete, sein darauf beharren, dass diese keine Ahnung hätten, dieses Kleinhalten von Frauen, das ist doch nicht mehr zeitgemäß.

Sehr wohl zeitgemäß ist aber das frühzeitige Labeln der Finalisten. Da gab es "den singenden Fliesenleger Michael", die "Powerfrau mit der Powerstimme" Janina, den "Goldjungen" Michel und das "gefühlvolle Sternchen" Marie. Vielleicht bleiben diese Beinamen aber auch einfach länger im Gedächtnis als Michael Rauscher, Janina El Arguioui, Michel Truog und Marie Wegener. Oder wissen Sie noch, wer beispielsweise 2015 bei "DSDS" gewonnen hat?

Sehen Sie hier im Video: "Nackt im Playboy: DSDS-Kandidatin Emilija zeigt sich blitzeblank"