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"DSDS": Rambazamba statt Perestroika

Überraschendes bei "DSDS": Bohlen und Co. gehen offen und gut mit der Koks-Affäre von Helmut Orosz um. Ein Jurymitglied entdeckt zum Ende der Staffel hin seine eigene Meinung - und der "Checker" weiß jetzt, warum gebrauchte Unterhosen von weiblichen Fans nicht immer etwas Gutes zu bedeuten haben.

Von Mark Stöhr

Perestroika bei RTL. Der Sender zog keinen Eisernen Vorhang vor den Fall Helmut Orosz, sondern ging damit offensiv an die Öffentlichkeit. Auch in der ersten "Deutschland sucht den Superstar-"Show nach der Koks-Affäre am Samstagabend wurde die Geschichte prominent platziert. Eine kleine Überraschung. Marco Schreyl sprach gleich in seiner Eingangsmoderation von dem Superstar-Traum, der "für einen zu groß" gewesen sei. Seine Diagnose: "Menschliches Versagen". Keiner geht so geschmeidig mit der Fusselbürste über Problemstellen und macht alles wieder heile wie der Schönwetterfrosch aus Köln.

Es folgte ein langer Einspieler: Mit Dieter Bohlens vernichtenden Worten aus der letzten Sendung ("Du wirst es in diesem Beruf zu nichts bringen"), mit Kim Debkowski, die das Unheil kommen sah ("Ich wusste, dass was passiert"), mit Mehrzad Marashi, der eine Einordnung gab ("Das war nicht er, das ist eine Krankheit"), einer weinenden Mutter ("Ich werde ihn nicht hängen lassen") und dem Übeltäter selbst. Dessen Einlassungen kannte man aber schon von YouTube.

Das sah das Publikum genauso. Denn als Bohlen sich in der Show noch einmal zu der Sache äußern sollte, kam er nur bis zu einem "Ich bin geschockt". Der Rest seiner Sätze wurde unter tosendem Jubel begraben. Die verbliebenen fünf Vorsänger hatten nämlich in der Zwischenzeit auf der Bühne Aufstellung genommen, um ihre Ballermann-Hits zu präsentieren. Perestroika schön und gut - den Leuten war mehr nach Rambazamba und einem doppelten Gorbatschow auf Eis.

Ein geschockter Checker

Doch es blieb ein Abend der Überraschungen. Die größte passierte ganz am Ende, nach den obligatorischen Schreylschen Schreckminuten: Thomas Karaoglan musste gehen. Dem ohnehin schon gebeutelten Städtchen Duisburg bleibt einfach keine Pleite erspart. Der Ruhrgebiets-Proll und selbsternannte "Checker" Karaoglan war sichtlich geschockt über das Abstimmungsergebnis. Alle hatten auf den Rauswurf des Rückkehrers Manuel Hoffmann getippt oder wenigstens auf den von Kim Debkowski, der Lady Gaga für die ganz Armen. Doch es erwischte Karaoglan. Sein Brusthaar, Schreyls scheinbar liebster Fetisch zurzeit, kann nun in aller Ruhe sprießen.

Dabei hatte sich die Redaktion für den 17-Jährigen so richtig ins Zeug gelegt. Sie schickte ihm seine Kickbox-Schüler ins "DSDS"-Camp zum Abknuddeln. Und sie schenkte ihm den momentan populärsten Partykracher "Das geht ab" für die Show - dazu die Schnulzballade "Stand by me", die er allerdings ordentlich versägte. Noch unter der Woche hatte Karaoglan von den vielen gebrauchten Schlüpfern geschwärmt, die ihm seine weiblichen Fans geschickt hätten. Jetzt weiß er, warum man nicht ohne Grund seine Schmutzwäsche in die Post legt.

Bohlen macht den Genschman

Wenig Überraschendes gab es hingegen an der künstlerischen Front: Der Gesang war teilweise wieder verschreibungspflichtig. Oder wie es Dieter Bohlen nach dem letzten der beiden Auftritte von Kim Debkowski ausdrückte: "Bei einigen Tönen sind die Mäuse im Studio auf die Stühle gesprungen. Das war echt brutal." Der Mann neigt bekanntlich zu Übertreibungen, diesmal nicht. "Du hast mich tausendmal belogen" überstand die "Styling-Queen" noch halbwegs unfallfrei, doch bei "Almost Lover" von A Fine Frenzy fielen ihre Stimmbänder scheinbar ins Wachkomma. Manuel Hoffmann schleppte sich wie ein Hüftkranker über die Bühne, auch bei ihm nichts Neues, erntete aber von Bohlen und Co. milde Kritiken. Die wollten ihm wahrscheinlich einfach einen netten Abschied bereiten.

Was in Menowin Fröhlich, normalerweise eine Bank, bei seinem ersten Song gefahren ist, wird er vielleicht irgendwann mal seinen Enkeln erzählen. Hypernervös zappelte er bei "What is love" durch die Choreografie und versemmelte eine Textstelle nach der anderen. Ihm gelang das seltene Kunststück, die Jury zu spalten. Während der Vorsitzende seinen Lehrling über den grünen Klee lobte, probte Nina Eichinger den Aufstand. "Du hast irgendwelche Wörter gesungen", sagte sie. Ein ungewohnter Affront der Filmproduzenten-Tochter, der sicherlich ein Nachspiel haben wird. Schon zu Beginn der Show hatte sich Bohlen gegenüber Schreyl despektierlich über die 28-Jährige geäußert: "Was fragst du die? Die hat doch eh keine Ahnung von Musik."

Bohlen verteidigt seine beiden Lieblingsschüler Menowin Fröhlich und Mehrzad Marashi mit Zähnen und Klauen. Wie ein Vater seine Söhne. Die Rivalität zwischen den beiden Kontrahenten ist bekannt. Die Gunst ihres Mentors ist ihnen das Wichtigste. Der weiß das und versucht immer wieder zu schlichten, verteilt Lob und Anerkennung mal in die eine, mal in die andere Richtung. Gestern war Marashi in der ersten Runde "der Beste", Fröhlich in der zweiten. Dieter Bohlen als Dietrich Genscher der Fernsehunterhaltung - das hätte man auch nie für möglich gehalten. Tauwetter bei "DSDS", pünktlich zur Sommerzeit.