DSDS - Deutschland sucht den Superstar

"DSDS" vs. "GNTM" Heidi ist die Heuschrecke, Dieter der Patriarch

Mit ihren Shows "DSDS" und "GNTM" erreichen sie Millionen: Dieter Bohlen und Heidi Klum. Doch der cholerische Bohlen und die eiskalte Klum pflegen in ihren Casting-Unternehmen völlig unterschiedliche Führungsstile.
Von Mark Stöhr und Björn Erichsen

Bohlen GmbH gegen Klum AG: Wie führe ich ein Casting-Unternehmen?

Polyglotter Flair und Glamour von Topmodels Starfotografen, Stylisten und Modelagenten auf der einen Seiten, lärmende Bierzelt-Atmosphäre in Köln-Ossendorf mit prolligen Vorstadtpaschas und deren Fanclubs auf der anderen Seite. Viel unterschiedlicher könnten Castingshows nicht sein. Das liegt an der Führungsperson: Während Heidi Klum sich als Idol inszeniert, mimt Dieter Bohlen den Übervater. Doch nach welchen Prinzipien funktioniert ihr Erfolgsrezept, wie unterscheiden sich ihre Führungsstile? Ein Vergleich.

Der Führungsstil

Dieter Bohlen: Die Show bin ich!
"DSDS" = Bohlen, so einfach ist die Erfolgsformel. Wie der Firmenpatriarch hat sein mittelständisches Casting-Reich inklusive Musikverwertung um sich herum aufgebaut. Dabei gebährdet er sich ein bisschen schrullig, unberechenbar und ebenso skurpellos wie herzlich. Er allein weiß, wie das Business funktioniert, nichts hält ihn davon ab, dass alle naselang mitzuteilen. Widerworte werden im Familienbetrieb nicht gerne gehört, ein paar Ex-Juroren können davon ein Liedchen singen. Das aktuelle Personal, Nina Eichinger und Volker Neumüller, verhält sich daher möglichst unauffällig, finden vieles bei DSDS "hammermäßig" oder sogar "Hammer-Hammer-Hammer-Hammer" (Eichinger). Dass die beiden ansonsten nichts zu melden haben, sah man in den Castings: Neumüller und Eichinger hatten Kandidat Dirk Petry schon rausgewählt - doch Bohlen holte den Saarland-Cowboy mit Westerngitarre einfach wieder ins Studio und pushte ihn anschließend bis in die Top 15. Heidi Klum, die Aufsichtsratsvorsitzende Sie schwingt das Zepter wie die Managerin einer weltweit agierenden Unternehmensberatung, kühl und effizient. Am liebsten würde Heidi Klum wie Bohlen alles selber machen, doch dazu fehlen ihr elementare Dinge wie Charisma, Zeit oder auch Grammatik: "Wer ist mehr kreativ als wie die anderen?", fragte sie kürzlich in die Model-Runde, die nur Bahnhof verstand. Klum braucht ein Team um sich, das in ganzen Sätzen sprechen kann und für sie die komplette Arbeit erledigt, ihren Aufsichtsrat. Ihre Co-Juroren sind immer nur Männer und werden in schöner Regelmäßigkeit ausgetauscht. Momentan angesagt: der 27-jährige Deutsch-Marokkaner Qualid "Q" Ladraa und der Fotograf Kristian Schuller. "Q" ist "supersüß und superniedlich" (Klum), Schuller das genaue Gegenteil. Er ist der Mann fürs Grobe und die großen Sprüche. Zu Miriam, der Biker-Braut im Model-Camp, sagte er: "Bei dir ist das Schlanke kombiniert mit dem Drahtigen. Das darf nicht im Power-Posing enden." .“ Heidi Klum dachte vermutlich dasselbe, konnte es aber nicht so schlüssig formulieren.

Das zu vermarktende Produkt

Bohlens Geschäftsgrundlage sind seine Sprüche
"Du hast einen Stock im Arsch, aber sicher keinen Taktstock." oder: "Da hat ja ein Froschfurz mehr Power." Wahlweise auch mal so: "Das klingt, als wenn man 'ne Handgranate in einen Hühnerstall schmeißt." Der Umgangston bei DSDS ist rau, was Bohlen da so von sich gibt, ist schlüpfrig, verletzend, ehrabschneidend und manchmal sicher auch justiziabel. Das Dumme ist nur, dass man irgendwann dann doch lacht. Dass Jugendschützer immer wieder "Häme" und "Herabwürdigung" anprangern, zählt schon zur festen PR-Strategie. In der aktuellen Staffel stellte sich Bohlen demonstrativ ein Sparschwein auf das Jury-Pult und amüsierte sich, wenn er für jedes Sch-Wort einen Euro einwarf. Bitter: Einer Umfrage zufolge gilt vielen Jugendlichen ausgerechnet Bohlen mit seiner direkten Art als "Symbol für Ehrlichkeit". Klum ist Firma und Produkt in einem
Klum hat in bestimmten Teilen der Lifestyle-Welt Popstar-Status. Fans und Kandidatinnen wollen so posen wie so und so sein wie sie, so schön, so erfolgreich. Sie fragen "Heidi, wie machst du das nur: eigene Show, Model, Werbeträgerin, Designerin, Managerin und vierfache Mutter?" Klum genießt die Bewunderung: Wenn ihre Nachwuchs-Models mal wieder wie fußlahme Giraffen über den Catwalk stolpern, schlüpft sie gerne selbst in die Pumps und macht es vor. Doch die Kandidatinnen sind fast nicht mehr als nur schöne Auslegeware. In erster Linie geht bei "GNTM" um die Klum AG, deren wertvollstes Produkt die Chefin selbst ist. Ihre Werbepartner sind fester Bestandteil des Model-Parcours, befreundete Designer dürfen ihre neuesten Kollektionen in die Kamera halten, und Seal, ihr Gatte, bekommt pro Staffel mindestens einen Auftritt, um seine aktuelle CD zu promoten.

Die Geschäftsphilosophie

Bei Bohlen regiert das Prinzip Bauch
Bohlen entscheidet aus dem Bauch heraus, ob ein Kandidat für ein paar "DSDS"-Runden taugt, ihm ist Bühnenpräsenz wichtiger als Stimme. Der Rest hängt von seiner Laune ab: "Plüschi, du kannst zwar nicht singen, aber ich mag dich trotzdem", lobhudelte er Stimmbruch-Kandidat Marcel Pluschke durch ein paar Runden. Den "lieben Onkel Dieter" hat Bohlen jederzeit drauf. Doch er hat auch das zweite Gesicht, ihn ihm schlummert ein fieser Choleriker, der Sachen persönlich nimmt und dann persönlich wird, auch vor Millionenpublikum. Davon konnte sich Helmut Orosz überzeugen ("Der war gestern wieder besoffen") – und zwar noch vor seiner Kokain-Beichte. Und was Bohlen der inzwischen 17-jährigen Kim Debkowski an den Kopf warf, grenzt schon an Kontrollverlust: "Deine Stimme hatte die gleiche Sicherheit wie Margot Käßmann, die da am Wochenende besoffen durch die Gegend gefahren ist." Und: "Du klingst wie Desirée Nick, die sich die Hornhaut von den Nippeln hobelt." Bei Klum herrscht das Prinzip Leistung
Schlappmachen ist bei "GNTM" nicht erlaubt, eine Schmollippe nur, wenn sie ein gutes Bild ergibt. Bei den "Shootings" und "Challenges" werden die Kandidatinnen oft zu Tränen getriezt. Bei Minusgraden in Bademode stolzieren, auf fahrenden Gepäckbändern balancieren, an Turnringen hängend in die Kamera posieren - auch die aktuelle Staffel ist nicht arm an absurden Aufgaben. Wie in den Assessment-Centern großer Unternehmen werden in Klums Kandidatinnen-Camp die Funktionierenden von den Nicht-Funktionierenden rigoros geschieden. Wenn Heidi Klum am Ende jeder Folge ihre Auswahl trifft, wurde die "Zielvereinbarung" entweder erfüllt oder nicht. "Wo ein Wille ist, müssen wir herausfinden, ob da auch ein Weg ist", heißt es dann im positiven Fall oder eben: "Swea, du bist es nicht, die mit uns um die Welt reist."

Der Umgang mit den Anhängern

Bohlen setzt auf Günstlingswirtschaft
Wenn er leiden kann, der hat es gut, wen nicht, wird von ihm gepiesackt bis zur letzten Sendeminute. In Bohlens Betrieb herrscht gezielte Günstlingswirtschaft. Bohlen hatte noch in jeder Staffel seine Lieblinge, und am liebsten sind ihm natürlich die, mit denen er ein paar hunderttausend Platten verkaufen kann. Mit Vorjahressieger Daniel Schuhmacher ging das eine Weile gut, Bohlens innige Männerfreundschaft mit Mark Medlock 2007 grenzte hingegen schon an Wettbewerbsverzerrung. Bei Menowin Fröhlich hat Bohlen sich wohl verzockt. Die Geschichte klang ja auch zu schön: Mentor Bohlen verhilft geläutertem Ex-Knacki zu zweiter Chance, im Überschwang hat er ihn "seinen Sohn" genannt. Doch jetzt, wo Menowin ständig Mist baut, ist es mit der väterlichen Liebe nicht weit her - Bohlen hat ihn fallen lassen und schmeißt sich jetzt an Comebacker Manuel Hoffmann ran. Klums Mädchen sind für sie keine Menschen, sondern Produkte
Klum kommt gerne mit den Mechanismen und Moden des Marktes, wenn sie ihre "Mädchen" unter die Lupe nimmt. Zur inzwischen ausgeschiedenen Lara etwa fiel ihr der Satz ein: "Die sieht edel aus, die kann für teure Produkte werben." Aline, das Nesthäkchen der Staffel, hingegen weckten in ihr geradezu so etwas wie Gefühle: "Ich habe mich ein bisschen verliebt in deine Zahnspange, zeig sie ruhig!". Im nächsten Satz folgte jedoch schon wieder der Rückzieher: "Aber könnte es nicht doch schwer werden für ein Topmodel mit Zahnspange?" Bei Klum ist alles Kalkül, auch ihre Emotion. Wenn eine Kandidatin von Tränenkrämpfen geschüttelt wird, gibt sie gerne die beste Freundin. Dann stellt sie Psycho-Fragen wie "Hast du Selbstzweifel?" - ohne natürlich die Antwort abzuwarten. Denn die "Mädchen" müssen vor allem eins: laufen. Oder wie es Klum letzthin ausdrückte: "Manchmal hab' ich auch keinen Bock, und dann ist es aber so, und dann Heidi next und push. Und dann bist du draußen!" Fazit:
Der größte Unterschied zwischen der Heidi und dem Dieter ist wohl dieser: Wenn sie zu ihren Kandidaten sagen: "Arbeite an deiner Persönlichkeit", meint sie nur das Model und er ein bisschen auch den Menschen. Was es ist nicht besser macht, beruht seine Gunst auf purer Willkür.


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