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"Tatort"-Darstellerin Elisa Schlott: Darum spielte sie wie im Rausch

Im Kieler "Tatort" spielte Schauspielerin Elisa Schlott eine Drogensüchtige - so eindringlich, dass man nicht mehr wegsehen konnte.

Von Tobias Schmitz

Rita Holbeck (Elisa Schlott) und Mike Nickel (Joel Basman) beim gemeinsamen Drogenkonsum

Rita Holbeck (Elisa Schlott) und Mike Nickel (Joel Basman) beim gemeinsamen Drogenkonsum

Sie wird für einen Moment ganz still. Schließt die Augen. Dann findet die Kanüle den Weg in ihre Vene. Rita spürt die Wärme. Sie fliegt. Schwebt. Leuchtet plötzlich von innen. Ein irres Flackern erleuchtet ihre Augen, ihr Mund formt lautlos Worte, ihr ganzer zerbrechlicher Körper scheint stumm zu schreien. Jubelschreie. Sie sinkt zurück in ihre Welt, die ihr jetzt so unendlich schön erscheint. Sie lebt. Für dieses Gefühl. Diesen Rausch.

Wer Elisa Schlott zuschaut, wie sie dieses Mädchen Rita spielt, das Crystal Meth nimmt, verliebt sich - in die Droge. Will auch so etwas erleben, will wegfliegen ins Wunderland, sich ausklinken aus dieser Welt, für ein paar Minuten wenigstens. Es sind seltene Augenblicke wie diese, in denen man etwas mehr Zutrauen ins öffentlich-rechtliche Fernsehen bekommt. Weil einem ein düsterer, trauriger Kieler "Tatort" soeben zu einem unverhofften Gefühl verholfen hat - völlig legal, ohne Nebenwirkungen, ohne körperlichen Verfall: Es ist ein Glück, Elisa Schlott bei der Arbeit zu beobachten. Weil es eben niemals nach Arbeit aussieht, sondern selbstverständlich leicht erscheint.

"Droge ist für mich gelebte Lüge"

Schlott ist noch nicht mal 21 Jahre alt, hat gerade mit dem Schauspielstudium begonnen, und doch leuchtet in dieser Frau in besten Momenten etwas unerklärlich Reifes, Wissendes, Magisches. Woher nimmt sie das? Und woher weiß sie, wie man das spielt: auf Crystal Meth zu sein?

"Ich kann es nicht erklären. Das kam einfach so aus mir heraus", sagt ein kleines Persönchen, 1,60 Meter, schmal, kindlich, beim Gespräch in Leipzig. Hier studiert Elisa Schlott seit einem Vierteljahr Schauspiel, in dieser Stadt, die tatsächlich als ein deutscher Brennpunkt für den Handel mit Crystal Meth gilt. "Inzwischen erkenne ich besser, ob Menschen diese Droge konsumieren", sagt Elisa. Hat sie je selbst welche genommen? Sie lacht. Ihre Augen lachen, ihr Mund lacht, ihre Nase kräuselt sich. "Nee, außer Alkohol war da nie was!" Aber an ihren allerersten Rausch erinnert sie sich noch. "Zehnte Klasse, nach einer Schultheater-Premiere. Ich war 16 und hatte keine Ahnung, was Jägermeister anrichten kann. Erst ging es mir gut. Dann kippte es. Seitdem habe ich das Zeug nie mehr angerührt."

Sie sorgt sich nicht um viele Dinge. Nur Drogen machen ihr Angst. Für ihre "Tatort"-Rolle hat sie zahlreiche Dokus und Filme gesehen, auch "Trainspotting" und "Christiane F.". Und sie hat mit echten Crystal-Meth-Konsumenten gesprochen. Seitdem glaubt sie, dass sie selbst diesen Weg niemals gehen wird. "Weil da so viel schiefgehen kann. Weil ich nicht weiß, was in dem Zeug drin ist. Woher es kommt. Vor allem: Was es mit mir macht. Droge ist für mich gelebte Lüge."

Beim Drehen haben sie das Spritzen geübt, und ihr Filmpartner hat ihr die Kochsalzlösung dreimal versehentlich ins Gewebe gedonnert. "Danach hatte ich lauter Hubbel am Arm." Auch sonst war die Arbeit eine Grenzerfahrung. "Als ich das Drehbuch las, dachte ich: Was für eine interessante und vielschichtige Rolle, da steckt sehr viel drin. Aber am Ende eines Drehtages hatte ich viele blaue Flecken." Im Krimi wird ihre Figur Rita von einem Freund in den Drogensumpf gezogen. Auf Rausch folgt Angst, auf Liebe Vergewaltigung.

Frau und Mädchen: Elisa Schlott, fast 21, hier im "Tatort", ist sich ihrer Rolle nie zu sicher

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Elisa Schlott besitzt eine seltene Gabe: Sie kann auf dem Bildschirm gleichzeitig da sein und vollkommen entrückt. Als Rita lacht und weint sie, sie tanzt und verfällt in Apathie, sie flüstert und brüllt, sie stürzt vom Himmel in die Hölle und kehrt auf die Erde zurück. Diese Rolle im "Tatort" hat sie durch ein Casting bekommen. Erster Versuch, erster Treffer.

Das kannte sie schon. So war ihr auch ihre allererste Rolle zugeflogen. Mit elf Jahren beschloss Elisa, in einem Film mitspielen zu wollen. Heimlich suchte sie im Internet nach "Kinderrollen". Elisa füllte online das Formular einer Agentur aus. Die Firma meldete sich tatsächlich: Bald bekam ihre Mutter, mit der sie zusammen in Berlin-Pankow lebte, einen Anruf. Und verstand die Welt nicht mehr. Ihre schüchterne, zurückhaltende Tochter wollte schauspielern? Elisa ging zum Casting.

Sie suchten ein süßes Mädchen, das für zuckerreduzierte Frühstücksflocken werben sollte. Ihr Text: "Power heißt Energie! Yes!" Sie bekam den Job.

Und marschierte von da an los. Mit zwölf Casting für den TV-Film "Das Geheimnis von St. Ambrose" mit Ulrich Mühe. Elisa dabei. Kurz danach "Die Frau vom Checkpoint Charlie". Elisa an der Seite von Veronica Ferres. Erster Kinofilm 2009: Für ihre Rolle im Familiendrama "Draußen am See" bekam Elisa den "Förderpreis Deutscher Film". Wieder waren die Dinge anscheinend wie von selbst gelaufen. Ohne sichtbare Mühe.

Aber ihrer Sache sicher war sich Elisa Schlott nicht. "Nach dem Abi geriet ich in so eine Art Spätpubertät", erinnert sie sich heute, "ich war schon ein bisschen Frau, aber auch noch ein bisschen Mädchen. Ich zweifelte an mir und fragte mich: Soll ich wirklich Schauspielerin werden? Oder nicht doch lieber Kunstgeschichte studieren?"

Sie ging allein nach London, besuchte Schauspiel-Workshops. Tastete sich voran und kehrte selbstsicher zurück. 2014 bekam sie die Rolle im "Tatort" mit Axel Milberg und Sibel Kekilli. Die kennt sich seit "Gegen die Wand" aus mit der Rolle einer Frau im Ausnahmezustand. Im "Tatort" wird sie nun selbst an die Wand gespielt - von diesem Mädchen, das ungeschminkt so jung aussieht, dass man ihm keine Flasche Wein verkaufen würde.

Was sagen Oma und Opa?

Elisa Schlott ahnt, was sie kann. Aber sie möchte aus Ahnung Gewissheit werden lassen. Und noch mehr über sich und ihre Leidenschaft lernen. Deshalb geht sie zur Schauspielschule. Mehr als 1000 Bewerber für 16 Plätze. Wer ihr dort begegnet und nur die Rita aus dem „Tatort“ im Kopf hat, erkennt sie kaum wieder. Ihr langes Haar hat sie abschneiden lassen. Vielleicht auch, weil sie das Gefühl mag, neu zu beginnen. Als Anfängerin. "Elisa ist ausgesprochen mutig", sagt ihr Mentor und Lehrer Olaf Hilliger, "sie ist vollkommen offen für das Leben und immer bereit, sich neu zu erfinden."

Eine andere Lehrerin klingt nachdenklicher: Sabine Kündiger hat Elisa Schlott früher am Gymnasium in "Darstellendem Spiel" unterrichtet. Sie sagt: "Elisa gibt sich hin mit Haut und Haaren, aber sie macht sich auch verwundbar durch ihr Spiel. Ich hoffe, dass sie im Studium lernt, sich vor psychischen Beschädigungen zu schützen."

Vor dem "Tatort"-Dreh habe sie Beklommenheit gespürt, sagt Elisa Schlott. "Ich befürchtete, dass ich beim Casting einfach nur Glück hatte." Es war mehr als das. Jetzt sorgt sich Elisa Schlott wieder - um ihre Großeltern. Und darum, was sie fühlen, wenn sie sie im Fernsehen sehen - nackt, zugedröhnt, vergewaltigt. Ihr Opa hat schon einen Wunsch geäußert: "Elli, das nächste Mal spielst du bitte mal eine herzensfrohe Rolle."

Seine Lieblingsserie ist "Rote Rosen".

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