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TV-Kritik

"Germany’s Next Topmodel": Gefrierbrand in Sölden – Heidi Klum auf Ötzis Spuren

Mega Energie! Mega Elan! Mega Irrsinn! Wer dachte, dass die Sky-Serie "Der Pass" den Winterhorror der Saison bietet, dem sei "Germany’s Next Topmodel" empfohlen. Wann schreitet die Bergwacht ein?

Von Ingo Scheel

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Klum-Ba-Di-Bumm-Bumm, Klum-Ba-Di-Bumm-Bumm, Klum-Ba-Di-Bumm-Bumm - wir modeln hier rum. At the End of the Day geht es wie immer nur um eins: fokussieren. Für die Challenge. Für ein Foto. Für die nächste Runde. Schon im zweiten Durchlauf der diesjährigen GNTM-Sause geht es dabei an die Grenzen, für alle Beteiligten. Das Ziel ist Sölden und wer da an den Ötzi denkt, liegt nicht so ganz verkehrt.

Ein Mützchen hat man dem armen Frostmann aufgesetzt, eine Brille ins ledrige Gesicht geklemmt und seinen dünnen Leib irgendwie in einen Regiestuhl gebogen - und jetzt soll er auch noch die Mädchen begutachten. Toxische Männlichkeit gut und schön, aber da weht fast ein Hauch von Empathie durch die Gletscherwand. Doch Wolfgang Joop hat schon ganz andere Herausforderungen gewuppt und an der Seite von Heidi Klum wirkt der Gute fast bodenständig.

Fotoshooting bei GNTM in eisiger Höhe

Fotoshooting bei GNTM in eisiger Höhe: Mimiken unbeweglich wie ein Fels

Im beklemmendsten Berg-Stelldichein seit Jack Torrance damals den Hausmeister-Job im Overlook-Hotel übernommen hat, führt der Weg die 30 Model-Anwärterinnen diesmal in die Steilwand. Als erstes werden die Handys eingesammelt, vom Balkon einer klassischen Sennhütte hält Cruella Klum, in einen Poncho aus Schlafsackresten gehüllt, eine Begrüßungsrede wie aus dem Stimmengenerator.

Nicht das einzige Mal, dass Heidi - vielleicht eine verlorene Wette oder so etwas? - merkwürdig gekleidet ist. Später wird sie eine Daunenjacke tragen, die aussieht, als hätte das Ausstattungsteam von "Takeshi’s Castle" Kackhaufen-Emojis in Übergröße geschneidert. Der Daunenmantel bei der letzten Challenge wiederum, von der Anmutung her wie Lady Gagas Fleischkleid in der Mortadella-Version, ist dagegen beinah dezent.

Bei GNTM laufen die Windmaschinen auf Hochtouren

An einem Tag wie diesem, da man kaum nachkommt, die Mixtapes mit den Ryan-Adams-Songs zu überspielen, hätte man sich vielleicht ein wenig mehr Aktualität in der "Prepäräischn" auf das große Glitzer- und Glamourleben gewünscht: Was tun, wenn der Manager wieder nackt skypen möchte? Ist es normal, wenn der Produzent unten ohne kommt? Pro und Contra von Vertragsverhandlungen im Swingerclub? Vielleicht ein wenig zu viel verlangt, stattdessen schiebt man die Mädchen ins ewige Eis, als würden da draußen nur noch Models für Felljacken, Werbespots für Huskyfutter oder ein Remake von "The Revenant" gesucht.

Die Windmaschinen laufen auf Hochtouren, der Schnee bildet eisige Wirbel, mittendrin stehen die Mädchen, mit erstem Gefrierbrand an den Armen, in Kleider gehüllt, die augenscheinlich in einem Dunkelrestaurant aus Einmal-Tischdecken "geschneidert" wurden, und sollen liefern: Pose. Pose. Pose. Der eisige Sturm macht die Mimik schon unbeweglich wie ein Fels, einige der Models bekommen die Augen kaum noch auf.

Was einst den perfekten Background für Filme wie "Die weiße Hölle vom Piz Palü" geboten hätte, ist heute die ganz normale Modelwelt, so scheint es. Während Heidi Klum im Schneesturm nur noch zu hören ist - "Ich wünsch’ mir mehr Posen von Dir" - gibt Fotograf Kristian Schuller, mit Pudelmütze und Kopfhörern im Ohr, den eisharten Einpeitscher, knipst ein bisschen, poltert ein wenig und scheint dabei noch weniger Freude zu haben als die schockgefrosteten Schönheiten selbst.

Manchmal wären Untertitel nützlich gewesen

Fast wünscht man sich in die Schwimmhalle zurück, in der Joop - mit delikatem Menjou-Bärtchen und in Joggingbüx - einmal alle Girls flanieren lässt und das Sortiment in Granaten, Rückenpatienten und Yoga-zwecklos unterteilt. Wichtig: Immer küssen. Immer anfassen. Immer lächeln, auch wenn es schwerfällt.

Tränen gibt es natürlich trotzdem. Vanessa und Enisa, von denen nicht so ganz klar ist, ob sie sich tatsächlich kennen oder einfach nur einen großen Schluck aus der Flasche mit dem Frostschutzmittel genommen haben, geraten in einen Streit, bei dem keiner weiß, worum es geht. Am Ende vertragen die beiden sich natürlich, allerdings wären hier beim nächsten Mal möglicherweise Untertitel angeraten. Ob der Unmengen von Nasensekret und Sputum geriet die Aussprache zuweilen doch arg verwaschen.

Aber es gab auch schöne Momente: Tatjana freut sich, endlich mal aus Leipzig rauszukommen. Die frische Luft, das klare Wasser. Einfach nur herrlich. Irgendwer trägt silberne Moonboots und Jasmin hat zur Feier des Tages nicht nur ihr Kommunionskleid, sondern auch gleich noch die Taufkerze mitgebracht. Und Heidi einen Kaktus geschenkt. Um es mit Wolfgang Joop zu sagen: I like it. Aber nur für einen ganz, ganz kurzen Moment.

GNTM 2019: Noch mehr Heidi Klum