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Harald Schmidt-Comeback in der ARD: Alles beim Alten

Richtig rund lief's noch nicht bei Harald Schmidts Late-Night-Rückkehr in der ARD: Auch ohne Pocher und mit neuem Team wirkte der weißbärtige Großmeister oft bemüht, sogar banal. Nur gelegentlich blitzte böse Brillanz auf.

Von Peter Luley

Die erste relevante Frage hatte schon vor der Sendung Jörg Kachelmann beim Wetter angeschnitten. Doch mit der Hoffnung, Schmidt könnte sich vielleicht noch rasiert haben, lag er falsch. Mit dem zuletzt zur Schau gestellten Vater-Abraham-Bart und zu dem Schlachtruf "Hier kommt der weiße Afghane" enterte der ARD-Entertainer das Kölner Studio - offenbar fest entschlossen, seine Abkehr vom Jugendideal der Pocher-Ära auch optisch zu unterstreichen. Eines seiner vielen Vorab-Versprechen der vergangenen Tage hatte der erst 52-jährige Altmeister damit schon mal wahr gemacht. Jetzt musste er also nur noch die anderen Sprüche einlösen: die "Erwartungen übertreffen", "Genicke durchbeißen", den so gern bekundeten Blutdurst demonstrieren.

Gemessen an diesen von ihm selbst hochgeschraubten Erwartungen geriet Schmidts Eröffnungs-Stand-up eher mau: Der Wahlkampf sei doch gar nicht so langweilig, nur "eben was für Spezialisten". Es hätte doch sogar schon mal gefunkt - bei Münteferings Notlandung in Stuttgart. Es folgten eine zusammengesampelte Zahlenkanonade aus dem TV-Triell von Westerwelle, Lafontaine und Trittin sowie das Ausschlachten eines Sigmar-Gabriel-Versprechers ("Nicht geborene Mütter kriegen nicht geborene Frauen"). Schließlich ein Auftritt des neuen Schmidt-Show-Mitglieds Caroline Korneli vor einem FDP-Plakat: "Die einzige Partei, in der schon mal ein Meister vom Himmel gefallen ist." Nun ja.

Besser wurde es erst, als Schmidt am Schreibtisch saß

Besser wurde es erst nach einer Viertelstunde, als Schmidt an seinem Tisch Platz nahm. Da schöpfte er aus einer kryptischen Äußerung Jürgen Todenhöfers bei "Hart, aber fair" ("Ohne den Kampf der Afghanen hätte es nie die Wiedervereinigung gegeben") einen grotesken Einspielfilm über Osama bin Laden, wie er aus einer Höhle den Befehl zur deutschen Wiedervereinigung gegeben hätte: "General Gorbatschow, tear down this wall!". Schön absurd auch die Illustration der neuen Afghanistan-Direktive "Sprechen statt bomben": mit deutschen Soldaten, die irgendwie afghanisch aussehende Mitbürger in einem Park darauf hinweisen, dass dort das Grillen nicht gestattet ist.

Und ein echtes komödiantisches Highlight: die Schnurre um einen plötzlich aufgetauchten Ost-Cousin des Kriegsreporters Peter Scholl-Latour. Brillant Schmidts Auftritt als stotternder, in Kampfmontur bramarbasiernder Vetter Lothar Scholl-Latour im Interview mit Katrin Bauerfeind - in deren vielversprechender Rubrik "Zeit zu zweit".

Ebenfalls hübsch böse und nestbeschmutzerisch: ein Sketch zur geschassten NDR-Fernsehfilm-Chefin Doris J. Heinze. Nach kurzen vorgetäuschten Skrupeln ("Ist es Schleichwerbung?") hielt Schmidt eine DVD mit dem angeblich neusten Drehbuchwerk Heinzes in die Kamera: "Da, wo der Ehemann noch selber schreibt".

Show kam erst spät auf Betriebstemperatur

In dieser Phase kam die Show auf Betriebstemperatur, und die böse Brillanz, zu der Schmidt immer noch fähig ist, blitzte auf. "Es muss doch jetzt bald Tote geben", forderte der Nacht-Talker zynisch im Hinblick auf die teilweise sensationsheischende Berichterstattung über die Schweinegrippe und präsentierte einen Einspieler mit dem "Günni Wallraff des Digital-Zeitalters", Neuzugang Jan Böhmermann. Der hatte es geschafft, als vermeintlicher Schweinegrippe-Patient Thema so ziemlich aller Nachrichten-Sendungen der ProSiebenSat1-Gruppe zu werden.

Nur leider ging's auf dem Niveau nicht weiter: Schon ein gemeinsam mit der offenbar zum Blickfang erkorenen Bauerfeind gestaltetes Kino-Medley geriet eher bemüht. Witz sollte daraus entstehen, dass etwa Tarantinos "Inglourious Basterds" als "Film zum Schmusen" in der Tradition von "Titanic" dargestellt wurde, während Lars von Triers "Antichrist" als "Tierfilm" und Bully Herbigs "Wickie" als deprimierendes Drama annonciert wurden. Das Ganze gipfelte in der Präsentation einer fiktiven für die ARD realisierten Co-Produktion der Regisseure Herbig und von Trier: "Wickie und der Anti-Christ".

Vollends beflissen wurde es allerdings, als Schmidt seine Ankündigung umsetzte, nunmehr wieder verstärkt den Bildungsauftrag der Öffentlich-Rechtlichen erfüllen zu wollen. Ein ironisch gemeinter Theater-Diskurs mit dem "Andrea-Breth-Experten" Christian Brey, der vor allem aus stakkatohaftem Name-Dropping bestand - Peymann, Brandauer, Kleist, Hartmann, das Regietheater im Allgemeinen -, wirkte weniger persiflierend als prätentiös. Genauso wie das Telefonat mit dem als "Boris-Groys-Experten" aus Berlin zugeschalteten "FAS"-Redakteur Peter Richter, mit dem Schmidt in der Folge unter anderem über das Pissoir von Duchamp diskutierte.

"Wir rechten Säcke müssen zusammenhalten"

Immerhin noch mal Pep hatte Schmidts Live-Gespräch mit seinem "absoluten Wunschgast", dem umstrittenen Textil-Unternehmer Wolfgang Grupp. Schmidt feierte ihn als Klartext-Redner, und der bekennende CDU-Wähler enttäuschte ihn nicht: Er steuerte Sätze bei wie "Im Schwabenland ist die Emanzipation noch nicht so angekommen wie vielleicht hier im Rheinland" und befeuerte Schmidt zu dem Ausruf "Wir rechten Säcke müssen zusammenhalten!" Dann ging es noch um Grupps bereits organisierte künftige Grabstätte.

Wo Harald Schmidt selbst mit seiner neu gestalteten Show zu verorten ist, ob bereits im Mausoleum seiner selbst oder doch noch unter den Lebenden, kann nach der ersten Sendung nicht letztgültig beurteilt werden. Anspruchsvolle Radikal-Satire gab es genauso wie banale Wegwerfgags; erfrischende Ansätze der Neuzugänge ebenso wie Gehetzt- und Bemühtheit. In gewisser Weise bleibt also alles beim Alten: An Schmidt werden sich weiter die Geister scheiden.