HOME

Interview mit Anke Engelke: "Ich hatte lange Zeit Komplexe"

Anke Engelke meldet sich heute Abend mit ihrer Sketch-Show "Ladykracher" zurück. Wer darauf hofft, dass sie im Interview ganz viel Quatsch macht, braucht nicht weiterzulesen. Ein ernsthaftes Gespräch mit einer Komikerin.

Für das zurückliegende Jahr hätten Sie sich etliche Fleißkärtchen verdient.

Die kleine Anke, die ständig aufzeigt und ruft: Herr Lehrer, ich weiß was? Was für eine furchtbare Vorstellung!

Sie haben für zwei Trickfilme einem Känguru und einem Schwein Ihre Stimme geliehen, Marge Simpson synchronisiert, zwei Kinofilme gedreht, Sie spielen in der ZDF-Reihe "Kommissarin Lucas" mit, werben für eine Versicherung, nun kommt nach fünf Jahren Ihre Sat-1-Reihe "Ladykracher" zurück ...

... und deswegen halten Sie mich für eine Streberin? Nie gewesen.

Eine, die sich in jedem Fach beweisen will?

Wissen Sie, weshalb ich so gern interviewt werde? Weil man erfährt, was die Leute über einen denken. Das ist toll! Neulich hat mich zur neuen Staffel "Ladykracher" ein Journalist interviewt, der hatte gar nicht mitgekriegt, was ich in letzter Zeit gemacht habe. Er eröffnete das Gespräch so: "Frau Engelke, jetzt haben Sie ja fünf Jahre Pause gemacht ..." Da hab ich nur gedacht: Hallo? Was für eine Pause?

Sie hatten damals mit "Ladykracher" aufgehört, weil Sat 1 Sie zur Late-Night-Nachfolgerin von Harald Schmidt auserwählt hatte - um Sie nach fünf Monaten wegen desaströser Quoten wieder abzusetzen.

Es sollte nicht sein. Für eine Show, die mit einem Stand-up-Monolog beginnt, war ich die Falsche. Dafür muss man böse sein und ein bisschen größenwahnsinnig, eine Rampensau. Bin ich nicht.

Für wie lange wirft einen so eine Niederlage aus der Bahn?

Als die Sendung abgesetzt wurde, war ich sehr traurig. Nicht meinetwegen, sondern weil ich ein schlechtes Gewissen gegenüber dem Team hatte. Da haben Menschen Häuser gekauft und Kinder gezeugt, weil ich gesagt hatte: Leute, ich garantiere euch einen Job für ein paar Jahre. Die hatten sich auf mich verlassen, ich habe sie enttäuscht.

Sie standen vor einem Scherbenhaufen. Hatten Sie keine Selbstzweifel? Existenzängste?

Ich hatte lange Zeit Komplexe - aber nicht wegen der Late-Night-Show. Ich hatte das Gefühl, mir fehlt etwas, der Besuch einer Schauspielschule oder eine vergleichbare fundierte Ausbildung. Es war gar nicht so, dass ich ständig gefragt worden wäre: Was hast du gelernt? Aber ich hatte so einen Rechtfertigungsdrang, als müsste ich mich bei mir und der Welt dafür entschuldigen, dass ich Comedy mache.

Wie sind Sie die Komplexe losgeworden?

Das letzte und vielleicht zündende Erlebnis war das Casting für die neue Staffel "Ladykracher". Als wir überlegten, wen wir gern ins Ensemble nehmen möchten, setzten wir richtig gute Theaterleute auf die Wunschliste. Ich hatte kaum zu hoffen gewagt, dass die kommen würden. Und dann sind die da und zitieren irgendwelche Sachen aus "Ladykracher". Das hat richtig gut getan. Manche dieser sogenannten seriösen Schauspieler standen zitternd vor mir, so aufgeregt waren die. Ich dachte, ey, was ist denn jetzt los?

Aber Sie haben doch eine solide Ausbildung: Ihre Zeit im Schulchor des Freiherr-vom-Stein-Gymnasiums Rösrath, mit Auftritten in den großen Fernsehshows der 70er Jahre.

Das war super, wir waren jedes zweite Wochenende unterwegs. Da ist Halligalli im Bus, man tritt in einer Sendung von Peter Frankenfeld auf, bei irgendeinem Straßenfest oder in einem Altenheim, wir alle in gelben Blusen und grün-gelb-karierten Röcken, und hinterher gibt's eine Tafel Schokolade. Ich glaube, in einem Chor zu singen ist das Beste, was einem passieren kann, so ein Gemeinschaftsgefühl zu erleben, auch so ein bisschen Bühnenangst zu überwinden. Das hat mich schon sehr geschult, aber gänzlich ohne Kalkül. Mit zehn, elf, möchte ich mal schwer hoffen, hatte ich keine Ahnung, was ich da tue.

Immerhin durften Sie als Elfjährige ein Duett mit Udo Jürgens singen.

Das war eher ein Versehen. Ein anderes Mädchen aus unserem Chor sollte mit ihm auftreten. Das klappte nicht. Dann haben sie mich gefragt, vielleicht fanden die mich süß, ich war ja immer die Kleinste. Udo Jürgens soll das jetzt bitte nicht falsch verstehen, aber das eigentlich Tolle war, dass in derselben Show die Supremes auftraten. Die hab ich bewundert, auch wenn Diana Ross damals schon nicht mehr dabei war, und plötzlich durfte ich die aus der Nähe sehen, Wahnsinn! An jenem Abend hatte ich übrigens auch meine erste Begegnung mit einem Reporter von der "Bild"-Zeitung. Der nahm mich zur Seite, stellte mir Fragen über meine Eltern, so schmierig, so schleimig, so dreist - ich hab die Welt nicht mehr verstanden. Ich war so verwirrt, dass ich anfing zu heulen. Seither pflege ich zu "Bild" eine innige Feindschaft.

Ihr Schulchor ist auch zusammen mit Heino aufgetreten - für jeden normalen Teenager eine Horrorvorstellung.

Na ja, wir haben uns schon gefragt: Was ist denn mit dem los? Was hat denn der für Haare, warum trägt der immer diese dunkle Brille? Er war ein Brummbär, aber irgendwie auch ganz in Ordnung. Und seine Frau Hannelore war extrem reizend.

Und Heinos Musik?

Der Großteil war totale Grütze. Aber, und das ist sowieso ein bisschen meine Haltung im Leben, ich hab mich einfach an dem aufgerichtet, was mir gut gefiel. Da muss man halt für acht Songs die Zähne zusammenbeißen und den Brechreiz unterdrücken - und bei Song neun freut man sich.

Was war so ein Song neun?

Ein Lied war so schlimm, dass wir es schon wieder liebten: "Warum macht denn die Kuh so ein dummes Gesicht, warum lacht sie nicht mal, warum freut sie sich nicht, denn sie hat doch die Berge, das schöne Tirol, und da fühlt sich doch sonst jeder wohl. Um vier in der Früh geht der Sepp in den Stall und schaut nach der Kuh, ob ihr Euter schon prall. Dann macht er stripp strapp, pfeift vergnüglich vor sich hin, doch eins geht ihm nicht aus dem Sinn: Jaaaaaa, warum macht denn die Kuh so ein dummes Gesicht …" Da durften wir ein bisschen jodeln, das mochte ich.

Sie haben als Kind bereits für Radio Luxemburg und fürs ZDF moderiert. Wie kam das bei Ihren Mitschülern an?

Ich erinnere mich an zwei Jungs, die waren richtig blöd zu mir, die haben mir echt das Leben schwer gemacht. Rückblickend bin ich denen fast dankbar. Ich weiß nicht, wie ich geworden wäre, wenn die ständig geflötet hätten: Anke, du bist die Tollste!

Als RTL neulich "Die zehn beliebtesten Kinderstars" zeigte, kamen Sie auf Platz 6 - zwischen Vanessa Paradis und Brooke Shields.

Sollen wir jetzt den Menschen da draußen sagen, dass diese Liste totaler Quatsch ist?

Man fragt sich schon: Warum hat Heintje es nicht unter die Top Ten geschafft?

Nein, man fragt sich: Was soll der Quatsch? Mal einfach zehn Namen hinschreiben - muss man den Zuschauern so was vorsetzen? Das ist Zeitverschwendung! Müll!

Auf Youtube findet man einen Ausschnitt aus der "ZDF-Hitparade": Sie und vier weitere Kinder, die von einem Jungen namens Manuel singen.

Haben die Leute echt die Zeit, nach so etwas zu suchen? Wozu?

Weil die Sie toll finden?

Vielleicht schätzen die meine Arbeit. Aber ich bin niemand, den man toll findet.

Sie wollen kein Star sein?

Ich bin kein Star.

Sie kokettieren.

Ich bin jetzt 42 Jahre alt, ich muss nicht mehr kokettieren. Früher hab ich immer gesagt, in Deutschland gibt es nur einen Star, und das ist Götz George. Jetzt habe ich in einem Interview gelesen, dass auch er sich nicht als Star sieht. Vielleicht haben wir ja gar keine Stars in Deutschland, das wäre dann auch nicht schlimm. Ich finde, es muss gar nicht alles so superprominent sein, was ich mache. In den vergangenen Jahren habe ich mehrere Male Kindergruppen durch die Bundeskunsthalle in Bonn geführt, ein Riesenspaß, ich hab ja mal Museumspädagogik studiert. Vor den Führungen hab ich immer den Künstler getroffen, damit ich den Kindern sagen kann, was das für ein Mensch ist. Alex Katz. Tony Cragg. Oder Georg Baselitz, was für ein knorriger, geiler Typ.

Wusste der, wer Sie sind?

Nee, das musste er sich erklären lassen. Finde ich super! Besser als einer, der mich aus dem Fernsehen kennt und mich in der Erwartung empfängt, dass ich auch privat immer lustig sein müsste.

Können Kinder mit Baselitz etwas anfangen?

Das erste Bild, wenn man reinkommt, war die "Große Nacht im Eimer", da sieht man einen Typen, der sich einen runterholt ...

… also eher nichts für Kinder.

Ach was, Zwölfjährige schockt doch heute nichts mehr. Nee, interessant daran ist ja nicht das Wichsen, sondern dass bei Baselitz' erster Ausstellung die Staatsanwaltschaft dieses Bild konfisziert hat - wegen Unsittlichkeit. Das ist eine dolle Geschichte, die Kinder fanden das hoch spannend.

Kommen die Kinder nicht nur in die Ausstellungen, weil sie die Tante aus dem Fernsehen sehen wollen?

Überhaupt nicht. Nach den Führungen sitze ich mit den Kindern da, und wir malen gemeinsam und reden. Einmal kam ein Mädchen zu mir und sagte: "Ich sollte mir ja eigentlich ein Autogramm holen, aber ich weiß gar nicht, warum." - "Wer hat dir denn gesagt, dass du ein Autogramm holen sollst?" - "Meine Mama." - "Ja, und möchtest du eins?" - "Nö."

"Ladykracher", ab dem 7. November immer freitags, ab 22.15 Uhr auf Sat1

Interview: Alexander Kühn / print
Themen in diesem Artikel