HOME

Interview Sarah Kuttner: "Die ARD zu retten ist nicht mein Auftrag"

Ihre Show auf MTV wurde abgesetzt, weil sich die junge Zielgruppe mehr für Klingeltöne interessierte. Jetzt bekommt Sarah Kuttner bei den Öffentlich-Rechtlichen ihre Chance. Im Interview mit stern.de spricht Kuttner über wohlgeformte Brüste, die Teenies von heute und warum sie sich nicht als Retterin der ARD versteht.

Von Katharina Miklis

Mit Bruce Darnell hat es nicht geklappt. Jetzt will man es bei der ARD mal mit Sarah Kuttner versuchen. Sie soll die junge Zielgruppe zu den Öffentlich-Rechtlichen bewegen. Auf den ersten Blick scheint sie dafür prädestiniert: Die Teenies kennen sie als Moderations-Plaudertasche von Viva und MTV und für den "Playboy" hat sie sich auch schon ausgezogen. Aber ob das reicht? An drei Sonntagabenden soll Kuttner nun im Ersten nach den Geschichten hinter skurrilen Kleinanzeigen suchen. Die heißen dann: "Bordell zu verkaufen", "Tausche neues Katzenklo gegen milden Kaffee" oder "Suche seriöse männliche Begleitung für Besuch von Bundesliegenschaften in Berlin, möglichst mit konservativer Weltanschauung". Der Sendeplatz ist gewagt: 23.30 Uhr. Aber vielleicht ist das sogar der Trick?

Die Generation Viva macht sich auf zu neuen Ufern. Oliver Pocher und Sie gehen zu den Öffentlich-Rechtlichen, Gülcan Kamps und Collien Fernandes in den Kuhstall. Wie sind Sie dem Kuhmist entkommen?

Also ich sehe mich nicht mit sehr großen, wohlgeformten Brüsten neben einer Kuh stehen. Nichts gegen die Kuh! Und das Projekt an sich finde ich auch gar nicht mal so schlecht. Es wird aber Gülcan und Collien nicht gerecht, das finde ich so schade. Sie verkaufen sich als doofe Stadttussies.

Sind sie das nicht auch?

Ach, die werden schon ein bisschen so sein, sonst würden sie es ja nicht machen. Ich bin mir nur nicht sicher, ob beide Mädels begreifen, um was es genau geht: Sie als doofe Tussen darzustellen. Aber das ist ja auch nicht mein Problem.

Nein, Sie wühlen nicht im Mist, sondern in Zeitungen nach skurrilen Kleinanzeigen, denen Sie auf den Grund gehen. Was war da Ihre merkwürdigste Erfahrung?

Definitiv der Pulli-Hund! Da war eine Frau, die jemanden suchte, der die Haare von ihrem Hund verspinnt, damit sie sich daraus einen Pullover stricken kann. Wir fanden das wirklich widerlich und dachten: Die ist doch verrückt, das ist gruselig. Wir hatten echt Angst dahin zu fahren. Und dann war sie total toll. Eine Frau wie du und ich. Ganz aufgeweckt und lustig. Für sie war das einfach nur ein großer Spaß, so einen Hundepulli zu tragen.

"Kuttners Kleinanzeigen" wird sonntagabends zu relativ später Stunde gezeigt. Etwas versteckt oder?

Ich finde 23.30 Uhr toll. Das ist eine Uhrzeit, in der ich fernsehe. Viele meckern rum: Das würde dann ja keiner sehen. Keine Ahnung. Leute aus meinem Umfeld gucken um diese Uhrzeit fern. Und wenn nicht: Die ARD wird sich schon etwas dabei gedacht haben.

Es wurden nur drei Folgen gedreht. Was kommt danach? Schmidt und Pocher stehen ja gerade etwas in der Kritik. Wollen Sie sich nicht neben Harald Schmidt setzen?

Ich denke, es sollte keiner mehr neben Harald Schmidt sitzen. Ich glaube, dass Harald mit den Jahren ein bisschen die Leidenschaft für das Fernsehen verloren hat, was sein gutes Recht ist. Aber unter diesen Umständen würde es vermutlich keinen Spaß machen neben ihm zu sitzen.

Sehen Sie sich ein bisschen als die Retterin der ARD, die jetzt nach Pocher und Bruce Darnell versuchen soll, die junge Zielgruppe zu locken?

Nein. Das ist nicht mein Auftrag! Ich habe dieses Angebot vom SWR bekommen, die wollten gerne eine dreiteilige Reportagesendung mit mir machen und ich habe brav abgeliefert. Zwischendurch wurde dann entschieden, dass das in der ARD laufen soll. Aber ich habe nie mit jemandem von denen gesprochen. Und die würden sich auch hüten, bei mir anzurufen und zu sagen: Sie retten jetzt bitte die ARD. Verjüngungskur? Botox für die Öffentlich-Rechtlichen? So weit denk ich gar nicht. Sie wollten eine Sendung, sie kriegen eine. Und dass jeder irgendwo auch Nachwuchs braucht, ist doch auch klar.

Also versuchen Sie gar nicht erst, das junge Viva- und MTV-Publikum in die ARD zu ziehen?

Ich mache mir darüber einfach keine Gedanken. Es ging einfach darum, merkwürdige Anzeigen zu finden und zu gucken, wer dahinter steckt. Ich kann mir vorstellen, dass 13-Jährige das lustig finden. Dass aber auch 70-Jährige daran interessiert sind, wie es in einem Puff aussieht oder wie groß die kleinste Bibel der Welt ist.

Ihre Sendung "Sarah Kuttner - Die Show" wurde vor zwei Jahren auf MTV abgesetzt, weil sich die jungen Zuschauer nicht mehr dafür interessiert haben...

Das war sehr traurig. Nicht weil ich den Job verloren habe, sondern weil die ganze Redaktion, die wie meine Familie war, weggegangen ist. Mir fehlten einfach die Menschen. Dieses Einheitsgefühl, dass wir gegen alle anderen kämpfen.

Waren Sie nicht auch ein bisschen sauer auf die Teenies, dass die sich scheinbar nur noch für diesen Klingelton-Müll interessieren?

Ich kenne keine Teenager. Und ich weiß nicht, was die sehen wollen. Aber wenn die Quote bei diesen Sachen besonders hoch ist, dann wollen die das wohl sehen. Ich finde das auch nicht so schlimm. Die Quote gibt MTV recht und kein Fernsehsender dieser Welt richtet sich gegen die Quote. Das ist schade, aber wirtschaftlich gesehen machen die eigentlich alles richtig. Über diese Art von Musikfernsehen regen sich immer nur Erwachsene auf. Das ist aber eben auch nicht mehr Fernsehen für uns. Das ist Fernsehen für junge Menschen. Natürlich wäre es schön, wenn die auch ab und zu mal ein Buch lesen würden. Aber ich glaube nicht, dass wir uns über die Interessen der jungen Menschen stellen dürfen, nur weil wir die nicht mehr verstehen. Wir sind einfach keine Teenager mehr!

"Kuttners Kleinanzeigen", ab dem 6. Juli drei Folgen lang sonntags um 23.30 Uhr im Ersten

  • Katharina Miklis