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TV-Satiriker: Der Weltverbesserer - warum Jan Böhmermann die SPD retten will

Er will die SPD retten und veröffentlicht dazu ab sofort jeden Montag eine Rede: Hinter Jan Böhmermanns Satireaktionen steckt kein Nihilismus, sondern ein echtes Bedürfnis, die Welt zu verbessern. Eine Würdigung.

Von Jens Wiesner

Jan Böhmermann

Jan Böhmermann in seinem Video, das an die Rede von Philipp Scheidemann 1918 erinnern soll

Wer Jan Böhmermann einen Zyniker oder einen Nihilisten schimpft; einen, der es "ja doch nur auf den schnellen Lacher" abgesehen hat; einen, der einzig danach strebt, jeden Diskurs bis in die dritte Meta-Ebene hinein tot zu dekonstruieren, der hat das Herz dieses Mannes nicht verstanden. Oder einfach nicht gut genug hingehört und zugesehen.

Denn nicht erst seit der Causa Deniz Yücel, in dessen Rahmen der Satiriker aus Vegesack erstmals in aller Öffentlichkeit den schützenden Mantel der Ironie abwarf, um sich ganz unironisch für die gute Sache einzusetzen, sollte jedem, der den Werdegang des Schmidt-Zöglings länger beobachtet hat, klar sein: Hier wirkt kein Mensch, dem alles scheiß egal ist, sondern einer, dessen Herz für etwas brennt, einer der aus tiefster Überzeugung an Werte wie Demokratie, Recht und Gerechtigkeit glaubt - und genau deshalb Harald Schmidt weit überlegen ist.

Erinnern wir uns an jenen Moment, als der blasse, dünne, aber sicher noch etwas zu grüne Junge während einer "Roche und Böhmermann"-Sendung die Talkmasterin Britt harsch dafür anging, wie sie damit leben könne, ihre Gäste vor ganz Fernsehdeutschland bloßzustellen - bewusst der Tatsache, dass diese Gäste die Konsequenzen ihrer fünf Minuten im Rampenlicht oft gar nicht selbst abschätzen konnten und sich ungewollt der Lächerlichkeit preisgaben. Böhmermanns ehrlicher Furor prallte damals noch an der aalglatten Maske des Fernsehprofis ab. Aber Jahre später folgte sie dann doch noch, die späte Rache am menschenverachtenden System jener TV-Shows, die aus dem Bloßstellen von Menschen eine Abendunterhaltung gemacht hatten: #verafake

Böhmermann, der Idealist

Sei es nun Schmähgedicht oder Stinkefinger - die Böhmermannschen Coups waren nie nur Pranks um des Showeffekts Willen, sondern dienten immer einer Sache, die eigentlich genuine Aufgabe des Journalismus sein sollte: die Enttarnung von Fehlern im System; vor allem im politischen und gesellschaftlichen System Deutschlands, an dessen Ideale Böhmermann bis heute unbeirrt glaubt. Was ihn ironischerweise zu einem ungeheuren Romantiker macht. Der Satiriker narrte Politiker wie Journalisten gleichermaßen, um  menschenverachtende und raubtierkapitalistische Mechanismen in der Medienwelt zu entblößen, und verneigte sich als Rapper mit Herz und Faust und Zwinkerzwinker vor Grundgesetz und Gewaltenteilung.

Als der Satiriker nun nach der Sommerpause seines Neo Magazin Royals ankündigte, SPD-Parteichef werden zu wollen, missverstanden dies viele als einen relativ misslungenen, PR-heischenden Gag zum Staffelauftakt und sahen seine humoreske Halbwertszeit schon weit überschritten.

Dabei war die Aktion wohl eher die Verzweiflungstat eines gefrusteten Sozialdemokraten im Herzen, der getrieben vom Frust über die derzeitigen politischen Verhältnisse, nicht mehr untätig nebenan stehen konnte und wollte. Natürlich hat Böhmermann nicht wirklich vor, Berufspolitiker zu werden, schafft es nun aber durch einen kongenialen Schachzug, den verstummten Idealen der Sozialdemokratie wieder eine Stimme zu geben.

Anonym können SPD-Politiker und Sozialdemokratie-Sympathisanten nun nämlich jene gepfefferte Rede schreiben, die sie schon immer in der Öffentlichkeit halten wollten, aber nicht zu halten wagen.

Jan Böhmermann, der Sozialdemokrat von Herzen

Statt ihrer springt Böhmermann in die Bresche, das frisch gebackene Mitglied des Köthener SPD-Ortsverbands, das nun jeden Montag als Medium und Katalysator für diese Gedanken dient, indem er sie sich einfach selbst in den Mund legt und als Rede seiner nicht unbeträchtlichen Gefolgschaft vorträgt.

Wer die erste Rede - die "Entschuldigung an den Wähler" - gehört hat, merkt: Es sind ehrliche, selbstkritische, aber auch wehrhafte und kämpferische Gedanken; Gedanken, die Hoffnung auf eine bessere, fairere und friedlichere Zukunft machen; Gedanken, die wir von unseren Politikern hören wollen, aber nicht mehr hören. 

Jan Böhermann parodiert Rapper Kollegah

Es sind Gedanken, von denen Jan Böhmermann wohl wirklich hofft, dass sie einer in Angst vor ihrem eigenen Volk und vor dem Verlust ihrer Ämter erstarrten Berufspolitik den nötigen Anstoß geben könnten, wieder ihrer genuinen Arbeit nachzugehen anstatt sich im Kleinklein des intra- wie interparteilichen Gezänks zu verzetteln.

Vielleicht mag in Böhmermanns Institutionengläubigkeit schon zu viel Romantik liegen, vielleicht, ja wahrscheinlich sogar, verpufft die Idee im Nichts. Aber man wird doch wohl noch träumen dürfen.