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TV-Kritik

Auftritt bei "Hart aber fair": Spahn: "Wenn sie das Privatsystem abschaffen, dann warten alle länger"

"Warten zweiter Klasse – was bessert sich für Kassenpatienten, Herr Spahn?" Diese Frage sollte der neue Gesundheitsminister bei "Hart aber fair" beantworten. Stattdessen sang er ein Loblied auf die deutschen Sozialsysteme - mal wieder.

Gesundheitsminister Jens Spahn, CDU, am Montagabend in der ARD-Sendung "Hart aber fair"

Gesundheitsminister Jens Spahn am Montagabend in der ARD-Sendung "Hart aber fair"

Der frisch gebackene Bundesgesundheitsminister Jens Spahn ist in den Runden der politischen Talk-Shows ein gern gesehener Mann. Am Montag war es Frank Plasberg, der seinem Stammgast den roten Teppich ausrollte. Thema des Abends: "Warten zweiter Klasse – was bessert sich für Kassenpatienten, Herr Spahn?"

"Die allermeisten Deutschen schätzen ihr gutes deutsches Gesundheitswesen, aber es gibt ein großes Aufregerthema, wo auch das Gefühl von Unfairness da ist, und das ist die Frage: Wie schnell hat wer einen Arzttermin, und warum hat der Privatversicherte schneller einen?", fasste Spahn die Problematik aus seiner Sicht zusammen. Wie er es lösen will? Er habe da "so'n paar Ideen rund um die Terminservicestellen", lautete sein nicht gerade ausgereifter Vorschlag. Gemeint ist ein Callcenter-Service für die Vermittlung von Facharztterminen, den es seit 2016 gibt, und der das Problem bislang offenbar nicht beseitigen konnte. 

Statt Tacheles zu reden, erging sich Spahn wieder in Plattitüden und Lobpreisungen auf die deutschen Sozialsysteme. "Wir haben bei allen sozialen Sicherungssystemen ein Niveau wie es das faktisch in keinem anderen Land gibt." Dies könne man wertschätzen, bevor man darüber rede, wo Probleme seien und was man besser machen könne. "Wir können auch mal stolz sein auf die Solidargemeinschaft, die wir haben bei Gesundheit oder bei Hartz IV, was wir da gemeinsam leisten - wohl wissend, dass es in der konkreten Situation manchmal sehr schwierig ist", setzt er in Anspielung auch auf seine umstrittenen Äußerungen zu Hartz IV hinzu.

Ein Hoch auf das Privatsystem

In der Abschaffung des Privatsystems sieht Spahn jedenfalls keine Lösung. "Dann warten alle länger.“

Andreas Gassen, der Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, sprang ihm bei. "Wir reden im Regelfall über ein Komfortproblem". Die Zweiklassenbehandlung beim Arzt sei vor allem "eine gefühlte". In Schweden müsse man bis zu 73 Tage auf einen Facharzttermin warten. Da sehe es doch in Deutschland besser aus. Aber bei akuten Problemen werde "man auch drangenommen".

In gewisser Hinsicht seien die Kassenpatienten sogar im Vorteil. Letztlich schließe jeder Privatversicherte mit maßgeschneiderter Abdeckung bei Vertragsabschluss eine Wette auf seine Gesundheit ab. "Das Absicherungspaket der gesetzlichen Krankenversicherung ist um Längen umfänglicher als das der privaten Krankenversicherung", behauptete Gassen.

Jens Spahn demonstriert Realitätsferne

Außerdem würden viele Ärzte keinen Unterschied zwischen gesetzlich und privat Versicherten machen, sinnierte Spahn, der noch vor wenigen Jahren an Lobbyarbeit für die Gesundheitsindustrie verdiente. Wie weit er da von der Realität entfernt ist, zeigte das Beispiel von Simone Leithe aus Sachsen, Mutter von drei Kindern. Sie wollte beim Kinderarzt einen Termin. Antwort: "In vier Wochen." Und wenn sie privat versichert wäre: "Dann können sie nächste Woche kommen." Einen Termin gab es erst, als sie trickste und behauptete, ihre Tochter leide womöglich an Magersucht. Das Asthma ihres Sohnes hingegen hielten die Ärzte für nicht dringend genug. Sie selbst musste drei Monate darauf warten, bis ein Krebsverdacht hinreichend geprüft wurde.

Vielleicht hätte sie ja mal den Ratschlag beherzigen sollen, den Jens Spahn vor Kurzem in einem Interview mit der "Bild am Sonntag" unterbreitet hat: Man müsse nicht immer gleich zum Arzt, und kleine Fragen ließen sich zukünftig vielleicht auch online klären.

ivi