Kühn kuckt - die TV-Kolumne Was von Oma blieb


Die größten Schätze der Fernsehkunst finden sich mitunter in den Dritten Programmen. Sie heißen "Was die Großmutter noch wusste" oder "Kunst & Krempel". stern-Redakteur Alexander Kühn hat sie ausgegraben.

Der Einzug der dritten Zähne bringt offenbar auch die Liebe zu den Dritten Programmen mit sich. SWR, WDR, NDR und die übrigen regionalen Höhlen der ARD sind das Refugium der Betagten. 61 Jahre alt sind die Zuschauer der Dritten im Schnitt; es wohnt ihnen eine anrührende Ehrfurcht vor dem Fernsehen inne, wie junge Menschen sie gar nicht mehr kennen - und ebendiese haben die Dritten sich zunutze gemacht.

Omi zeigt, wie's richtig geht

Es sind die Ratgebersendungen, die wie nichts anderes von der Kompetenz-Kompetenz des Fernsehens zeugen. Sie heißen "Servicezeit: Essen & Trinken", "Servicezeit: Wohnen & Garten" oder "Kaffee oder Tee?". Sie erklären, wie man sich im Büro gesund ernährt oder zuhause seinen grünen Daumen einsetzt. Die Zuschauer der Dritten verlassen sich auf Bewährtes, Erprobtes, Althergebrachtes. Im Südwestfernsehen lief über Jahre "Was die Großmutter noch wusste". Hausmittelchen von gestern und Kochrezepte von vorgestern wurden hervorgekramt. Eine weißhaarige Omi, Kathrin Rüegg aus dem Tessin, stand beschürzt in einem abgedunkelten Studio, hinter ihr ein Bauernschrank, vor ihr eine Anrichte, mit einem Löffel rührte sie im Teig. Ein dicker Mann mit kittelartigem Hemd stapfte hinzu. Es war Werner O. Feißt, früher Hauptabteilungsleiter des Familienprogramms, und fragte im badischen Singsang: "Katrin, was machsch du da?". Schweizerdeutsche Antwort: "Ich rühr im Teig." Frage: "Warum rührsch du net mit dem Rührgerät?". Antwort: "Die Großmutter hat auch immer de Löffel genomme." Der frühe Tod des dicken Mannes beendete die Reihe. Was bleibt, sind sonntagnachmittägliche Wiederholungen.

Zum Reichtum der Erfahrung, den die Großmutter einem mitgab, gesellen sich deren materielle Hinterlassenschaften. Die Zuschauer der Dritten haben ihre Pfründe bereits zusammen, manche weniger, manche mehr. Und einige von ihnen wissen gar nicht, welche Schätze sie in ihrem Keller oder auf dem Dachboden verstaut haben. Nun, im letzten Drittel ihres Lebens, suchen sie Gewissheit. Auch ihnen wird geholfen - seit mehr als zwanzig Jahren im Bayerischen Fernsehen, im Magazin "Kunst & Krempel", samstags von 19.45 Uhr bis 20.15 Uhr.

Geriatrische Gelassenheit der Betagten

Menschen in Trachenjankern und Landhauskleidern bringen mit, was die Vorfahren ihnen vererbten, einen Orden, eine Uniform, Keramik oder ein bemaltes Schränkchen; Kunsthistoriker und andere Sachverständige sagen, aus welcher Zeit das Stück stammt und wie viel es ungefähr wert ist. Kommt ein Ehepaar mit einer Silberschale, Ur-Ur-Großmutter hatte sich die zur Hochzeit geleistet, nun ist sie im Wohnzimmerschrank geparkt - also die Schale. Durfte nur einmal ins Freie, das war zur Silberhochzeit. Hm, sagt der Experte, Louis-XVI-Dekoration, ins Empire gehend, um 1810, mit Eichenlaub. Sieben- bis siebeneinhalbtausend Euro wert. Das Ehepaar freut sich.

Oder die alte Dame mit der Brosche. Zwei Steine wie große rote Blüten, ein Erbstück von der Mama. Sie habe schon überlegt, das Teil umarbeiten zu lassen, sagt sie. Der Experte Dr. Soundso ist entsetzt: "Um Gottes willen!" Zweite Hälfte 19. Jahrhundert, vier- bis fünftausend Euro - an so etwas lässt man doch nicht rumschrauben! Neureich und froh kehrt die Dame nach Hause zurück.

Auf diese Weise wurden bei "K & K", wie Kenner die Sendung nennen, schon Kostbarkeiten entdeckt: eine Madonna aus der Riemenschneider-Werkstatt, geschätzt auf 400.000 Euro, oder eine Renoir-Zeichnung von ähnlich hohem Wert. Manchmal jedoch erweist sich augenscheinlicher Reichtum als Plunder, der Ring mit dem Monogramm Ludwigs II. als Nachahmung. Glaubte man sich zuvor als Besitzer eines Schatzes, verlässt man die Sendung zwar mit Gewissheit, aber gefühlt finanziell downgegradet. Sagt sich dann jedoch: Was soll's, ich hatte ein reiches Leben, ins Jenseits kann ich ohnehin nichts mitnehmen. Was zählt, sind die Erinnerung und der ideelle Wert. Oh, geriatrische Gelassenheit! Da erweist es sich wieder als Segen, das Alter der Zuschauer der Dritten Programme.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker