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Kühn kuckt - die TV-Kolumne: Wie die Alten sungen

Schimanski, Winnetou, Florian Silbereisen: Wie die Helden der Deutschen mit dem voranschreitenden Verlust ihrer Jugend klarkommen. Ein Report von stern-Redakteur Alexander Kühn.

Schimanski ist alt geworden. Er rennt nicht mehr so schnell wie früher, statt auszuteilen kriegt er auf die Visage. Aber, das hat er am Sonntagabend bewiesen: Der nuschelnde alte Mann in der Schmuddeljacke ist noch immer eine Instanz im Revier; mit Steinkohle und Stahl ging es in den vergangenen Jahren stetig bergab - Horst Schimanski aber hat überlebt. Schimanski ist der Rocky Balboa des Ruhrpotts: Er lebt uns vor, wie man in Würde altert. Kämpft für die vom Schicksal und von Hartz IV Geprügelten. Schlurft noch immer ins Büro, mit fast 70. Hilft, wo kein Kollege mehr weiterweiß. Obwohl er gar kein Bulle mehr ist.

Winnetou ist ja auch kein Indianer mehr. Der Häuptling der Apachen hat sich unter die Volksmusikanten gemischt. Unter seinem bürgerlichen Namen Pierre Brice, der noch immer einen Hauch von großem, reifem Camembert verströmt, tourt er durch Deutschland, gemeinsam mit dem Fernsehballett des MDR und Florian Silbereisen, dem Bill Kaulitz der Ü-70-Groupies. Am Wochenende hatte der Tross in Hamburg Halt gemacht, in der Color Line Arena. Mehr als viertausend silberhaarige Silbereisenfans gerieten aus dem Häuschen. Es ist schön, wenn das Fernsehen zu den Menschen kommt.

Silbereisen, der Bill Kaulitz der Ü-70-Groupies

Man hatte erwartet, dass Pierre Brice, die alte Rothaut, friedenspfeifend hereingeritten käme und dem Gastgeber zuriefe: Mein Bruder! Um dann das Messer zu zücken für den gegenseitigen Austausch von Blut. Stattdessen schritt Pierre Brice die Showtreppe herab, sang "Toutes, toutes, toutes les femmes sont belles", fürs Publikum wurde der Refrain sprechgerecht auf eine Leinwand projiziert, "tutt, tutt, tutt" und "bälle". Wie man Pierre Brice und Florian Silbereisen so nebeneinander sah, dachte man für einen Augenblick, Modern Talking seien wieder vereint. Dann sangen sie gemeinsam "Hoch auf dem gelben Wagen", falleri, fallera, und man wüsste gern, was Old Shatterhand zu all dem gesagt hätte.

Geburtstag habe der Herr Brice neulich gefeiert, sagte der Herr Silbereisen, und ob er verraten dürfe den wievielten. Brice zierte sich ein wenig, ah oui, ah non, mon dieu, und Silbereisen rief: "78!" Das Publikum applaudierte, und alle fragten sich: Wie bleibt der Mann so frisch? Badet er täglich in Nivea? Welchen Wellnesstempel sucht er auf?

Biene-Maja-Karel hält das Kindergeld jung

Es mag l'amour sein, die ihn so jung hält. Oder der Merlot in seiner Garderobe; ein sehr guter, wie ein geheimer stern.de-Test während der Abwesenheit des Herrn Brice ergab. Den Merlot pflegt der Deutschen größter Franzose allein zu trinken, die Garderobe teilte er sich an diesem Abend mit Karel Gott, der Deutschen größtem Tschechen. Der sang sein Lied von der kleinen, frechen, schlauen Biene Maja. Dann wurden Bilder eingeblendet von seiner Tochter; der alte Gott war ja im vergangenen Jahr mit 66 noch einmal Vater geworden. Nun scherzte er, zusätzlich zur Altersversorgung bekomme er auch noch Kindergeld. Auch das hält jung.

Für Florian Silbereisen, 25, und da hat er es wirklich gut getroffen, wird das Altern nie zum Problem werden - pflegt er doch bereits in jungen Jahren den Umgang mit Menschen jenseits der 70 und weiß sich in deren Kultur bestens aufgehoben. Dies jedoch verriet er stern.de nach der Show: An dem Gerücht, er habe eine Affäre mit Mireille Mathieu, 60, ist nichts dran. Alles eine Erfindung der bunten Blätter. (Wir hatten ja immer vermutet, er habe was mit Maria Hellwig, 87; bislang ließ sich das allerdings nicht erhärten.) Für eine alte Dame aus dem Publikum war die dreistündige Show dann doch zu viel: Völlig entkräftet wurde sie von Sanitätern aus der Halle getragen. Herr Silbereisen war sehr bestürzt.