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500. Folge "In aller Freundschaft": Das Skalpell des Ostens

Das Erste sendet die 500. Folge von "In aller Freundschaft". Mit durchschnittlich 6,2 Millionen Zuschauern ist die Heile-Welt-Schmonzette die quantitativ erfolgreichste ARD-Serie überhaupt. Aber warum?

Eine Abrechnung von Bernd Gäbler

Richtig wäre: "Sachsenklinik". Aber das hat sich der MDR zum Start der Serie am 26. Oktober 1998 nicht getraut. Das wäre zu nah an der legendären "Schwarzwaldklinik" gewesen. Und richtig gut lief die Serie zunächst auch nicht. Aber sie hatte sofort einen wichtigen treuen Fan, den damaligen ARD-Programmdirektor Dr. Günter Struve, der stets mit Verve für das eintrat, was seinem eigenen Geschmack nicht entspricht. Für die Massen sollte das dann gerade gut sein. Also gefiel ihm die Simpel-Serie "In aller Freundschaft" außerordentlich gut.

Im Jahr 2010 nun lief die für das 17-köpfige Kernteam um Klinikleiter Prof. Dr. Simoni (Dieter Bellmann) erfolgreichste Staffel. Zwar schauen nur alte Leute zu - aber immerhin 6,2 Millionen im Schnitt. Der Erfolg und die 500. Folge sollen gebührend gefeiert werden - mit einem Gaststar! Nachdem in früheren Folgen schon Mariella Ahrens, Johannes Heesters und Pierre Brice die Mull-Serie künstlerisch bereicherten, ist nun wahrhaftig Horst Köhler angekündigt! Es handelt sich nun aber nicht um den ehemaligen Bundespräsidenten, sondern um einen anderen Mann, der im wahren Leben Horst Köhler heißt. Der Künstlername dieses Horst Köhler ist "Guildo Horn" - er spielt in der 500. Folge "Vier in einem Boot" einen Julius Doberer, der sich eine Kopfverletzung zuzieht. Und er darf natürlich auch singen. Mit diesem Auftritt bleibt sich die sächsische Skalpell-Serie treu: Immer erhält die Billig-Variante den Vorzug.

Simple Storys, flache Dialoge

Der Mensch braucht Rituale. Der Sinn des Fernsehens scheint oft darin zu liegen, die Menschen mit dem Gewohnten zu überraschen. So funktioniert auch "In aller Freundschaft". Die Zuschauer bekommen exakt das, was sie schon kennen und folglich erwarten. Wer nicht zur treuen Gemeinde gehört, kann kaum fassen, was da gezeigt und wie da geredet wird. "Ich weiß einfach nicht mehr, was ich machen soll". "Aber du liebst ihn" "Empfindet er genauso für dich wie du für ihn?" "Es gibt Menschen, die bringen sich für weniger um." "Noch ist sie nicht tot." Die 14 parallel arbeitenden Drehbuch-Autoren schreiben wie eine einzige Maschine - und zwar immer genau solche Sätze, die jeder halbwegs ambitionierte Autor vermeidet. Immer auf die Zwölf, nie etwas andeuten, immer klingen die aufgesagten Sätze wie gerade aus dem Lore-Roman kopiert. Nach jeder Frage kann man die Antwort schon mitsprechen. Ein Fernsehen der Minimierung geistiger Anstrengung.

Obwohl die Serie erst 1998 startete, haftet ihr auf eigenartige Weise ein Ost-Geruch an. Als einzigen Preis hat sie bisher folgerichtig die "Goldene Henne" bekommen, das "Ostzonen-Bambi" der "Super-Illu". Diese Zeitschrift ist es auch, die Wohl und Wehe der Klinikstars andächtig begleitet. In keiner anderen Arztserie spielt die Medizin eine so geringe Rolle. Zwar sind die Produzenten stolz darauf, bisher schon 260-mal grüne OP-Kleidung für 794 Operationen und 300 Liter Filmblut verbraucht zu haben, für ein "ER"- oder "Dr. House"-geschultes Publikum aber ist das gemächliches Laientheater. Da pulsieren keine inneren Organe, da spritzt kein Blut, da tropft kein Eiter, gibt es nur ganz selten kranke Kinder - erst recht keine komplexen medizinischen Probleme. Vom Blinddarm bis zum Gehirn wird in der "Sachsenklinik" einfach alles munter hintereinander weg operiert. Dazu reicht das Hantieren an grünem Tuch. Klinik, Krankheit und Kanülen sind nur die Folie für die menschlichen Konflikte, die genauso aseptisch dargestellt werden. Mit einem gerüttelt Maß menschlicher Vernunft sind sie stets sauber lösbar.

Nicht nur, dass die "Sachsenklinik" simpel ist, sie blendet auch gesellschaftliche Konflikte aus, ereifert sich unser Kolumnist Bernd Gäbler. Lesen Sie mehr auf der nächsten Seite!

Versöhnung, bis es weh tut

Gerade noch will die eine Patientin die andere umbringen. Sie hat der Schwerkranken die Kündigung überbracht. Daraufhin reißt sich die Arme die Schläuche heraus und wäre fast dahingeschieden. Die Ärzte retten sie. Kurz darauf sitzen beide beieinander - und vertragen sich sofort. Ja, man sei eben nicht rücksichtsvoll genug gewesen, habe sich zu wenig in die Lage der anderen hineinversetzt. Beide beteuern eigene Schuld. So geht es immerzu. Das Leben kennt natürlich Konflikte und sogar Tragik, aber letztlich winkt am Horizont stets sicher auch die Versöhnung. "In aller Freundschaft" ist eine einzige "Heile, heile Gänschen"-Idylle, ein in nur 5 1/2-Drehtagen heruntergespultes, 45-minütiges Trostpflaster, das 42-mal im Jahr aufgelegt und in den Dritten Programmen 184-mal wiederholt wird.

Unwahrscheinliches stört nicht

"Die Lindenstraße" hat den Anspruch auf Realismus und Relevanz. Auch in der Serie "In aller Freundschaft" sollen Schreibtische und Spritzen, Krawatten und T-Shirts, Autos und Gebäude "echt" aussehen, auch darf Dr. Kathrin Globisch (Andrea Kathrin Loewig) als frisch gebackene Mutter gerne überfordert sein und die Ehe von Chefarzt Dr. Roland Heilmann (Thomas Rühmann) über die plötzlich auftauchende uneheliche Tochter Lisa in die Krise geraten; aber Scharen schlecht bezahlter philippinischer Krankenschwestern oder Ärzte mit Migrationshintergrund darf man von der braven Ost-Serie bitte nicht erwarten.

Die Serie bleibt märchenhaft. Deswegen kann sie in ihren Plots problemlos Absurditäten und Unwahrscheinlichkeiten aller Art unterbringen. Kaum sucht die pragmatische Gattin Pia Heilmann (Hendrikje Fritz) mit klarem Kopf nach vernünftigen Lösungen für Lisa, kommt deren Mutter auch schon bei einem Flugzeugabsturz ums Leben. Lernt die attraktive, aber etwas spröde Verwaltungschefin Sarah Marquardt (Alexa Maria Surholt) endlich einen traumhaft zu ihr passenden Mann kennen, stirbt der direkt vor dem Traualtar.

Ein ständiges Hoch auf die hierarchische Ordnung

So entsetzlich bieder, so furchtbar angepasst, so antiquiert wirkt das schier endlose Sachsenklinik-Epos auch deswegen, weil immer die Ordnung siegt und bestätigt wird. Zwar gibt es da mit dem "Belegarzt Dr. Rolf Kaminski" (Udo Schenk) einen Typus, der hohe fachliche Kompetenz keineswegs mit einem freundlichen Charakter verbindet; auch werden Reibungen zwischen den Hierarchie-Ebenen gerne aufgeführt - aber am Ende ist der joviale Klinikleiter Prof. Dr. Simoni (Dieter Bellmann) doch weitsichtig gewesen. Das schafft er oft nicht aus eigener Kraft, sondern sanft geleitet durch seine Chefsekretärin Barbara Grigoleit (Uta Schorn). Sie hat das Herz auf dem rechten Fleck, ist loyal und humorvoll, hält ihm Ärger vom Hals und organisiert den Tag. Letztlich ist es sie, die den Laden zusammenhält, das System stabil und die Serie intakt. Die Darstellerin Uta Schorn moderierte im DDR-Fernsehen 15 Jahre lang den "Wunschbriefkasten". Sie hat die Wende geschafft. Sie ist die Zentralfigur zur Zuschaueridentifikation. Darum darf sie parallel sogar bei "Dr. Kleist" mitwirken.

All dieser Kitsch, diese ritualisierte Idylle, diese Stabilisierung durch entmündigendes Illusionstheater mag massenhaft Bedürfnisse befriedigen. Liebe und Kabale in Gips und Mull mag die Menschen tröstend verbinden, ein Existenzrecht soll der "Sachsenklinik" also gar nicht abgesprochen werden - aber warum nur müssen wir alle solche televisionären Groschenromane per Haushaltsgebühr finanzieren? Das ist die Kernfrage zum Jubiläum.

Die 500. Folge "In aller Freundschaft" läuft am Dienstag, 14. Dezember, um 21.05 Uhr in der ARD.