Kuppelshow Blaublut auf Brautschau


Erst Bauern, jetzt Adlige: In der Kuppelshow "Gräfin gesucht" treffen noble Singles auf heiratswillige Frauen. Die Damen lockt ein feudales Leben, die Herren genießen den TV-Ruhm - und der deutsche Adel bangt um seinen Ruf.
Von Andrea Ritter und Christoph V. Twickel

Sobald die Haushälterin nach dem Mittagessen den Hof verlassen hat, wird es still im Herrenhaus. Dann ist Moritz Graf zu Reventlow allein mit seinen Ahnen. Stumm und streng blicken sie von den Ölgemälden, während der Spross aus dem alten holsteinisch-dänischen Geschlecht auf knarzenden Dielen durch die Flure schreitet. "Alles uralter Familienbesitz", sagt er und grinst stolz. Viel los ist nicht mehr, auf Gut Wulfshagen in Tüttendorf, Landkreis Rendsburg-Eckernförde.

Weder das Esszimmer mit den prachtvollen Stuckaturen von 1790 noch der blaue Salon mit der französischen Barocktapete können darüber hinwegtäuschen. Im Park mit den 600 Jahre alten Eichen sagen sich nur Damund Muffelwild Gute Nacht. "Als ich Kind war, gab's hier noch einen Gärtner, der die Wege gekiest und geharkt hat", seufzt der 38-Jährige auf dem Weg zur Kapelle. Vor der Familiengruft sinniert er mit norddeutschem Einschlag: "Hier werde ich dann wohl auch mal liegen."

Bevor das so weit ist, gilt es jedoch, die gräfliche Schlafstätte im Diesseits zu bestücken. Denn der blond gescheitelte Gutsherr mit den rosigen Wangen ist Single. Und das soll sich ändern. "Gräfin gesucht. Adel auf Brautschau" heißt die Kuppelshow auf Sat 1, in der sich Graf Moritz und drei seiner Standesgenossen vom kommenden Sonntag an auf Freiersfüße begeben. Eine adelige Old-Boys-Group, angepriesen im Basteiroman-Stil: Graf zu Reventlow gibt den "attraktiven Gutsherrn". Benedikt von Hobe, 48, Herr auf dem 40 Kilometer entfernten Gut Düttebüll, geht als "humorvoller Romantiker" ins Rennen. Der Münchner Galerist Michael von Miller, 42, läuft unter der Kategorie "geselliger Familienmensch". Und dann ist da noch "der charismatische Unternehmer" Constantin von zur Mühlen, 44, aus Hamburg, auf der Suche nach einer Gespielin "zwischen 25 und Anfang 30", und zwar "gepflegt und sehr attraktiv".

Nach den RTL-Bauern sollen die Blaublüter nun Sat 1 Einschaltquoten bringen: Man geht beim Sender davon aus, dass der Marktanteil für die adelige Brautschau deutlich überdurchschnittlich ausfällt. Graf Moritz weiß auch warum: "Schließlich wollte jedes Mädchen einmal eine Prinzessin sein. Mit diesem Wunsch spielen wir. Und zum Teil erfüllen wir ihn auch."

Der Adelskreis zeigt sich wenig amüsiert

Wenn der junge Graf federnden Schrittes das 18 Hektar große Waldgrundstück durchquert, sieht er tatsächlich ein wenig aus wie Hollands Kronprinz Willem- Alexander auf dem königlichen Landsitz. Hier wird ein Tomätchen gepflückt, dort ein toter Ast aus dem Weg geräumt. "Bei Sonnenschein mache ich die Geschäfte vom Segelboot aus." Klingt paradiesisch. Aber: "So ein Besitz muss auch erhalten werden."

Das Herrenhaus von 1699, die historischen Scheunen mit Fachwerk und löchrigem Reetdach - da muss der Graf auch mal höchstselbst in den Blaumann. "Als Adliger hat man Sinn für Historie und Tradition, da reißt man so was nicht einfach ab, obwohl's keinen Wirtschaftswert hat. Sind ja Kulturdenkmäler des Landes." Noblesse oblige, wie der französische Herzog Duc de Lévis schon im Jahre 1808 schrieb: Adel verpflichtet. Und was sagt die Familie zu "Gräfin gesucht"? "Klar wird da auch viel getratscht. Aber da muss man drüber stehen."

Im weiteren Adelskreise ist man nicht amüsiert. "Wir sehen das äußerst kritisch", sagt Wolf Dietloff von Bernuth, Präsident der Adelsvereinigung in Hessen. Beim Gedanken an Grafen, die im Fernsehen Prinzessinnenträume erfüllen, kann der Pensionär mit dem silbrigen Bart nur bekümmert den Kopf schütteln. "Üblicherweise bemühen wir uns um Zurückhaltung. Es gibt so viele unzutreffende Klischees über den Adel, die muss man ja nicht noch stützen." Oh ja. Man denke nur an Foffi alias Ferfried Prinz von Hohenzollern und seine Silikon-gepolsterte Gespielin Tatjana Gsell. "Damit möchte man, bitte schön, wirklich nichts zu schaffen haben."

Gemeinsam mit zwei Dutzend anderen Hochwohlgeborenen sitzt von Bernuth beim Katerfrühstück auf der Sommerterrasse der "Kanufreunde Mainz- Mombach 1929 e. V." und plaudert über die Ereignisse der vergangenen Nacht. Im Kurfürstlichen Schloss zu Mainz fand der "Internationale Adelsball" statt, mit Gästen aus sechs EU-Ländern. Die Männer in Frack und Smoking, die Damen in Abendrobe, so tanzte man Quadrille - mit Ansage der Schrittfolge. Aber natürlich auch Walzer, Foxtrott oder "Friesenrock", eine Art adeliger Disco-Schieber.

Zum Brunch bei den Mainzer Kanufreunden gibt es statt Champagner Kaffee aus der Thermoskanne. Und selbstverständlich Handküsse für die verheirateten Damen. Die jungen Adligen, die hier auf der Terrasse beisammensitzen, kennen sich über Adels-Tanzstunden und Bälle. Vielleicht war man gemeinsam auch mal auf einer der jährlich stattfindenden "Adel auf dem Radel"-Sommerfreizeiten, bei denen Kinder und Jugendliche gruppenweise von Gut zu Gut fahren. In diesem Jahr empfängt eine gräfliche Familie in Unterfranken die Drahteselkohorte zum festlichen Abschluss. Bei den blaublütigen Zusammenkünften gehe es nicht zuletzt um "Wertevermittlung", erklärt Falck von Hahn, im Brotberuf "Room Division Manager" in einem Frankfurter Tophotel. Understatement plus Etikette heißt die Devise. "Man ist nichts Besseres, das weiß man ja", sagt von Hahn, dessen Lächeln ein wenig an den jungen Hugh Grant erinnert. Und seine Nachbarin ergänzt: "Wenn mich meine Mitschüler gefragt haben, ob wir ein Schloss besitzen, habe ich immer geantwortet: mehrere. An jeder Tür eins."

Mit Bescheidenheit haben die vier noblen Hagestolze von der Sat-1-Kuppelshow keine Last. Das Junggesellen-Quartett gibt sich weltmännisch-dynamisch: Segeln, jagen, rudern oder reiten steht auf dem Fitnessplan, und gelegentlich steigt man auch mal "spontan in den Flieger und erkundet europäische Metropolen". Ein Leben mit Pferden, antiken Möbeln und einem Hauch von Jetset - wer möchte das nicht?

Understatement plus Etikette

"Wäschekörbeweise" haben die "Mädchen" sich beworben, frohlockt Moritz Graf zu Reventlow. "Da zeichnet sich ein Trend ab", glaubt ARD-Adelsexperte Rolf Seelmann- Eggebert. "Früher waren es nur die Boulevardblätter, heute kommt keine Zeitung ohne Adelsberichterstattung aus, nicht einmal die "FAZ". Je länger wir republikanisiert sind, desto interessanter werden Adelstitel und die Traditionen dahinter."

Die Kandidatinnen für "Gräfin gesucht" sehen allerdings nicht so aus, als hätten sie mit Titeln und Traditionen viel am Hut - auch wenn sie ein paar Jahre reifer sind als ihre Konkurrentinnen von "Germany's Next Topmodel". Paris-Hilton-Sonnenbrillen, Pudel auf dem Arm und gewagtes Dekolleté: Wenn die künftigen, von Sat 1 vorsortierten Adelsgespielinnen zum Zehn-Minuten-Speeddating in den Herrenhäusern antreten, muss der gute Geschmack zu Hause bleiben. Sei's drum, den Fernsehgrafen gefällt's: "Sehr attraktiv! Und alles dabei, von der Sekretärin bis zur Akademikerin", schwärmt Graf Moritz. "Vom Niveau her so ausgewählt, dass das passen kann." Und Kumpel Constantin, der in Immobilien macht und gern exotisches Großwild jagt, leckt sich schon mal die Lippen beim Anblick der blonden Gazellen auf seinem Sofa.

Ausfahren in der Kutsche, fürstliche Diners unter barockem Stuck, Nächte im Himmelbett: Der bonbonfarbene Gutshaus- Glamour ist natürlich eine Inszenierung fürs Unterschichtenfernsehen. Tatsächlich bewohnen nur die wenigsten Adligen noch familieneigene Herrenhäuser oder Schlösser. Das Gros der Blaublütigen von heute gehört zum "Etagenadel", wie es früher abfällig hieß. Sprich: Man wohnt zur Miete. Wie viele heute zum Adelsstand gehören, darüber gibt es nur grobe Schätzungen: Zwischen achtzig- und hunderttausend Deutsche tragen ein "von" im Namen. Nicht alle darunter sind adelig: Manchmal geht das "von" auch auf eine Ortsbezeichnung zurück. Wer zum historischen Adel gehört, darüber wird im Deutschen Adelsarchiv in Marburg Buch geführt. Hinter den angegrauten Mau- ern eines Gründerzeithauses erarbeiten vier Archivare das "Genealogische Handbuch des deutschen Adels", auch gern "Gotha" genannt: Die bis dato 143 Bände verzeichnen viereinhalbtausend Familien bis zum jüngsten Nachfahren. Wer hier rein will, muss eine lückenlose Stammreihe nachweisen - nach Kriterien des über tausend Jahre alten Adelsrechts.

Wie viel Prestigewert hat ein "von" im Namen heute noch?

"Der Adel ist eine geschlossene Gesellschaft", sagt der Historiker Gottfried Graf Finck von Finckenstein, einer der Adels- Archivare. "Und das hat immer etwas Faszinierendes. Wir bekommen jede Woche einen Anruf von jemandem, der von seiner Großmutter gehört hat, die Familie hätte in grauer Vorzeit ihren Adelstitel verkauft. Und wir sind die einzige Stelle in Deutschland, die darüber verlässlich Auskunft geben kann."

Mehr als eine Sat-1-Kuppelshow sorgt die adeligen Gralshüter das moderne deutsche Namensrecht: Es erlaubt zum Beispiel, dass Frauen den durch Heirat erworbenen Familiennamen in eine weitere Ehe mitnehmen dürfen. In Marburg aber weiß man, dass den Titel in einer Ehe nur männliche Adlige vererben können. In Ausnahmefällen lässt der "Deutsche Adelsrechtsausschuss", der ebenfalls in Marburg tagt, auch mal eine Adoption gelten. "Etwa wenn der Besitz nur auf diese Weise in den Händen der Familie bleiben kann", sagt Wolf Dietloff von Bernuth. Die Urteile, die in Marburg gefällt werden, bleiben allerdings ohne rechtliche Konsequenz: Seit die Weimarer Verfassung 1919 die Adelsvorrechte abschaffte, ist das Adelsrecht reines Privatvergnügen.

Doch wie viel Prestigewert hat ein "von" im Namen heute überhaupt noch? Michael Hartmann, Professor an der TU Darmstadt, hat den Berufsweg von 6500 Promovierten in Deutschland verfolgt. "Wir haben festgestellt, dass bei gleicher Qualifikation Menschen aus großbürgerlichen Familien etwa zweimal so hohe Karrierechancen haben wie Bewerber aus der Normalbevölkerung", so Hartmann. "Und die Adligen waren noch mal fast doppelt so erfolgreich wie die Großbürgerlichen. Jeder dritte hat es in eine führende Position in einem größeren Unternehmen geschafft." In manchen Vorstandsetagen wisse man eine adelige Herkunft durchaus zu schätzen, glaubt der Eliteforscher: "Adelige Familien bewegen sich zum Teil seit Jahrhunderten in den oberen Etagen der Gesellschaft. Da wird der selbstsichere, dominante Habitus quasi von Generation zu Generation vererbt." Karrierebewusste Blaublüter haben ihre Kreise längst für Bürgerliche geöffnet: Etwa in Studentenverbänden wie der "Canitzgesellschaft Berlin", einst ein Elitezirkel für den männlichen Adelsspross. Die Jungs in Cordhose und Barbour-Jacken, die Mädels mit Perlenohrring, Bluse und Blazer - man erkennt sich am locker-konservativen Outfit. "Das ist ein Riesennetzwerk", sagt Friederike von Winterfeld, die als Studentin zu den "Canitzern" stieß. "Jeder kennt in jeder Stadt und Branche jemanden, den man mal wegen eines Praktikums oder Jobs fragen könnte."

Eine bürgerliche Zicke auf einem gräfischen Gut?

Die hochwohlgeborene Kuppelshow auf Sat 1 betrachten die Adels-Networker mit selbstbewusster Lässigkeit. Hier braucht man keine Fernsehshow, um eine gute Partie zu machen. Und Graf Moritz und seine drei Mitstreiter? Haben die die Kuppelshow nötig? Sind sie so schwer zu vermitteln? "Ich kenne in meiner Umgebung jedes adelige Mädchen im heiratsfähigen Alter", lacht Moritz zu Reventlow. Bisher habe es bloß noch nicht richtig gefunkt.

Da sind die Wäschekörbe voller castingwütiger und womöglich tatsächlich heiratswilliger Twenty- und Thirtysomethings natürlich ein anderes Kaliber. Zwei Damen hat sich Graf Moritz zum näheren Kennenlernen ausgesucht. "Hat Spaß gemacht", sagt er. "Die eine hat einen sehr starken Charakter, mutig und beeindruckend gradlinig. Und die andere ist 'ne Zicke."

Eine bürgerliche Zicke auf einem gräflichen Gut? "Das ist die Challenge", sagt zu Reventlow im besten Neudeutsch. "Das finde ich spannend, mich damit auseinanderzusetzen. Und außerdem wollen wir ja auch unterhalten." Adel verpflichtet schließlich. Nicht zuletzt auch zum Entertainment.

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