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"Maybrit Illner" Lindner ärgert sich, dass Virologen nicht wie Päpste funktionieren

FDP-Chef Lindner diskutiert mit Familienministerin Franziska Giffey
Gäste bei "Maybrit Illner": FDP-Chef Lindner diskutiert mit Familienministerin Franziska Giffey.
© ZDF
Christian Lindner kritisiert im ZDF-Polittalk "Maybrit Illner" das "Hin und Her" deutscher Virologen und greift Christian Drosten an. Mit einem schrägen Vergleich sorgt der FDP-Chef für Verwunderung.
Von Simone Deckner

Die Zuschauer von "Maybrit Illner" haben im Laufe der Jahre schon viele abenteuerliche Politiker-Thesen gehört. FDP-Chef Christian Lindner fügte am Donnerstagabend noch eine äußerst steile hinzu. Erst griff er in seine Jackentasche und wedelte mit einem Mund-Nasen-Schutz herum ("Wir haben alle in den vergangenen Wochen neue Hygieneregeln gelernt"), dann holte er zu seiner verbalen Attacke gegen Virologen im Allgemeinen und Top-Virologe Christian Drosten im Speziellen aus. Er sei ja "total wissenschaftsfreundlich", beteuerte der FDP-Chef, aber "dieses Hin und Her" der Virologen ärgere ihn doch sehr. Drosten etwa habe "binnen 24 Stunden zwei ganz unterschiedliche Aussagen gemacht" zum Thema Ansteckungsgefahr bei Kindern. Selbst die Kanzlerin habe sich darüber "gewundert". Lindners Quelle: die "Bild"-Zeitung.

"Ich würde mir wünschen, dass die Virologen einmal wie die Päpste ins Konklave gehen: Wenn sie sich entschieden haben, sieht man weißen Rauch", gab Lindner seinem Wunsch nach Klarheit Ausdruck. In sicherem Abstand saß der der bislang medial noch recht unbekannte Virologe Jonas Schmidt-Chanasit vom Hamburger Bernhard-Nocht-Institut und seufzte: "Ich will nicht ins Konklave mit Christian", antwortet er Lindner. Stattdessen müssten Politiker einfach lernen, dass Wissenschaftler anders arbeiten als Politiker: Man forsche "Tag und Nacht", der Erkenntnisstand ändere sich dauernd - insbesondere, weil das Virus so unbekannt ist.

So können man etwa die Frage, wie hoch die Ansteckungsgefahr bei Kindern sei, zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht abschließend beantworten. "Man kann das auch nicht an einer Studie festmachen", so der Virologe, es müssten viele weitere folgen. Nicht die Antwort, die sich Lindner gewünscht hatte. "Die Politik macht auf – die Unsicherheit bleibt?" lautete passenderweise das Thema der Sendung.

Auch Franziska Giffey bei Illner zu Gast

Darüber diskutierten: Franziska Giffey (SPD), Bundesministerin für Familien, Senioren, Frauen und Jugend; Christian Lindner (FDP), Parteivorsitzender; Udo Di Fabio, Bundesverfassungsrichter im Ruhestand, Mitglied im "Expertenrat Corona" in Nordrhein-Westfalen (zugeschaltet); Jonas Schmidt-Chanasit, Virologe am Bernhard-Nocht-Institut Hamburg; Katia Saalfrank, Diplom-Pädagogin, Familienberaterin, bekannt geworden als "Super-Nanny" auf RTL; Robert Giese, Schulleiter in Berlin.

Außerhalb des Fernsehstudios hatte sich Lindners Parteifreund Wolfgang Kubicki zuvor kritisch zum Zahlenmaterial des Robert-Koch-Instituts geäußert. Diese seien womöglich "politisch motiviert", verwirrend für die Bevölkerung zudem. Illner schüttete Salz in Lindners Wunde: "Warum fragt Kubicki keinen Virologen, wenn er ein Verständnisproblem mit den Zahlen hat?" Lindner wollte aber lieber über sich statt über Kubicki reden: Das ganze Land sei "im Stillstand", dabei gebe es nur noch "zwei Corona-Hotspots in Bayern". Er sei "kein Anhänger mehr eines bundeseinheitlichen Vorgehens", so Lindner, in dieser Phase müsse man "regional differenziert vorgehen".

Ex-Super Nanny: "Familien werden allein gelassen"

Katia Saalfrank, den Zuschauern noch als "Super Nanny" (ehemaliges RTL-Format) bekannt, hatte da ein durchaus drängenderes Anliegen: Familien, Alleinerziehende und ihre Kinder. Diese fühlten sich von der Politik "sehr allein gelassen" in der Krise: "Home Office und Kindererziehung, das ist wie Heu zu Stroh spinnen – das funktioniert einfach nicht", machte sie einen deutlich sinnigeren Vergleich auf als zuvor Lindner mit seinem päpstlichen Exkurs

Familienministerin Franziska Giffey warf Saalfrank vor, dass die finanzielle Unterstützung "bei den Familien nicht ankommt". Zudem gehe es auch um die Qualität der Notbetreuung, die nicht immer zufriedenstellend sei, etwa, wenn Kinder fremden Erziehern mit Masken und Abstand begegnen müssten, die sie verunsicherten: "Kinder sind keine kleinen Kätzchen, die man irgendwo abgibt."

Menschen sonnen sich im am Sandstrand des Strandbad am Müggelsee (Archivfoto)

Saalfrank machte auch einen konkreten Vorschlag: "Ich will mich entscheiden können, ob ich diese Betreuungsangebote annehmen will – und wenn nicht, dann muss das kompensiert werden", sprich: eine Art Corona-Elterngeld gezahlt werden für all jene, die doppelt belastet sind: "Beziehungsarbeit sollte gewürdigt werden", forderte Saalfrank.

Da sprang auch Christian Lindner wieder in die Diskussion ein. Er könne sich durchaus vorstellen, die Steuerentlastung für die Kinderbetreuung entsprechend anzupassen. Franziska Giffey war noch ein anderer Gedanke wichtig: Man könne 4Vierjährigen durchaus erklären, was ein Virus sei und wie man sich richtig die Hände wäscht: "Die verstehen oft viel mehr, als wir denken", sagte die Familienministerin.


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