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Medienkolumne: Wetten, dass ... es bald vorbei ist?

Thomas Gottschalk hat seinen Abschied von "Wetten, dass ..?" erklärt . Es soll weitergehen. Neue Namen sind schon im Gespräch. Doch wer ehrlich ist, weiß: Es ist das Ende dieser einzigartigen Show. Es wäre ohnehin passiert. Denn das "alte" Fernsehen gibt es bald nicht mehr.

Von Bernd Gäbler

Das Lagerfeuer erlischt. Nur "Wetten, dass ..?", die letzte universelle Show des deutschen Fernsehens, hatte noch diese Funktion, alt und jung, Volksmusikant und Rapper, Hollywood und Mainzer Lerchenberg zu versammeln. Damit ist jetzt Schluss. Thomas Gottschalk hat seinen Abschied erklärt. Und jeder, der ehrlich ist, weiß, dass das auch das Ende dieser letztlich doch einzigartigen Show bedeutet. Noch ein letztes Mal, am 18. Juni, wird das Lagerfeuer aufflackern, dann wird es verglühen. Eine Ära geht zu Ende. "Wetten, dass ..?" war Fernsehen für das Publikum, bevor es in Zielgruppen zerfallen ist. Der Unfall von Samuel Koch hat beschleunigt, was ohnehin im Laufe der Jahre passiert wäre – es mag pathetisch klingen, aber mit "Wetten, dass ..?" verabschiedet sich auch das "alte Fernsehen", das Fernsehen für alle zur gleichen Zeit, das Fernsehen, das auf Faszination und Überwältigung setzt und nichts zu tun haben will mit Diskurs, Interaktivität oder Mitmachen. Adios Thomas Gottschalk! Das, was "Wetten, dass ..?" für die Geschichte des deutschen Fernsehens bedeutete, wird es in dieser Art nicht wieder geben.

Haben Sender Würde?

Thomas Gottschalk hat der schwere Unfall von Samuel Koch sehr bewegt. Er hat seine Konsequenz gezogen. So bleibt er Subjekt seines eigenen Endes als großer TV-Entertainer. Er musste nicht aufhören. Er hört nicht auf als Getriebener. Wie aber steht es um seinen Sender? Wie steht es um das ZDF? Kann ein Sender Würde haben und Größe zeigen? Dann würden die Verantwortlichen des ZDF "Danke" sagen und: "Das war's. Es war eine gute Zeit. Jetzt werden wir Neues probieren." Aber sowohl der noch amtierende Intendant Markus Schächter wie sein designierter Nachfolger Thomas Bellut beeilten sich zu bekunden, dass "Wetten, dass ..?" selbstverständlich fortgeführt werde - auch ohne Thomas Gottschalk. Sicher ist es ein großes Ansinnen, von einem Sender zu verlangen, er könne seinen Quotenknüller, sein Aushängeschild, sein imageprägendes Programm in Würde beenden. Mit der eiligen "Weitermachen"-Parole aber demonstrieren die ZDF-Oberen unfreiwillig, wie sehr es dem Sender an Selbstvertrauen und Innovationskraft mangelt. Zudem haben sie eine wilde Nachfolge-Spekulation in Gang gesetzt.

Wer soll es machen?

Wer es wirklich könnte? Günther Jauch vielleicht – der sich früher gerne spielerisch-linkisch gab. Aber der wechselt gerade ins seriöse Fach und wird ARD-Talker Nr. 1. Hape Kerkeling könnte es auch, aber er wäre klug genug, nicht einfach Gottschalks große Cowboy-Stiefel aufzutragen. Er würde etwas ganz Neues versuchen, am liebsten mit Günther Jauch als Produzent. Das aber geht nicht – siehe oben. Gottschalks Schwingen sind groß genug, um alle anderen in den Schatten zu stellen.

So läuft alles auf Jörg Pilawa zu. Zwar hat der vor kurzem in einem Interview schon prophylaktisch erklärt, "eins zu eins" könne niemand Gottschalks Rolle und Show-Konzept übernehmen – aber eine eindeutige Absage klingt anders. Eine Änderung hier, eine Änderung da – und schon dürfte Pilawa bereit stehen. Seinen spektakulären Senderwechsel von der ARD zum ZDF würde er so krönen. Ohnehin steht schon fest, dass er sich im ZDF in der Samstagabend-Unterhaltung warmlaufen darf.

Pilawa ist routiniert. Pilawa kann das TV-Handwerk. Er hat ungefähr alles – vom übelsten Nachmittagstalk, über Quiz bis zur NDR-Talkshow – moderiert. Er hat dies ohne Ecken und Kanten getan, stets darauf bedacht, schön in der Mitte des Stroms zu schwimmen. Manche verwechseln dies mit Gottschalks Fähigkeit zur Integration. Dabei ist der Unterschied eklatant. Gottschalk sagt der Oma, dass diese "50Cent" doch ganz nett sei; er zähmt Raab und parliert mit Marcel Reich-Ranicki. Gottschalk ist schlagfertig, er ist live stark und vor großem Saal-Publikum. Er blüht auf, wenn er auf dem Sofa sitzt, eingequetscht zwischen Hollywood-Blondinen und provinziellen deutschen Comedians. Er bringt zusammen, was nicht zusammen gehört. Mit Gottschalk verbindet sich deshalb die Erinnerung an besondere Momente; von Pilawa bleibt nichts in Erinnerung. Aber Pilawa kann die Moderation einer Sendung, die "Wetten, dass ..?" heißt und zur selben Stunde läuft wie früher die große Show mit Thomas Gottschalk, ein paar Jahre lang erledigen. Dann aber wird auch die Show erledigt sein.

Von "Wetten, dass ..?" bleibt nur eine Hülle

Die Absicht des ZDF, mit "Wetten, dass ..?" unbedingt auch nach der Ära Gottschalk weiterzumachen, bedeutet: von der urspünglichen Sendung bleiben nur Name und Hülle übrig. Andere sollen diesem Konstrukt dann Leben einhauchen. Das Publikum wird schnell spüren, dass das eine Mogelpackung ist. "Wetten, dass ..?" wird von dem alles überstrahlenden Unikat am deutschen TV-Himmel zu einem Stern unter vielen werden. Die Sendung wird in gleichrangiger Konkurrenz stehen zu "Deutschland sucht den Superstar" oder "Schlag den Raab"; zum "Großen Quiz der Naturwunder" oder "Let's dance!", zu "Frag' doch mal die Maus" oder "Promi-Biathlon" also beliebig werden. Egal, wie und mit wem es weitergehen soll - am 18. Juni feiern wir einen großen Abschied.