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TV-Kritik

"Mensch Gottschalk": Helene Fischer und die "geballte Testosteron-Power"

Die Familien-Show ist tot, es lebe – ja, was eigentlich? Thomas Gottschalk wollte wie früher wieder der lustige Fernsehonkel für alle sein und verirrte sich in einem Wirrwarr aus Talks und Magazin. Immerhin: Er überzog nicht.

Von Mark Stöhr

Die Sängerin Helene Fischer kann ja auch nix dafür, sie muss doch bloß ihr neues Album promoten - auch bei Thomas Gottschalk

Die Sängerin Helene Fischer kann ja auch nix dafür, sie muss doch bloß ihr neues Album promoten - auch bei Thomas Gottschalk

Irgendeiner muss es ihm mal sagen: dass die Zeit der Samstagabendshows vorbei ist. Over. Passé. Da kann er sie noch so oft auf sonntags verlegen. Die große Fernsehmesse für alle Generationen ist für alle Zeiten gelesen. Doch wälzt unverdrossen seinen Show-Brocken den Berg rauf und schüttelt traurig sein schütter gewordenes Haar, wenn er wieder ins Quotental hinunterrollt.

Der 67-Jährige hat viele Verdienste. Er hat den Smalltalk aus der Garderobe auf die Bühne geholt und war mit den amerikanischen Celebrities schon auf Du und Du, als hierzulande noch keiner Englisch konnte. Jetzt gibt es Facebook, Work and Travel und "Prominent!". TV-Unterhaltung heute muss kompakt, schnell und außergewöhnlich sein. Und das heißt: kein , kein David Hasselhoff, kein "Ja, mein Lieber" – und auf keinen Fall drei Stunden Show bis 23.30 Uhr! Man glaubt es nicht, aber es soll in der realen Welt tatsächlich noch Leute geben, die am Montagmorgen arbeiten gehen müssen.

Live-Einbruch während der Show

Was bewegt ? Das schon mal nicht: Nathalie Volk und Frank Otto zum Thema Paare mit Altersunterschied (Gähn: "Man ist so alt, wie man sich fühlt"). Janine Kunze zum Thema Kinder und Smartphones (Gähn: "Handyfreie Zeiten sind wichtig"). Prominente, die an sie gerichtete Hassmails vorlesen, es sei denn, sie sind wirklich lustig ("Ist meine Fruchtblase geplatzt – oder ist das die Schleimspur von Steven Gätjen?"). Auch der Besuch von Gottschalk bei Sigmar Gabriel im Außenministerium war nicht bewegend, sondern nur belanglos. Fazit des Einspielers: "Der Mann macht einen entspannten Eindruck und scheint die Dinge unter Kontrolle zu haben."

Die Redaktion von Spiegel TV würfelte Gottschalk eine Themen-Tombola zusammen, die den Show-Dino des öfteren aus der Kurve schmiss. Manche Sachen funktionierten gut, wie der Live-Einbruch im Haus eines Paares, das sich währenddessen im Studio befand. Ein Einbruchsexperte mit dem schönen Namen Klopotowski hebelte in Sekundenschnelle die Terrassentür auf und stand mitten im Schlafzimmer. Dann sagte er den bemerkenswerten Satz: "Einbrecher arbeiten nicht gerne, sonst würden sie es ja tun".

Spätestens aber, als nach ungefähr zwei Stunden auf der Couch Platz nahm, griffen bei Gottschalk plötzlich die alten Reflexe. Ab da moderierte er wieder "Wetten, dass..?" – bloß halt ohne Wetten. Seine Promitalks waren schon immer die Hölle. Daran hat sich nichts geändert. Radikal oberflächlich, maximal anbiedernd, gespickt mit ausgesucht fiesen Charmeur-Schmierigkeiten gegenüber weiblichen Gästen.

Helene Fischers vollumfängliche Spießigkeit

Kebekus nötigte er zu einem kabarettistischen Freestyle zum Thema Gleichberechtigung, der nur in die Hose gehen konnte. Anschließend durfte "die modebewusste junge Frau" (Zitat Gottschalk) Steven Tyler und Joe Perry von Aerosmith die Hand schütteln und wurde aufs Nebensofa verbannt. Die amerikanischen Uralt-Rocker – beide bereits deutlich im fortgeschrittenen Stadium der Mumifizierung – pamperte er wie Gottheiten. Es war wie früher. Wie damals in der Rhein-Ruhr-Halle in Duisburg anno 1990 oder in der Sporthalle Böblingen anno 2003.

Das war sehr schlimm. Aber es wurde noch viel schlimmer, als Helene Fischer das Studio betrat. Standing Ovations, hyperventilierende Fans nahe der Ohnmacht. Haben denn alle den Verstand verloren? Die Schlagersirene hat die vollumfängliche Spießigkeit zu ihrem Erfolgskonzept gemacht. Kein Körnchen Originalität stört die glatte Politur ihrer Texte und Melodien. Alles bei Helene Fischer ist durchproduziert und durchgemanagt.

Gottschalk rollte der "Königin der deutschen Popszene" den Teppich aus, sie rang mit den Tränen. Natürlich kam das Pfeifkonzert während ihres Auftritts beim DFB-Pokalfinale zur Sprache. Die Fischer sprach von der "geballten Testosteron-Power", der sie sich ausgesetzt sah, als seien Fußballfans eine Horde notgeiler Jungbullen. Gottschalk nannte die Aktion "dämlich". Auf die Idee, dass es Leute gibt, die gleichermaßen keine Lust haben auf Musik und Fußball als bloße Event-Produkte, kamen sie nicht.

Warum die Leute sie denn so lieben würden, wollte Gottschalk zum Schluss wissen. Schon allein die Frage. "Ich könnte die beste Freundin sein", antwortete die Fischer und wurde nicht einmal rot dabei. Da schüttelte der nette Fernsehonkel eifrig sein schütter gewordenes Haar. Wieder eine Show geschafft.