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Mišel Maticevic: Der Kerl

Der gebürtige Kroate Mišel Maticevic besetzt mit viel Körpereinsatz und überzeugender Präsenz eine freie Stelle im deutschen Fernsehen: die des Machos mit großer Klappe und allerhand Sex-Appeal.

Von Mareike Fuchs

Mišel Maticevic sitzt vor gegrillten Gambas und röchelt. Letzte Nacht vier Schachteln Camel light geraucht, er kann kaum sprechen. Die kinnlangen Haare fallen in die Augen, mit der beringten Hand reibt er sich den Dreitagebart. Noch kennen wenige Menschen sein Gesicht, und noch weniger können seinen Namen korrekt aussprechen: Ma-ti-tsche-witsch. "Natürlich bin ich ein No-Name", sagt der Schauspieler.

Deutschlands Fernsehzuschauer werden sich an das Gesicht gewöhnen, denn der Mann füllt eine Lücke auf dem hiesigen TV-Markt: die des "echten" Mannes. Hollywood gebiert Leinwand-Machos wie aus der Retorte: Russell Crowe, Vin Diesel, Colin Farrell, Hugh Jackman. Doch seit Götz George in die Jahre gekommen ist, sind harte Kerle rar in Deutschland. Der Regisseur Dominik Graf gesteht: "Die sogenannten echten Männer sind seit Jahren ein gewisses Problem bei uns."

Maticevic ist breitschultrig, hat Haare auf der Brust und würde bei einem Rendezvous immer die Rechnung bezahlen. "Der explodiert wie eine Tretmine", hat Dominik Graf über ihn gesagt und gleich mehrere seiner Filme mit Maticevic besetzt. Zum Beispiel "Kalter Frühling", wo Maticevic an der Seite von Matthias Schweighöfer und Jessica Schwarz spielt. Als Nächstes ist er am 29. Oktober in Peter Keglevics Sat-1-Mehrteiler "Blackout - die Erinnerung ist tödlich" zu sehen: in der Hauptrolle. Maticevic spielt den Polizisten Paul Novak, der bei einem Unfall sein Gedächtnis verliert und trotzdem versucht, den Mord an seiner Frau aufzuklären. Die Suche nach dem Mörder wird ungewollt zum Selbsterfahrungstrip in seine eigene korrupte Vergangenheit.

Mit der Rolle des Homo masculinus hat Maticevic kein Problem. Im Gegenteil. Eva Herman hätte ihre Freude an ihm. "Durch die Emanzipation haben die Männer mehr und mehr Schiss bekommen. Dabei wollen die Frauen doch einen Macho haben und kein Weichei. Die wollen doch Jungs, die Haare im Gesicht haben und anpacken", sagt er.

Besetzt wird der 36-jährige Deutsch-Kroate denn auch gern für Rollen, die eine Menge Testosteron verlangen: Auftragsmörder, Zuhälter, Alkoholiker, Betrüger und nun der korrupte Bulle. Sein Spiel kommt vor allem über den Körper. "Viele Schauspieler und Regisseure sind so verkopft. Für mich ist das Kopffickerei. Ich probiere lieber aus, statt zu quatschen."

Maticevic handelt erst und denkt dann. Political Correctness ist nicht sein Ding. Ein Proleten-Macho ist er dennoch nicht, auch wenn genau das aus ihm hätte werden können. Als Junge lebte er nach der Trennung der Eltern mit seiner Mutter in Berlin-Spandau. "Er war schwierig, verschlossen, verbittert und auch sehr arrogant", beschreibt ein ehemaliger Lehrer den Schüler Mišel. Häufig war seine Herkunft Anlass für Ärger. Mitschüler witzelten über seinen Namen, Lehrer bezeichneten ihn als Gastarbeiterkind. Er selbst nannte sich Ausländerjunge oder Jugo, obwohl er berlinerte und in Kroatien nur zum Familienbesuch war. "Ich bin Kroate. Jeder, der meinen Namen liest, merkt das doch. Meine Wurzeln sind da, mein Temperament kommt daher", sagt Maticevic.

Sein erster Auftritt an einer neuen Schule endete fast in einer Schlägerei. Maticevic betrat die Klasse. Brust raus. Schultern gestrafft. Sein Blick traf seinen türkischen Mitschüler Tuncay. Beide fixierten sich kalt. "Er wollte sich Respekt verschaffen - aber ich war der Platzhirsch. Wir wollten uns aufs Maul hauen", sagt Tuncay Ersuz heute. Stattdessen wurden sie beste Freunde. Das Duo nannte sich Tango und Cash nach dem Film mit Sylvester Stallone und Kurt Russell.

Schon früh schien Maticevic zu ahnen, was mal aus ihm werden sollte. Als er mit acht Jahren in der Schule die Aufgabe gestellt bekam, ein Bild von sich in der Zukunft zu malen, zeichnete er ein Kinoplakat, das ihn mit Smoking und Fliege zeigte. Darüber stand in großen Lettern: "Der neue Film mit Mišel Maticevic."

Für den jungen Maticevic spielte das Leben überall, nur nicht in der Schule: Frühstück am Ku'damm, Jobben im Baumarkt, Kickbox-Training im Sportklub. Abends hing er in Discos mit Namen wie Jetpower herum, trank Whiskey pur, kiffte und rauchte. Ab und an eine Schlägerei. Aber schließlich kam auch für Maticevic der Zeitpunkt des Erwachsenwerdens.

Er datiert sein Schlüsselerlebnis in die Abiturszeit. In der Schule lasen sie "Dantons Tod" und schauten dazu den Film mit Gérard Depardieu. "Was der kann, kann ich auch, dachte ich - hochmütig wie ich war." Er beschloss, Schauspieler zu werden. Seine Freunde hielten ihn für verrückt, wollten ihm die fixe Idee ausreden. "Aber er ließ sich ums Verrecken nicht davon abbringen", erinnert sich Tuncay Ersuz. Zwei Jahre später begrüßte Maticevic die Bürodame der Schauspielschule Konrad Wolf in Potsdam zur Aufnahmeprüfung mit den Worten: "Hallo, ich werde heute hier angenommen." Er hat es geschafft und nun laut eigener Aussage den geilsten Beruf der Welt.

Ein Arbeitstag im September. Ein Fahrer holt Mišel Maticevic aus dem Parkhotel am Wörthersee im österreichischen Kärnten ab und bringt ihn zum Set. Vorbei an den Orten Gallizien und Eisenkappel hinauf auf 1300 Meter. Ziel ist eine Sennerhütte auf der Alm mit Holzschindeln, sandfarbenen Steinwänden und Kräuterbündeln auf der Veranda. Auf der Wiese steht das österreichische Sondereinsatzkommando Cobra in Sturmmützen und schusssicheren Westen. Es ist der 28. Drehtag des Action-Vierteilers "Zodiac". Mišel Maticevic verschwindet in seinem Wohnwagen und tauscht seinen Pullover gegen ein löchriges Unterhemd - drehfertig. "Was ich noch zum Thema Gleichberechtigung sagen wollte", meint er, "das ist mir wichtig: Es sind nicht die Frauen und auch nicht die Emanzipation schuld daran, dass viele Männer heute Schlappschwänze sind. Die Männer sind selbst schuld, dass sie so ängstlich geworden sind. Das kotzt mich an." Ach so. Gegen fünf hat Maticevic seinen Auftritt. Er wird von einem Cobra-Beamten barfuß aus der Hütte geführt. Er bleibt stehen, verschränkt die Arme und rotzt dem Beamten ein "Keine Ahnung!" ins vermummte Gesicht. Wieder so eine Gangster-Rolle.

Seine privaten Einsätze sind deutlich friedfertiger. Maticevic hat abgeschlossen mit der rauen Zeit und sich für ein weitgehend bürgerliches Leben entschieden. Er liest viel und ist der Liebe wegen von Berlin nach Kronberg in den Taunus gezogen. Dort wartet ein Haus mit Garten, Schaukel, Sandkasten und Pfirsichbaum und hoffentlich viel Nachwuchs. "Zwei bis fünf Kinder, das fände ich super." Und auch auf der Leinwand will er nicht immer nur den Rambo spielen: Im nächsten Jahr erforscht er seine romantische Seite in der Rolle des schöngeistigen Clemens Brentano. Eigentlich ja so etwas wie ein Schlappschwanz.

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