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Momente der TV-Geschichte "Sie halten Liebe für etwas Anstößig-Unanständiges": Marcel Reich-Ranicki provoziert Eklat

Marcel Reich-Ranicki im "Literarischen Quartett"
Im "Literarischen Quartett" kommt es am 30. Juni 2000 zum offenen Streit zwischen Marcel Reich-Ranicki und Sigrid Löffler über das Buch "Gefährliche Geliebte" von Haruki Murakami.
© Youtube
Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki war immer ein Freund klarer Worte. Im "Literarischen Quartett" teilte er gegen seine Kollegin Sigrid Löffler jedoch so heftig aus, dass es zum Eklat kam.

Wenn Zuschauer heute zünftige Streitereien sehen wollen, werden sie bei RTL und Sat.1 fündig: In Shows wie dem Dschungelcamp, dem "Sommerhaus der Stars" oder "Promis unter Palmen" fliegen die Fetzen, bis einer weint.

Deutlich gesitteter ging es früher im "Literarischen Quartett" zu. In der ZDF-Sendung wurde zwar der eigene Standpunkt mit viel Leidenschaft vertreten - doch in der Regel wurden die Grenzen des gesitteten Diskurses eingehalten. 

Das "Literarische Quartett" spricht über Murakami

Einmal ging es allerdings darüber hinaus - mit Folgen. Am 30. Juni 2000 debattierte die Runde Haruki Murakamis "Gefährliche Geliebte". Ein Buch, das Hellmuth Karasek sichtlich gefiel und in dem er glaubte, eine "Chandler'sche Wehmut" entdeckt zu haben. 

Die österreichische Kritikerin Sigrid Löffler sah das grundlegend anders: "Ich würde für dieses Buch für diese Sendung einen Platzverweis aussprechen", sagte die damals 58-Jährige. Das sei keine Literatur, sondern bestenfalls literarisches Fast Food. Die Geschichte habe keine Sprache, sondern sei "sprachloses, kunstloses Gestammel".

Angesichts dieser ätzenden Kritik sah sich nun Marcel Reich-Ranicki zum Eingreifen genötigt, für den das Buch "von ungewöhnlicher Zartheit" sei. "Das entgeht Ihnen", sagte er in Richtung seiner Kontrahentin. "Ich habe eine solche Liebesszene seit Jahren nicht mehr gelesen."

Löffler stichelt gegen Reich-Ranicki

Löffler wurde nun angriffslustig und sagte Sätze, die möglicherweise das Kommende provoziert haben. "Ich will wirklich überhaupt keinen Einspruch dagegen erheben, woran Sie sich ergötzen", sagte sie unter dem Gelächter des Publikums in Hannover. "Das ist wahrscheinlich auch eine Altersfrage", knallte sie dem deutlich älteren Starkritiker an den Kopf.

So ging das hin und her, doch irgendwann gab Reich-Ranicki auf: "Sie haben dafür keinen Sinn. Es hat gar keinen Zweck", sagte er. Zweimal jährlich komme in der Sendung ein Liebesroman vor, und sie sage dann empört, das gehöre gar nicht hierher, so Reich-Ranicki, der nun persönlich wurde: "Sie halten die Liebe für etwas Anstößig-Unanständiges. Aber die Weltliteratur befasst sich nun mal mit diesem Thema."

Karasek versucht zu vermitteln

Hellmuth Karasek versuchte den Streit zurück auf die literarische Ebene zu führen, indem er darauf verwies, dass Murakami in den USA bereits als möglicher Nobelpreisträger gehandelt werde. "Wenn Sie zur gleichen Zeit sagen, das Buch gehört nicht ins Quartett, dann denke ich: Irgendwann müssen wir uns mal über unsere Kategorien verständigen."

Doch da war es bereits zu spät. Löffler sagt, sichtlich angegriffen, sie wolle über "literarische Kategorien" sprechen. "Und nicht mit persönlichen Unterstellungen. Das ist absolut unfair und das geht auch nicht."

Der Eklat hatte ein Nachspiel: Vier Wochen nach der Sendung verkündete Sigrid Löffler ihren Rückzug aus dem "Literarischen Quartett", sie wurde durch Iris Radisch ersetzt. Das Verhalten ihres Kontrahenten sei das "reinste Lehrstück in Frauenfeindlichkeit" gewesen, begründete sie damals den Schritt im "Spiegel".

Auch Reich-Ranicki trat nach: "Ich bin glücklich, dass sie nicht mehr im Quartett ist", merkte er im November 2000 bei einem öffentlichen Auftritt an. Vier Jahre später klang er da schon anders: Er sei bereit, die Differenzen mit Löffler auszuräumen, sagte er in der Sendung "Menschen bei Maischberger". Er habe Dinge gesagt, die Löffler ganz offenbar gekränkt hätten - dessen sei er sich nicht bewusst gewesen.

Doch zur Versöhnung kam es nicht. Da Reich-Ranicki seine Unterstellungen nicht zurücknehme, sondern nur ständig neue hinzufüge und sich inhaltlich auch nie entschuldigt habe, fehle jede Basis für eine Versöhnung, sagte Löffler 2004 in einem Interview und konstatierte: "Das Thema interessiert mich nach vier Jahren auch gar nicht mehr."


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