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Mordlust im deutschen TV Von "Tatort" bis Wallander - ständig stirbt jemand


Das deutsche Fernsehen leidet unter Mordsucht: Kein Abend, an dem nicht jemand stirbt. Doch was hat das mit der Realität zu tun? Ein Blick auf die Statistik zeigt, wo die wahren Probleme liegen.
Von Jochen Siemens

Wer wie ich ein Kind hat, wird bestimmt seit drei, vier oder fünf Jahren keinen "Tatort" mehr gesehen haben. Weil sonntagabends der Mord oder die Leiche im "Tatort" immer ziemlich genau um 20.20 Uhr kommt und ziemlich genau um die Zeit ein Kind noch Durst hat, etwas geträumt hat, ein Geräusch im Zimmer gehört, etwas für die Schule vergessen hat oder sonst einen wichtigen Grund hat, mit dem Stoffhasen im Arm in der Tür zu stehen und in den Fernseher zu schauen. Also, Fernseher aus, Kind soll keinen Mord sehen. Die Festplatte nimmt ja auf, aber irgendwann ist sie voll mit all diesen "Tatorten" die man nie wieder ansieht. Wann denn? Nach dem "Tatort" kommen wahlweise die Inspektoren Barnaby, Wallander, immer einer oder eine der/die -ström im Nachnamen hat und man darüber nachdenkt, nie nach Schweden zu fahren, weil da nicht einfach getötet, sondern immer grausig gemordet wird. Was einem als Leiche ja egal sein kann, aber man will dennoch nicht in Stücken beerdigt werden.

Aber egal, montags geht das im deutschen Fernsehen ja weiter, da gibt es Stadtmorde, Landmorde oder irgendwelche Morde, und irgendwann kommt der gefeierte "Tatortreiniger". Ein Mord reicht schon gar nicht mehr, Til Schweiger hat in seinen "Tatorten" die Schlagzahl auf gefühlte sechs Morde in zehn Minuten erhöht, als wäre es eine PS-Angabe. Natürlich ermüdet das, natürlich langweilt das, natürlich leiert es das einst kunstvolle Genre der Kriminalgeschichten aus.

Nirgends wird so viel gemordet wie im TV

Der "Tatort"-Darsteller Axel Milberg und die Produzentin Regina Ziegler haben sich schon über die Totenwelle beschwert, die ja eine Ermittlerflut nach sich zieht. Denn nirgendwo wird so viel und so dämlich gemordet wie im deutschen Fernsehen. Der unverdächtige Egon Bahr hat einmal gesagt "50 Morde in der Woche im Fernsehen können kein Ausdruck von Freiheit sein". Er irrte ein bisschen. Sie sind die Freiheit von TV-Redakteuren, die keiner Geschichte trauen, wenn nicht mindestens eine Leiche herumliegt.

Der Mord ist das Viagra jeder langweiligen TV-Geschichte weil den Redakteuren nichts anderes einfällt. Bora Dagtekin, Regisseur des Erfolgsfilms "Fack ju Göhte" formulierte einmal die sinnige Bedingung, er würde einen "Tatort" nur dann inszenieren, wenn es keine Leiche gäbe.

Aber gut, jetzt mal die Wirklichkeit. Während man also nicht die "Polizeiruf"-Folge anschaut, fragt man seine Frau: "Gab es unter all den Menschen die wir kennen, eigentlich jemanden, der ermordet wurde?" Kurzes Nachdenken. "Nö." Und in der Verwandschaft? Nein. Und hier in der Straße? Nein. Und kennen wir jemanden der jemanden kannte, der ermordet wurde? Nicht dass wir wüssten. Gut, das mag an der Hamburger Gegend liegen, in der wir leben, ein paar Kilometer südlich könnte das schon anders sein. Aber viel anders?

0,76 Morde pro Tag

Weltweit gibt es im Durchschnitt 468.000 Morde pro Jahr, also zivile Morde, Kriegsmorde nicht eingeschlossen. Davon passieren aber nur fünf Prozent in Europa. Und in Deutschland waren es 2012 genau 281 Mordtaten. Das sind 0,76 pro Tag, also ein dreiviertel Mord am Tag und 5,3 in der Woche. Im Fernsehen sehen wir, glaubt man Egon Bahr, zehn Mal soviel. So gerechnet liegt die Gefahr in Deutschland ermordet zu werden bei einer Wahrscheinlichkeit von etwa 0,0003 Prozent. Die meisten Morde wurden aufgeklärt, aber nicht weil die Polizei mit Pistolen herumschoss, im Gegenteil. 2012 schoss die deutsche Polizei 108 Mal auf Personen, 54 Schüsse davon waren Warnschüsse und nur 36 gezielte Personenschüsse. Dabei kamen acht Menschen ums Leben.

Das, was sich TV-Macher jeden Tag an Geschichten über Mord und Totschlag ausdenken, hat also höchsten Spurenelemente von Wirklichkeit. Höchstens. Die wirklichen Dramen sind ganz woanders. Denn im Gegensatz zu 0,76 Morden am Tag werden in Deutschland 490 Ehen pro Tag geschieden und 250 Personen melden ihre Insolvenz an. Das heißt, 980 Menschen zerbrechen ihre Liebe vor Gericht, unzählige Kinder sind traurig, müssen umziehen und sehen ihren Papa oder ihre Mama nicht mehr oder seltener. Am Tag. Und jeden Tag wissen 250 mehr Menschen nicht, wovon sie vielleicht Wohnung und Essen bezahlen sollen und fürchten sich vor dem Wort Zukunft, weil sie keine sehen. Sie sind pleite. 250 am Tag, 91.250 im Jahr.

Der Zuschauer wird "mordmüde"

Sicher, Scheidungen und Pleiten sind andere Dramen als die Katastrophe, Opfer eines Mordes zu werden. Und deshalb stellen die Fragen nach Täter, Motiven und Mitwissern tiefere gesellschaftliche Verabredungen in Frage als zum Beispiel eine Firmenpleite oder eine hässliche Scheidung. Das Problem ist nur, dass die TV-Krimi-Macher eine Mord-Kultur und Masse simulieren, die es gar nicht gibt, und damit genau diese wichtigen Fragen nach dem Wert von Menschenleben schon im Vorabendprogramm entwerten. Denn nichts anders ist es, wenn der Zuschauer sozusagen "mordmüde" wird, weil ihm das Fernsehen andauernd Fragen stellt deren Antworten ihm in der Wirklichkeit nichts helfen. Bei 0,76 Morden unter 80 Millionen Einwohnern pro Tag.

Wenn sich die TV-Sender für andere Drehbücher interessierten, könnte das Fernsehen nicht nur reicher, sondern auch wirklicher werden. Man muss weit zurück im TV-Museum gehen, um eine Serie wiederzufinden, die einmal "Ehen vor Gericht" hieß und 2000 eingestellt wurde. Die Sendung war dröge und belehrend, aber viele sahen hin. Weil sie vom Leben erzählte. Und wenn in den TV-Redaktionen schon kopiert und nachgemacht wird, warum nicht bei den guten Geschichten? Denn man kann eine Scheidung so spannend inszenieren wie eine Mord-Geschichte, aufregender und aufwühlender sogar. Kennt noch jemand "Kramer gegen Kramer", den Hollywood-Film mit Meryl Streep und Dustin Hoffman? Hofman lebte während der Dreharbeiten in seiner ersten Scheidung, er kam vom Anwalt zum Film-Dreh, es war fast ein Reality-Stück. Und eine Scheidung erleben in Deutschland 980 Menschen pro Tag. Hallo Fernsehen, jemand zu Hause?


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