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NDR-Film zur Piraterie vor Somalia Gefangen auf dem Folterschiff


2010 kapern somalische Piraten ein deutsches Schiff, monatelang wird die Crew gefangen gehalten und gequält. Nun erzählt ein NDR-Film die Geschichte jener Geiselhaft, die außer Kontrolle geriet.
Von Alexander Sturm

Äußerlich zeugt nur die Spinne von Oleg Dereglazovs Schmerz. In seinen dunkelsten Stunden auf der "Marida Marguerite" stach er sich das Tier als Tattoo mit einer Nadel unter die Haut - als trotziges Symbol seines Überlebenswillens. "Spinnen erwischt man nicht so leicht", sagt Dereglazov. "Ihr tötet mich nicht." Im "schwarzen September", dem schlimmsten Monat seiner Geiselhaft, hängten die Piraten ihn mit den Armen hinter dem Rücken gefesselt an einem Fleischerhaken auf, sperrten ihn nackt bei minus 17 Grad in eine Kühlkammer und banden Kabelbinder um seine Genitalien. Obwohl es Hinweise auf Folter gab, glaubte man in Deutschland, es handele sich um einen Bluff der Entführer. Für Dereglazov und seine Kumpanen ging das Leiden täglich weiter.

Der Matrose ist eine von 22 Geiseln, die somalischen Piraten in die Händen fallen, als sie im Mai 2010 die "Marida Marguerite" kapern, einen deutscher Tanker, der Benzin und Speiseöl nach Rotterdam transportieren soll. Mit Kalaschnikows und Panzerfäusten bringen die Freibeuter Schiff und Besatzungsmitglieder in ihre Gewalt - für Dereglazov und den Rest der Crew, unter der kein Deutscher ist, beginnt eine achtmonatige Gefangenschaft. Sie gipfelt in Folter und Demütigung.

Im September drehen die Piraten durch

Während in Deutschland Staatsanwälte und Polizei damit beschäftigt sind, Beweise zu sichern, spielen die Piraten gerissen auf Zeit. Mit dem Gewehr an der Schläfe wird Dereglazov gezwungen zu behaupten, der Kapitän sei bereits erschossen. Eine Geisel nach der anderen würde hingerichtet, sollte das geforderte Lösegeld von 15 Millionen Dollar nicht fließen. Bis dahin ist das ein wohlbekannter Trick, auf den die Vermittler nicht hereinfallen. Doch dann gerät die Situation außer Kontrolle. Die Berater, die der niedersächsischen Reederei von ihrer Vesicherung aus England zur Seite gestellt werden, kennen sich mit klassischem Kidnapping aus, nicht aber mit Piraterie. Leichtsinnig signalisieren sie den Entführern ein Lösegeld von etwa fünf Millionen Dollar und versuchen dann noch, die Summe herunterzuhandeln. Aus zwei bis vier Monaten, die solche Verhandlungen üblicherweise dauern, werden sechs Monate. Im September drehen die Piraten durch.

In zahlreichen Interviews und Telefonmitschnitten der Verhandlungen zeigen die Autoren, wie die Opfer zwischen die Fronten der Vermittler geraten - zwischen die überforderten Experten aus London und die machtlosen Staatsanwälte aus Osnabrück, die Beamten des Landeskriminalamts Niedersachsen, die nicht an Folter glaubten und einer Reederei aus dem Emsland, die mit Entführung keine Erfahrung hatte. Niemand vermag es, die Opfer zu befreien, bis es im Dezember 2010 nach 234 Tagen zur Übergabe von umgerechnet 4,2 Millionen Euro Lösegeld kommt - eine Summe, die den Entführern schon im Juli geboten wurde.

Erschütternde Bilder vom befreiten Schiff

"Das Folterschiff" erzählt die Geschichte einer aus dem Ruder gelaufenen Geiselnahme, die hierzulande kaum für Aufsehen sorgte, obwohl auf dem Schiff einer deutschen Reederei Menschen gefangen gehalten und gefoltert wurden. Erschütternd wirken die kommentarlos ausgestrahlten Originalaufnahmen von der Befreiung des völlig verwahrlosten Schiffes: Die Bilder von Kabelbindern und Seilen an der Decke brauchen keinerlei Worte, ihr Anblick alleine lässt den Zuschauer erschaudern im Wissen, wofür sie eingesetzt wurden.

So gelingt es den Autoren, die Piraterie vor Somalia aus den anonymen Meldungen der Nachrichten zu holen und das Schicksal der Opfer greifbar zu machen. Denn letztlich sind es einfache Matrosen wie Dereglazov, die sich auf den Schifffahrtsrouten des Welthandels immer wieder für ihre Auftraggeber in Gefahr begeben. "Ich habe wie ein Hund acht Monate lang auf der Brücke gelebt", sagt Dereglazov. "Ein Teller, ein Becher, das war's." Noch heute hat er Albträume von seiner Leidenszeit an Bord. Immerhin hat er es geschafft, trotz der furchtbaren Erlebnisse wieder zur See zu fahren - im Gegensatz zu vielen der Gefangenen von damals.

Der Film "Das Folterschiff" wird am Dienstag, den 6. August, um 21.15 im NDR ausgestrahlt.


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