HOME

Neuauflage des TV-Klassikers "Die Pyramide": Wiedergeburt zwischen Trash und Retro

Das ZDF erweckt den TV-Klassiker "Die Pyramide" zum Leben. Statt Dieter Thomas Heck moderiert "Dschungelcamp"-Autor Micky Beisenherz – und auch sonst nimmt die Show Anleihen beim Privatfernsehen.

Von Björn Erichsen

Die Show ist eine einzige Scharade: Zwei Teams, je ein Prominenter und ein Zuschauerkandidat, treten gegeneinander an. Mit Worten, Gesten und Mimik erklären sich die Paare wechselseitig Begriffe, die verdeckt und pyramidenförmig angeordnet(!) an der großen Ratewand stehen. Wer die sechs Begriffe innerhalb von 30 Sekunden errät, schafft die "Pyramide" und streicht 200 D-Mark ein. Der Puls von Moderator Dieter Thomas Heck ist da schon lang am Anschlag. In der Bonusrunde geht es noch einen Zacken schärfer zu: Da werden dem Promi beim Erklären die Hände mit zwei Gurten an den Sitz geschnallt. Wahnsinn! Zumindest in 80er-Jahre-Kategorien.

Damals ist "Die Pyramide" ein echter Hit mit Millionen von Zuschauern. 155 Sendungen werden von 1979 an ausgestrahlt, erst 1994 hat sich Hecks Rateshow nach mehreren Sendeplatzwechseln tot gelaufen. Der seinerzeit aufstrebende Privatsender Sat1 versucht wenig später mit "Hast du Worte" einen billigen Reanimationsversuch, der aber grandios in die Hose geht. Nun gibt es einen erneuten Anlauf: Am Montagabend, 18.45 Uhr, startet auf ZDF Neo die Rateshow in neuer, alter Aufmachung. Ab Ende August wird das große Gequizze ebenfalls im Hauptprogramm des Zweiten zu sehen sein.

Brettspielklassiker im Vorabendprogramm

Doch kann so ein Retro-Format heutzutage überhaupt noch funktionieren? In Zeiten von Scripted Reality, Eventversessenheit und Casting-Wahn? "Bei der 'Pyramide' ist es einfach so, dass das Spielkonzept ja schon fast so eine Art Brettspielklassiker ist", sagt Neu-Moderator Micky Beisenherz. "Und weil das Konzept so wunderbar einfach und bewährt ist, können die Menschen in diesem Format umso mehr glänzen und überraschen."

Der 35-jährige Heck-Nachfolger ist bislang nur Eingeweihten bekannt. Als einigermaßen bissiger Gag-Autor bei der ZDF-Sendung "heute-show", oder aber dem RTL-Dschungelcamp "Ich bin ein Star - Holt mich hier raus!" Bei der "Pyramide will er aber eher nett und zurückhaltend sein, wie er sagt - und sich schon gar nicht mit seinem Vorgänger messen.

"Was ich von Dieter Thomas Heck übernehmen kann, ist die sichtbare Freude an dem, was man da tut", schmeichelt Beisenherz seinem Vorgänger. Vom dessen legendären Klunker-Style aus den 80ern distanziert sich Beisenherz vorsorglich: "Die fliederfarbenen Zweireiher und das Goldkettchen sind im Schrank geblieben."

Trash-Clown trifft Retro-Show

Die Riege der teilnehmenden Prominenten kommt geschlossenen aus der zweiten Showbiz-Reihe – da aber immerhin von den vorderen Plätzen: TV-Schauspielerin Christine Neubauer ist dabei, genau wie Fußballkommentator Marcel Reif, Hellmuth Karasek, der Literaturkritiker oder Trash-Clown Oliver Pocher. Genau wie dereinst Heck (mit dem damals per Telefon aus München zugeschalteten Rechtsanwalt Josef Heindl) steht Beisenherz ein Oberschiedsrichter zu Seite: Joachim Llambi, der vorlaute Juror aus der RTL-Show "Let’s dance".

Den Zuschauer erwartet also eine Mischung aus Privatfernsehen und Vergangenheit: "Das Studio sowie der Ablauf der Show orientieren sich mit frischem Retrostil am Charme des Originals", palavert etwa eine ZDF-Mitteilung zum Thema. "So erinnern Titelmusik, Sounds und die berühmte Musik zum Einzug in die Pyramide an die erfolgreiche Ursprungssendung." Die orchestrale Musik von Gershon Kingsley hat es übrigens auch Beisenherz angetan, der sich dafür einsetzte, sie beizubehalten: "weil sie einfach super ist".

Ob die neue "Pyramide" an den Erfolg des Orginals anknüpfen kann, bleibt zweifelhaft. Die Zuschauer jedenfalls hätten im Prinzip nichts dagegen, wenn mehr ehemalige TV-Formate wiederbelebt würden, wie eine repräsentative Umfrage der Zeitschrift "Hörzu" ergab. So wünschen sich mehr als die Hälfte der Befragten die Sendung "Vorsicht Kamera" zurück, rund 40 Prozent haben Lust auf Shows wie "Was bin ich?" oder "Der große Preis", der zum Weihnachten vom ZDF mit Jörg Pilawa tatsächlich neu aufgelegt wird. Auch die "Pyramide" wurde in der Erhebung abgefragt – doch landete die mit gerade einmal 13 Prozent nur auf dem vorletzten Platz. Kein gutes Omen.

Mit Agenturen