Pro-Sieben-Serie "Dr. Psycho" Zum Schießen komisch


Ein Krimi, der witzig sein soll - kann das gut gehen? Oh ja, wenn Christian Ulmen die Hauptrolle spielt. In "Dr. Psycho" fällt er den Kollegen von der Soko als trotteliger Polizeipsychologe auf die Nerven. Und löst nebenbei sogar den ein oder anderen Fall.
Von Peer Schader

"Hallo Lena, es ist ganz schlecht, ich bin gerade Geisel", sagt der Mann im Unterhemd am Handy bevor er auflegen muss und brutal gegen die Wand gedrückt wird. Aber keine Angst: Max Munzl ist Profi. Ausgebildeter Psychologe! Und hat die Situation im überfallenen Wettbüro vollständig im Griff. Glaubt er.

Munzl hat sich selbst gegen eine Schwangere austauschen lassen und sich bis auf die Unterwäsche ausgezogen, um zu beweisen, dass er unbewaffnet ist. Die Kollegen von der Soko haben ganz schön gestaunt, weil das nicht abgesprochen war. Aber jetzt nervt er wenigstens die bewaffnete Bande mit seinem Gequatsche. "Ich würde den Mann da hinten gegen eine junge attraktive Frau austauschen - das hilft in der 'Tagesschau'", rät er. Und scherzt darüber, dass ein Terrorverdächtiger die Aktion anführt, der zuvor auf seinen Rat freigelassen wurde: "Vom World Trade Center zu 'nem Wettbüro - da ist der Terrorismus ja ganz schön in der Sackgasse."

Wirrkopf und Nervensäge

Nein, politisch korrekt ist das nicht, angesichts der Nachrichten aus Irak und den unscharfen Videobotschaften entführter Deutscher. Aber eben auch nicht vergleichbar, weil Christian Ulmen in seiner Serienrolle als trotteliger Polizeipsychologe "Dr. Psycho" damit nun wirklich nichts zu tun hat.

Ulmen spielt Max Munzl, einen vom Leben überforderten Generalverharmloser, dessen Ehe gescheitert ist, weil er vor lauter Arbeitswahn kaum noch Zeit für Privates hat, im Job aber unermüdlich kämpft, bis er seinen Willen durchsetzen kann. Munzl ist ein liebenswerter Kerl, aber eben auch eine ganz furchtbare Nervensäge. Manchmal wundert man sich, dass er aus der hinterletzten Ecke immer noch ein Krümelchen Selbstbewusstsein kramt, obwohl ihm sein Umfeld längst zu verstehen gegeben hat, was für ein Idiot er ist.

Anfangs weigern sich die Kollegen, mit dem Neuen zusammenzuarbeiten. Doch Munzl wurde vom Herrn Kriminalrat zur Soko geschickt und ist dort nur schwer wieder wegzukriegen. Also ignoriert die Truppe um Hauptkommissar Hendricks den sich überall einmischenden Wirrkopf gründlich.

"Das muss man perspektivisch sehen"

"Der sieht so scheiße aus, als würde er was von Computern verstehen", lästert einer, als Munzl mit seinen Siebensachen in der Bananenkiste an der neuen Arbeitsstelle auftaucht und sich die Leute im Büro alle wegdrehen, um Blickkontakt zu vermeiden.

Mit der Zeit stellt sich allerdings heraus, dass "der Psycho" zwar so irre ist wie angenommen, aber mindestens genauso zielstrebig und engagiert. Nach ein paar Minuten hat er die ganze Abteilung durchschaut: Kommissarin Winter lässt spielt bei der Arbeit die harte Polizistin, zuhause kuschelt sie aber doch gerne mal mit ihrem Teddy. Und Kamerad Kellinghoff säuft sich im Dienst die Birne zu, ohne dass sich jemand getraut hätte, das mal anzusprechen.

"Wir hatten im letzten Jahr keinen einzigen Toten durch Terrorismus, aber 40.000 durch Alkoholismus - dass muss man doch mal perspektivisch sehen", erläutert Munzl.

Absurdität statt großer Lacher

Es ist erstaunlich, wie sehr der Produktionsfirma Brainpool, die sonst nicht gerade auf Serien spezialisiert ist, bei "Dr. Psycho" der schwere Spagat zwischen Krimi und Comedy gelingt. Die Fälle sind glaubwürdig inszeniert und in den besten Momenten Abbild einer möglichen Realität, in der Polizisten ihren Einsatzalltag satt haben und der Etat nicht für eine ordentliche Beschattung reicht. Das schafft einen glaubwürdigen Rahmen, vor dem Ulmens Humor noch besser wirkt, weil er nicht auf die ganz großen Lacher angewiesen ist, sondern durch Absurdität glänzt.

Die Szenen, in denen Munzl seine Ehe wieder zu kitten versucht, obwohl seine Frau sich längst von ihrem Chef an den Po fassen lässt, passen prima dazu, weil sie Munzls Versagen im Privaten nachzeichnen. Nur sein Hund Freud hält noch zu ihm.

Das Ensemble um Ulmen ist glänzend besetzt: Anneke Kim Sarnau ist dabei, und der fantastische Roeland Wiesnekker, der im vergangenen Jahr bei "Blackout" spielte, das Sat.1 leider zum Vollflop geriet. Ein bisschen schade ist nur, dass Wiesnekker auch hier wieder den versoffenen Bullen spielen muss, dem alle Regeln egal sind. (Und daneben mimt Oktay Özdemir, bekannt aus dem WDR-Drama "Wut", als Gaststar der ersten Folge wieder den brutal-kriminellen Türken.)

Ein Riesenschritt für Pro Sieben

Dass "Dr. Psycho" ähnlich wie "Stromberg" funktioniert, ist nicht weiter verwunderlich, da bei beiden Ralf Husmann seine Finger im Spiel hat. Und der ist inzwischen geübt darin, Comedy in realistische Situationen zu verpacken. Vielleicht ist es keine Riesenleistung, eine Rolle für Ulmen zu schreiben, die der seit jeher in den unterschiedlichsten Ausführungen spielt: die der trotteligen Nervensäge. Aber es ist ein Spaß, das einmal in Serie zu sehen.

Für Pro Sieben ist "Dr. Psycho" in jeder Hinsicht ein Riesenschritt nach vorne, um sich endgültig einen Namen mit selbst produzierten Serien zu machen. Nachdem das beim Quoten-Desaster "Verrückt nach Clara" gründlich misslang, kann man nur hoffen, dass es mit Ulmen zu schaffen ist. Amerikanische Serien mit deutschen Charakteren nachdrehen können schließlich auch RTL und Sat.1.


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