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Reaktionen: "Als Kardinal nicht mehr tragbar"

Die Äußerungen des Kölner Erzbischofs Joachim Meisner zu "entarteter Kultur" haben heftige Reaktionen ausgelöst. Der Zentralrat der Juden bezeichnete ihn als "geistigen Brandstifter", Politiker fordern seinen Rücktritt. Der Erzbischof selbst versteht die Aufregung nicht.

Mit Äußerungen zu "entarteter" Kultur hat der Kölner Erzbischof Joachim Meisner heftige Reaktionen ausgelöst. Der Zentralrat der Juden bezeichnete den Kardinal am Wochenende als geistigen Brandstifter. Meisner hatte am Freitag in einer Predigt gesagt, dass Kultur bei einer Trennung von Kunst und Gottesverehrung "entarte". Das Erzbistum Köln verteidigte Meisner: Dieser werde für Dinge gegeißelt, die er nicht gemeint und noch weniger ausgesprochen habe.

"Meisner, der nicht zum ersten Mal mit solchen und ähnlichen Formulierungen auffällt, ist ein notorischer geistiger Brandstifter, der versucht, die Grenzen des Erlaubten nicht nur auszutesten, sondern der sie vorsätzlich überschreitet", sagte der Generalsekretär des Zentralrats der Juden, Stephan Kramer. Der Kardinal missbrauche Sprache gezielt als Tabubrecher: "Wenn das Schule macht, darf sich keiner wundern, wenn der braune Ungeist in Deutschland weiter salonfähig wird."

"In Sprache und Inhalt inakzeptabel"

Auch Politiker der großen Parteien fühlten sich an den Nazibegriff "Entartete Kunst" erinnert und reagierten mit scharfem Protest. Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) sagte, Meisners Äußerung sei vom Inhalt, aber auch von der Sprache her völlig inakzeptabel. Grünen-Chefin Claudia Roth kritisierte Meisners Äußerung scharf: "Das macht ihn als Kardinal aus meiner Sicht nicht mehr tragbar."

Meisner hatte in einer Predigt zur Eröffnung des Kunstmuseums Kolumba des Erzbistums Köln gesagt: "Dort, wo die Kultur vom Kultus, von der Gottesverehrung abgekoppelt wird, erstarrt der Kult im Ritualismus und die Kultur entartet." Später rechtfertigte er seinen Sprachgebrauch: "Ich wollte nur ganz schlicht damit sagen, wenn man Kunst und Kultur auseinanderbringt, dann leidet beides Schaden. Das war die schlichte Aussage dieser Passage."

"Keinerlei Zugang zu Kunst und Kultur"

Als "Entartete Kunst" wurden in der Nazizeit alle Kunstwerke und kulturellen Strömungen diffamiert, die mit dem Kunstverständnis und dem Schönheitsideal der Nationalsozialisten nicht im Einklang standen. Dies betraf unter anderem Werke von Expressionisten. Anfang 2005 hatte Meisner für Empörung gesorgt, als er Abtreibung mit den Verbrechen von Hitler und Stalin verglich.

Kritik an Meisner kam am Wochenende auch von FDP-Chef Guido Westerwelle: "Wer so wenig von Kunst und Kultur versteht, sollte darüber nicht predigen oder große Reden halten." Die Äußerungen Meisners seien "intolerant, ignorant und für einen so bedeutenden Kirchenmann unwürdig." Der nordrhein-westfälische Kulturstaatssekretär Hans-Heinrich Grosse-Brockhoff (CDU) sagte: "Dass Kardinal Meisner sich zu einem solchen Sprachgebrauch hinreißen lässt, ist erschreckend und zeigt, dass er keinerlei Zugang zu Kunst und Kultur hat." Der Begriff "Entartete Kunst" stehe für eines der schlimmsten Kapitel der deutschen Geschichte und einen katastrophalen Umgang mit Kunst und Kultur.

Dagegen forderte der Kölner Generalvikar Dominik Schwaderlapp Verständnis für Meisner: "Der ausgelöste Wirbel zeigt, da fehlt das nötige Wohlwollen, das man auch einem Kardinal Meisner entgegenbringen muss", sagte er. Alle "unvoreingenommen Hörer" der Predigt hätten Meisners Anliegen verstanden. In einer Pressemitteilung des Kölner Erzbistums hieß es, Meisner sei entsetzt darüber, dass sein gesellschaftlicher Appell, den Bezug zu Gott zu bewahren, "durch reflexhafte Unterstellungen zunächst einzelner Personen völlig verzerrt worden sei". Die Ideologie und das Kunstverständnis der Nationalsozialisten lägen dem Kardinal fern.

Matthias Armborst/AP / AP