HOME

"Schlag den Star": Männer, die an Säcken hängen

Bei Michael Schanze durfte einst das Kamerakind ran. Auf ProSieben bekommt es eine ganze Sendung. Endlich ein richtiger Job für Elton. Bei "Schlag den Star" balgten sich Olympiasieger Matthias Steiner und Schauspieler Henning Baum bis in den frühen Sonntagmorgen.

Von Ingo Scheel

Matthias Steiner (l.) und Henning Baum klammern sich an Boxsäcke

Was für ein Bild: Matthias Steiner (l.) und Henning Baum am Sack. Elf geschlagene Minuten dauert das Wettklammern.

Die Trauer, der Verlust, das Leid gebärt komische Ideen. Ein neues Leben anfangen. Endlich mal Bungeejumpen. Sich "Carpe diem" auf den Steiß tätowieren lassen. Oder dem Prakti die Primetime anvertrauen. Einer der Versuche von ProSieben, den Abgang von Quoten- und Ideenlieferant Stefan Raab zu kompensieren: "Schlag den Star" mit Elton als Moderator. Der ewige Prakti in seinem ersten richtigen Job? Dass er das selbst noch nicht richtig realisiert, merkt man allerspätestens im unglaublich spannenden Schlussspiel. Wie er so dasteht, mit schief gelegtem Kopf und den beiden Kandidaten schläfrig beim Klötzestapeln zuschaut. "Nimm’ mal die Hände aus den Taschen!" möchte man ihm zurufen. Aber nützt ja nix. Prakti bleibt Prakti. Wer gewohnt ist, immer nur am Kopierer zu stehen, tut sich halt schwer damit, selbst etwas zu schreiben. 

Was soll’s - dafür bekam der nachlässig rasierte Jung-Showmaster wenigstens zwei echte Kerle zur Jungfernfahrt serviert. Hier Henning Baum, der letzte Bulle. Dort Matthias Steiner, Olympiasieger im Gewichtheben anno 2008 in Peking. Zwei "Monster", wie Frank Buschmann die beiden Hünen aus dem Off einordnet. Ist doch nett gemeint. Sind ja unter uns.

Baum zersägt seinen Namensvetter

Das Prinzip bei "Schlag den Star" ist dasselbe wie bei "Schlag den Raab", nur eben mit Stars. Und ohne Raab. Dafür mit Elton. Fünfzehn Disziplinen zwischen Kraftmeierei, Geschicklichkeit und Trinkspiel. Den besseren Start erwischt der Schauspieler. "Finde die gleich langen Seile", Baumscheiben-Sägen und "Was passt hier nicht?" kassiert Henning Baum mit links ein. Baum kriecht über den Teppich, zersägt seinen Namensvetter äußerst kompetent, nur mit den Regeln tut er sich ein wenig schwer. Macht nichts. Elton erklärt nochmal. Dazu ist er da. Der hoffnungsvollste Show-Karrierestart seit Wolfgang Lippert. 

Noch nicht ganz da ist Kollege Steiner. Mit der Konzentration hapert es, möglicherweise eine Folge des niedrigen Blutzuckers. Steiner ist Diabetiker und hat sein Testgerät dabei, um schnell reagieren zu können. Auch seine Laune lässt auf Unterzuckerung schließen, dem armen Elton verweigert er mir nichts, dir nichts zwischen zwei Spielen den Handschlag. Mit Kommentator Frank Buschmann schließlich geht es beim Road-Tennis zum ersten Mal durch. Ekstase! Großes Kino! Bei Tipico dürften spätestens jetzt Wetten eingegangen sein, wann Buschy zum ersten Mal "Enges Höschen" sagt.

Lecko mio - das geht vielleicht lange

Eng ist hier bislang jedoch noch gar nichts und obwohl man das alles andere als braucht, bietet das siebte Spiel die Gelegenheit, einmal so richtig durchzuatmen. Die Disziplin heißt "Klammern" und dabei hängen sich die beiden Gegner jeweils an einen Sandsack, umklammern ihn, hängen dran, so lange es geht. Und lecko mio - das geht vielleicht lange. Was man in dieser Zeit alles machen könnte. Menderes auf Snapchat folgen. Cinch-Klinke-Kabel kaufen. Die doppelten Panini-Bilder aussortieren. Oder doch schon einpennen? Elf geschlagene Minuten geht das, bis Steiner vom Sack rutscht. Und Baum so stoisch wieder auf den Boden zurückkehrt, als hätte er entspannt an einer Mauer gelehnt. Was für ein Bild, als die beiden sich für das nächste Spiel bereitmachen: In ihren sackartigen T-Shirts und den eingekrempelten Turnhosen, leicht derangiert, den Schweiß auf der Stirn - als hätte man die Jungs aus der 8a zur Nachtwanderung geweckt. 

So langsam kommt schließlich auch Steiner ins Spiel, seine Laune hebt das nur unmerklich. Beim Magnetschieben stellt er sich geschickter an als sein Gegner. Auch beim Fußball hat er die Nase vorn. Wobei hier kaum von klassischem Fußball die Rede sein kann. Baum gibt den Wrestler, immer wieder gehen die beiden in den Infight. Wie eine griechisch-römische Fussi-Variante, die auf D-Max, irgendwo zwischen Wettgrillen und Autoteile-Raten, ein wohliges Plätzchen finden könnte.

Apropos Plätzchen: Nachdem im nächsten Spiel "Blamieren oder Kassieren" Baum kassiert und Steiner sich blamiert, geht es um den Keks. Die Kontrahenten als Krümelmonster, vor sich einen Teller mit Spritzgebäck. Die Aufgabe: Rund ums Loch knabbern und den leichteren Keksrest abliefern. Nach dem Schweinebaumeln in HD noch so ein Bild, das hängenbleibt: Lecker, wie dem Henning so die Essensreste aus dem Bart fallen. Der Zweikampf jedenfalls bleibt weiter offen. Die handbetriebene Seifenkiste beherrscht Baum zwar ebenfalls besser als Steiner wie auch die Geographie, den Ball im Eimer versenkt der muskelbepackte Athlet dafür umso sicherer.

Hochspannung beim finalen Türmchenbau

Am Ende muss es schließlich das Klötzestapeln richten. Eine Art Eierlaufen mit, nun ja, Klötzen. Also gestapelten Klötzen auf einer kleinen Schaufel. Immer einer mehr, immer höher, immer abwechselnd. Und so zäh sich zuweilen der Abend gestaltet, so spannend wird dann wieder einmal das Finale. Turmbau zu Babel ist ein Klacks gegen das, was die beiden hier abliefern. Schlussendlich scheitert Matthias Steiner am 12. Klotz und muss Henning Baum den Koffer mit den 100.000 Euro überlassen - nach einer Showdauer von über fünf Stunden. Das wiederum hätte auch Stefan Raab kaum besser hinbekommen.