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Sympathie gegen Talent Wer gewinnt bei "X Factor"?


Endlich flimmert das Finale von "X Factor" auf dem Schirm. In der letzten Folge der Castingshow tritt Edita Abdieski gegen die vier Mädels von Big Soul an. Wer hat das Zeug zum Sieger? stern.de macht den Check.
Von Gerd Blank

An Castingshows mangelt es nicht. Wer in Deutschland Sangeskarriere machen möchte, braucht nicht mehr bei Plattenfirmen Klinken putzen, sondern kann sein Glück bei Dieter Bohlen, Detlef D Soost und seit diesem Jahr auch bei Sarah Connor versuchen. Doch trotz der Gemeinsamkeiten mit "Deutschland sucht den Superstar" und "Popstars" sticht "X Factor" in punkto Gesangsqualität besonders hervor.

Wie bei der Casting-Konkurrenz müssen sich die Kandidaten von "X Factor" erst durch den Vorentscheid und dann durch diverse Live-Shows singen. In der Jury der Vox-Sendung sitzen Sängerin Sarah Connor, Trompeter Till Brönner und Produzent George Glueck. Doch anders als bei "DSDS" beschränkt sich der Job der drei Fachleute nicht darauf, während der Sendung launige Bewertungen über die Darbietung abzusondern: Sie sind gleichzeitig Mentoren und versuchen, das Beste aus ihren jeweiligen Schützlingen herauszukitzeln.

Nach den Castings und sieben Liveshows stehen die Finalisten der ersten Staffel fest: Edita Abdieski muss gegen Big Soul antreten, eine Stimme gegen ein Quartett. Wer hat Aussicht auf den Sieg beim Sangeswettstreit? Eine Prognose.

Edita Abdieski

Sarah Connor sagte es in einer der Sendungen ganz richtig: Edita Abdieski hat sich innerhalb der ersten "X Factor"-Staffel vom Entlein zum prächtigen Schwan entwickelt. Wenn die Kandidatin in Einspielern gezeigt wurde und dabei nicht sang, wirkte sie schüchtern und zurückhaltend. Aber sobald Edita auf der Bühne stand, war sie wie ausgewechselt: Sie flirtete mit Kamera, Jury und Publikum, kein anderer Kandidat war so wandlungsfähig und gleichzeitig so unverwechselbar. Höchstens der im Halbfinale ausgeschiedene Mati Gavriel konnte in punkto Einzigartigkeit mithalten. Doch was die Stimme betrifft, singt Edita in einer anderen Liga.

Wenn man allerdings auf einem so hohen Niveau wie Edita beginnt, wird es schwierig sich zu steigern. Fast jede ihrer Darbietungen hätte direkt aufgezeichnet und ins CD-Presswerk geschickt werden können. Gleich ihr erster Live-Auftritt bei "X Factor", "Empire State of Mind, Part II" von Alicia Keys, überzeugte Jury und Publikum. Ihren wohl besten Auftritt hatte Edita wenige Wochen später mit "Heavy Cross" von Gossip.

Aber genau diese starke Stimme könnte dem Schützling von Till Brönner im Finale im Weg stehen. Mit ihrem Talent kann sie keinen Zuschauer mehr überraschen. Selbst die typischen Zutaten einer Castingshow wurden bereits hervorgekramt, um Edita interessant zu machen: So wurde ihr eine Affäre mit Mitkandidaten Anthony Thet angedichtet; sie vergoss Tränen, als sie einen Song für einen Freund sang, und selbst ihre schwere Kindheit und miese finanzielle Situation wurden bemüht, um ihr etwas "street credibility" zu verleihen. Aber irgendwie hilft das nicht. Edita ist zwar hübsch, aber wirkt ein wenig wie das nette Mädchen von nebenan, das auf Karaoke-Partys so richtig aus sich raus geht.

Edita muss heute in der letzten Show eine Schippe drauflegen und das Publikum überraschen. Statt zu versuchen, perfekten Popsongs einen eigenen Stempel aufzudrücken, sollte sie einmal zu untypischen Songs greifen. Vielleicht einen in deutscher Sprache? Um gegen die starke Konkurrenz zu gewinnen, braucht sie im Finale einen Auftritt, an den man sich erinnert - und die waren bisher eher selten. Denn eines zeigen alle Castingshows deutlich: Gesangstalent allein reicht nicht für einen Sieg.

Big Soul

Die vier Damen aus Hamburg sind beileibe nicht die besten Sängerinnen. Zwar hat Nadine Stricker eine Gesangsausbildung, aber reicht in einem Quartett eine gute Stimme aus? Der Jury genügt es, und auch das Publikum wählte Big Soul ins Finale. Die sympathischen Mädels harmonieren prächtig miteinander, auch wenn ihnen am Anfang der Staffel ein interner Streit und Eifersüchteleien ins Script geschrieben wurden.

Die Wahrheit sieht anders aus: Auf die Frage, ob es ein Problem sein, dass Nadine Stricker die beste Stimme habe, hieß es von den anderen Mitgliedern nur, dass bei den Supremes auch nur eine Diana Ross gesungen habe. Bei Big Soul steht das Teamwork im Vordergrund, drei Damen bilden das gesangliche Fundament, auf dem die vierte sich entfalten kann.

Die Songauswahl für die Auftritte ist den norddeutschen "X Factor"-Kandidatinnen perfekt auf den gewichtigen Leib geschnitten. Natürlich sangen die vier in einer Show "It's Raining Men" von den Weather Girls, auch "Think" von Aretha Franklin passte zu Big Soul wie ein maßgeschneidertes Abendkleid. Doch besonders mit untypischen Stücken konnte das Quartett auftrumpfen: Mit "One" von U2 erzeugte Big Soul nicht nur bei dem einen oder anderen Zuschauer eine Gänsehaut. Sarah Connor nannte die Interpretation sogar ein "Meisterstück" und bezeichnete Nadine, Martina, Michelle und Alexandra als Vorbilder für viele Frauen in Deutschland.

Und tatsächlich sind es wahrscheinlich die vielen normalen Frauen in Deutschland, die für Big Soul angerufen und so für den Einzug ins Finale gesorgt haben. Die Hamburgerinnen singen nicht überragend, sind keine Topmodels und auch ihre Auftritte überzeugen nicht durch spektakuläre Einfälle. Es ist gerade ihre Natürlichkeit, die sie zur idealen Projektionsfläche vieler Fernsehzuschauer macht: Wenn man das Beste aus seinen Möglichkeiten macht, kann man alles schaffen.

Wer gewinnt?

Edita Abdieski hat eindeutig die beste Stimme, sie ist zweifelsfrei in Deutschland eine der wenigen Castingteilnehmer mit Starpotential. Doch wenn sie im Finale nicht noch eine Überraschung zu bieten hat, wird es für einen Sieg sehr schwer. Big Soul haben eine wachsende Fangemeinde, sie sind die Kandidaten aus dem Volk. Wenn das Quartett um Nadine Stricker im Finale nicht patzt, müsste Big Soul den Wettbewerb gewinnen.

Drei Gewinner stehen bereits vor dem Finale fest: Sarah Connor zeigte sich als sympathische und fürsorgliche Mentorin, sie vergoss auch mal die eine oder andere Träne, wenn ein Kandidat den Wettbewerb verlassen musste. Jazz-Trompeter Till Brönner machte sich einem breiteren Publikum bekannt - auch wenn er sich einige seiner spitzen Bemerkungen hätte sparen können. Und Produzent George Glueck ist eine echte Entdeckung. Der freundliche ältere Herr fand immer ein paar nette Worte für die Teilnehmer.


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