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"Tatort"-Kritik: Abschied nach der Entführung

Ein Abschied, der nicht allzu weh tut: Nach siebenjähriger Dienstzeit verabschiedet sich Robert Atzorn als Kommissar Jan Casstorff. Der Mordfall mit illegalen Schrottexporten im Hamburger Hafen wird von larmoyanter Altersmelancholie begleitet. "Und Tschüss", Herr Casstorff!

Von Kathrin Buchner

Was haben wir uns durch sein tragisches Lebensschicksal gequält! Die verlorene Liebe zu seiner Ex-Frau, der knallharten Geschäftserbin, die schwierige Beziehung zu seinem Sohn Daniel. Schlimmste Pubertätskämpfe trug Daniel mit dem Dauer-beschäftigten Kommissar aus. Und nachdem sie sich endlich angenähert hatten, Vater Casstorff und Sohn, musste der Kommissar erfahren, dass Daniel nicht mal sein leiblicher Sohn ist.

Robert Atzorn in der Rolle des Hamburger Kriminalkommissars Jan Casstorff hat es uns Zuschauern in seiner siebenjährigen Ermittlungstätigkeit nie leicht gemacht. Schwermütig war er, oft verstockt und grüblerisch. Und dann auch noch sein Assistent, der noch mundfaulere und muffeligere Eduard Holicek (Tilo Prückner) - ein starker Kontrast zu dem am Ende ständig singenden Kult-Schunkel-Duo Manfred Krug und Charles Brauer als Stoever und Brockmöller.

Einziger Lichtblick war die schlaue Assistentin Jenny Graf (Julia Schmidt), die es schwer hatte mit den beiden Grummelbären, aber sich tapfer durchkämpfte und als Belohnung beim Landeskriminalamt Karriere machen durfte.

Casstorffs zweiter Frühling bekommt grausamen Dämpfer

Seit ein paar Folgen spürte Casstorff so einen Hauch eines zweiten Frühlings, verliebte sich in die taffe Staatsanwältin Wanda Wilhelmi (Ursula Karven), hatte spannendere Fälle, und dann das: Seine große Liebe wird entführt. Das Energiepotential, dass Casstorff in der Suche nach seiner Liebsten entwickelt will allerdings nicht so recht auf den Zuschauer überspringen. Ist doch die Lethargie des Kollegen Holiceks so viel dominanter. Sentimental und alterslarmoyant ist die Stimmung.

Noch dazu ist der Mordfall durch und durch konventionell mit Schwarz-weiß-Klischees gestrickt: Arno Dahm, Unternehmer und Gutmensch, der Produkte aus der dritten Welt fair handelt und in seiner Freizeit Jugendliche betreut, wird ermordet. Gleichzeitig verschwindet Staatsanwältin Wilhelmi, die in Sachen illegaler Elektroschrottexporte ermittelt. Die tapfere Staatsanwältin weigert sich standhaft, Informationen preis zu geben, kriegt dafür kräftig auf die Schnauze und wird beinahe im Container nach Afrika verschifft, während die Kommissare einem korrupten und geldgierigen Großhändler auf die Schliche kommen.

Verfolgungsjagd und Ballerei im Containerhafen

Frischer wird die "Tatort"-Folge auch nicht durch die merkwürdige Nebengeschichte über ein Teenie-Mädchen, das von ihrem mächtigen Vater, dem Innensenator, unterdrückt wird, und ihn sogar für den Mörder ihres Jugendseelsorgers hält. Die Folge endet in einer Verfolgungsjagd mit ordentlicher Ballerei zwischen Containern im Hamburger Hafen, Casstorff trifft den bösen Gangster mitten ins Herz, bevor er seine Herzdame befreien kann, und der Polizeikarriere endgültig abschwört.

Allein der Titel klingt so ein wenig despektierlich: "Und Tschüss", als ob man noch schnell eine "Tatort"-Folge hingerotzt hätte, um Atzorn möglichst schnell und ohne Aufsehen zu verabschieden. Einen etwas würdigeren Abgang hätte man sich für Jan Casstorff schon gewünscht. Schließlich hat er uns von den insgesamt 15 Folgen mindestens zwei äußerst denkwürdige "Tatort"-Sonntagabende beschert, mit so glanzvollen Folgen wie "Investgativ" über Watergate an der Waterkante, in der die Verflechtung von Medien und organisierter Kriminalität behandelt wurde. Oder "Schattenspiele", worin es um Korruption im Abschiebegefängnis, illegale Medikamententests und Menschen ging.