HOME

Stern Logo Tatort

"Tatort"-Kritik: Das tote Ex-Groupie und der Vergänglichkeits-Blues

Sex, Drugs and Rock'n'Roll - das sind die Zutaten, aus denen sich pralle Storys mischen lassen. Trotz Starbesetzung mit Hugo Egon Balder und Rockröhre Helen Schneider ersäuft der Kieler "Tatort" mit Kommissar Borowski in zu viel Nostalgie-Sauce.

Von Kathrin Buchner

Es ist so eine Sache mit der Liebe: Entweder sie kommt schnell, heftig und bleibt dafür nur kurz; aus Verliebten werden Liebesleidende, die aus rosaroten Himmelswölkchen ins Bodenlose stürzen. Oder die Liebe braucht lange, bis sie Früchte trägt, kommt behäbig, aber bleibt beständig ohne Euphorie und Überschwang. Von diesen Extremen der Liebe handelt der Kieler "Tatort" mit Kommissar Borowski (Axel Milberg). Und von Vergänglichkeit, dem Suchen nach ewiger Jugend und der so banalen Erkenntnis: Wer nach den Sternen greift, kann umso tiefer fallen.

Eine solche Glückssucherin ist Margret, gespielt von Rocksängerin Helen Schneider ("Rock'n'Roll Gypsy"). Einst war sie Hippiemädchen und Bandgroupie und lebte ein beschwingtes Leben voll Sex, Drugs and Rock'n'Roll. Freie Liebe in einer Menage à trois, Exzesse und Hotelzimmerverwüstungen. Geliebt von zwei Männern, dem Bandleader Bodo (Hugon Egon Balder schön abgerockt mit Walrossbart und Zottelmähne erinnert an Udo Lindenberg) und seinem Gitarristen Henning (Hans Uwe Bauer). Doch wo wahre Gefühle herrschen, folgt meist ein tragisches Ende. Eifersucht gepaart mit Habgier ist eine explosive Mischung, die auch erst 30 Jahre später ihre tödliche Wirkung entfalten kann.

Ballade in Moll mit Anspielungen auf "Shining"

Dann nämlich liegt Margret tot neben den Mülltonnen, runtergestoßen vom Balkon des Hotelzimmers 606, wo die drei sich immer getroffen hatten. Regisseurin Angelina Maccarone, die auch das Drehbuch für "Borowski und die Sterne" verfasst hat, lässt die Handlung konsequent im Hotel stattfinden, der wahren Heimat von Rockstars. Die Türen sind aus dunkel gemasertem Holz, die Tapeten rostrot. Mit körnigen Rückblenden kreiert sie eine Ballade in Moll, voller Melancholie. Patina liegt in den langen Fluren, die Tiefenschärfe erinnert an Kubricks Verfilmung von Stephen Kings Bestseller "Shining". Wer Kino liebt, hat Spaß an den cineastischen Referenzen, sogar die Zwillingsmädchen aus Kubricks Film tauchen auf. Für die Handlung ist das komplett irrelevant.

Regisseurin Maccarone verrennt sich in Symbolik, spielt mit Farben, Kontrasten und unterschiedlichen Lebenswelten. Damit kann sie die fade Geschichte nicht kompensieren. Rockstar Bodo, ein Ritter von der traurigen Gestalt trotz glamourösem Comeback, trägt schwarze Ledermäntel, dunkle Sonnenbrille, während Margrets Mann, mit dem sie ein bürgerliches Leben versucht hat, in seinem Reinigungsunternehmen weiße Wäsche wäscht. Strahlend weiß ist auch die Einrichtung des Fitness-Studios von Ex-Rockgitarrist Henning Krause. Dort konserviert er tagsüber sein "Body Age" tagsüber mit Weizengras-Wellness-Cocktails und Sauna-Schwitzgängen, nachts seine Rachegelüste und Einsamkeit mit harten Drinks.

Am Ende gibt es dann doch das Doppelzimmer für Borowski und seine Kollegin, die Psychologin Frieda Jung (Maren Eggert). Zur Nostalgie-Mischung gesellt sich der Kitschfaktor, als Zuschauer ergreift einen die dicke Portion Wehmut: Wird der Zyniker Borowski jetzt mild und altersweise, weicht die düstere Denkermiene gar einem treudoofen Dackelblick? Auf jeden Fall hat der "Tatort" nun ein Liebespaar - nach der langen Schnupperphase sollte die Leidenschaft nicht gleich wieder verglühen.