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"Tatort"-Kritik: Die Revolution ist geglückt

Der Hamburger "Tatort" hat einen neuen Kommissar. Er heißt Cenk Batu, gespielt von Mehmet Kurtulus, und arbeitet als Undercover-Ermittler, der sich in seinem ersten Fall in eine Verbrecher-Organisation einschleicht. Die Ästhetik erinnert an Fatih-Akin-Filme - dem NDR ist ein radikaler Neuanfang gelungen.

Von Kathrin Buchner

Wie oft bekommt man als Journalist zu hören, "wir haben alles anders gemacht". Jeder Popstar, der ein neues Album vorstellt, hat einen völlig neuen Sound als den auf seinem Vorgängeralbum komponiert, jeder Modemacher hat einen innovativen Duft kreiert, jeder Waschmittelhersteller hat ein total revolutionäres Produkt erschaffen. Doch selten, sehr selten enthalten diese vollmundigen Versprechungen nur ansatzweise ein Fünkchen Wahrheit.

Aber es gibt sie, diese seltenen, ja fast historischen Momente, in denen man tatsächlich vor einem Neuanfang steht. Und man dieses Gefühl hat, es hat klick gemacht, da ist etwas gelungen, was man so nicht erwartet hätte.

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Genauso einen Moment konnte man am 26. Oktober 2008 erleben - als der neue "Tatort"-Kommissar Mehmet Kurtulus den Bildschirm betrat. Das lag allerdings nicht allein an dem Schauspieler. Dass es sich um den ersten türkischen Kommissar bei diesem Krimi-Evergreen handelt, wäre schon eine vermeldenswerte Tatsache, ist aber eher überfällig als sensationell.

Fatih-Akin-Ästhetik mit einem Touch US-Krimiserien

Nein, es ist der Film an sich, der einen staunen lässt. Und an Innovationen glauben. Revolutionieren wollten sie das alte Schiff "Tatort", hatte Kurtulus angekündigt. Und er hat Recht behalten. Denn an diesem "Tatort" mit dem programmatischen Titel "Auf der Sonnenseite" ist so gut wie alles neu: Das Konzept - es gibt weder Büro, Schreibtisch oder Dienstwagen, sondern einen verdeckten Ermittler, der in Tarnwohnungen lebt und immer am Tatort ist. Die Dramaturgie aufgezogen an einem V-Mann, die lediglich aus einem Erzählstrang besteht und keinerlei Parallelgeschichten oder Nebenschauplätze erlaubt. Die Ästhetik, die in ihrer Kühle an amerikanische Krimiserien erinnert, dazu aber diese Prise Fatih-Akin-Multi-Kulti-Kiez-Gangster-Flair bekommt. Wenig Worte, klare Bilder, ungewöhnliche Kameraperspektiven, aufgeräumt und am Anfang eher still.

Cenk Batu heißt der V-Mann im Untergrund. Sein Beruf macht ihn zwangläufig zum einsamen Wolf, er muss das nicht künstlich stilisieren. Denn der Job bringt es mit sich, dass sein Privatleben nicht nur eingeschränkt ist, sondern fast komplett wegfällt. Aber eigentlich ist Batu ein smarter, sozialverträglicher Typ, der mit seinen Fischen spricht, mit seinem Vater am Telefon Schachpartien diskutiert und möglicherweise eine Affäre mit seiner Nachbarin hat. Um verbrecherische Organisationen auffliegen zu lassen, muss er sich einschleichen und eine neue Identität annehmen. Rücksprache mit seinem Chef Uwe Kohnau (Peter Jordan) hält er mal in der U-Bahn, mal in der öffentlichen Schwimmhalle, im Zoo-Aquarium, auf der Fähre oder auf der Toilette.

Markenpiraterie und Geldwäsche

In seinem ersten Fall jagt er einen türkischen Gangsterboss, der gefälschte Speicherkarten vertickt, organisierte Markenpiraterie im Hamburger Hafen. Dabei stößt er auch noch auf eine Organisation, die Geldwäsche mit spekulativen Immobiliengeschäften betreibt. Dafür muss Batu als Dönerverkäufer ackern. In die Klischeefalle tappt die Geschichte dabei aber nicht. Es wird ein sehr differenziertes Bild der Türken gezeigt, vom Arbeiter über den rebellierenden Jugendlichen, der ein ganz normales deutsches Teenie-Dasein führen will, bis zum Clanchef, der auch fürsorgliche Seiten hat. Die Geschichte ist packend, spannend und nah an der gesellschaftlichen Realität. Allerdings: Es ist Fernsehen für die große Leinwand, man muss sich darauf einlassen.

Einen Hauch Qualitätskino also am prominenten Sendeplatz Sonntagabend. Hier wurde eine Vision konsequent und kompromisslos durchgezogen. Kann man nur hoffen, dass dem Team und der ARD nicht der Atem ausgeht und Ermittler Cenk Batu uns noch viele magische Momente im Fernsehen beschert.

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