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TV-Kritik zum Hamburg-"Tatort": Ein Abgang, der wehtut

Mehr Drama war nie: Mehmet Kurtulus macht alles richtig und verabschiedet sich viel zu früh mit einem etwas überambitionierten, künstlerisch jedoch überragenden "Tatort" aus Hamburg. Til Schweiger kann dagegen nur verlieren.

Von Katharina Miklis

Da liegt er nun. Cenk Batu, niedergeschossen von den eigenen Kollegen. Ein letzter Kuss für die Geliebte. Ein Blick ins Nichts. Weißblende. Mehmet Kurtulus stirbt in seinem letzten "Tatort" den Filmtod. Das Ende war absehbar. Schon zu Beginn des Krimis "Die Ballade von Cenk und Valerie" lassen Blenden das böse Ende erahnen, mit dem Mehmet Kurtulus viel zu früh seine Karriere beim Hamburger "Tatort" beendet - und damit alles richtig macht. Was dazwischen liegt, zwischen den ersten Szenen auf Lanzarote, wo Cenk Batu im Liebesurlaub mit seiner Freundin Gloria (Anna Bederke) herumturtelt, und seinem Ableben im kargen OP-Saal sind 90 Minuten großes Kino - mit kleinen Schwächen.

Künstlerisch gesehen ist "Die Ballade von Cenk und Valerie" vielleicht der anspruchsvollste "Tatort", den die ARD je am Sonntagabend gezeigt hat. Die Bilder von Kameramann Jakub Bejnarowicz sind gewaltig. Slow-Motion-Sequenzen und schnell geschnittene Szenen wechseln sich ab. "Ein letztes Mal alles geben, noch mal richtig reinhauen": Mehmet Kurtulus hatte im Interview bereits angekündigt, dass sein letzter "Tatort" der Ästhetik seiner ersten fünf Filme noch einen draufsetzt. Eine opulent gefilmte, bedingungslose Ballade in Moll, wie es der Titel schon in sich trägt.

Überladen und dennoch überragend

Lediglich das Drehbuch wird dem großartigen Cenk Batu und dem Hamburger Krimi, den er revolutionierte, nicht vollkommen gerecht. Dieser "Tatort" will viel, kann viel und macht viel zu viel. Die Hybris der Macher scheint immun gegen jede Logik: Cenk Batu soll als verdeckter Ermittler in einer Bank illegale Spekulationsgeschäfte ausspionieren. Dabei kommt er dem skrupellosen Finanztrader Dobler (Christoph Letkowski) auf die Schliche, der ein Attentat auf den Bundeskanzler Grasshoff (Kai Wiesinger) plant. Das allein hätte doch schon für einen "Tatort" gereicht, aber nein, mit Drehbuchautor Matthias Glasner muss es im Hinblick auf Batus letzten Streich durchgegangen sein, als er den Mord einer alternden Profikillerin (Corinna Harfouch) auf die To-do-Liste schrieb.

Die ist dann auch noch Autistin, schwer gezeichnet von einem Lungenleiden. Ihren Sohn (Jonas Nay aus "Homevideo") hat sie jahrelang allein im Wald aufgezogen. Später bringt sie ihn einfach um, was sich, wie so viele andere Ungereimtheiten, auf ihren Autismus schieben lässt. Und weil die Killerin aus dem letzten Loch pfeift, zwingt sie Cenk Batu, den Bundeskanzler zu töten - vor laufenden TV-Kameras. Da Batu natürlich lieber vom Liebesurlaub auf Lanzarote träumt als den Auftrag einer durchgeknallten Killerin zu erfüllen, entführt diese Batus Freundin, um den Ermittler zu erpressen. Das ist schon alles viel zu viel Drama - und trotzdem trägt die große Liebe auch noch Batus ungeborenes Baby in sich. Die Ultraschallbilder findet er natürlich erst, als alles zu spät ist.

Überladen - und dennoch überragend ist Batus letzter Fall. "Jeder Film sollte im Kern letztendlich ein Liebesfilm sein. Alles andere interessiert uns doch nicht wirklich", sagt Kurtulus, der im wahren Leben nun für seine Liebe Désirée Nosbusch nach Los Angeles zieht, in einem Interview. Und so ist es auch für den Undercover-Ermittler in letzter Instanz keine Frage, dass er bereit ist, abzudrücken, den Bundeskanzler zu töten. Für die Liebe. Dass die entführte Freundin unversehrt im letzten Moment den Ort der Geschehens erreicht und nur noch Zeugin seines Todes wird, ist des Dramas letzter Akt.

Kinoreifer Abgang eines brillanten Kurtulus

Mit Realität oder Logik hat das nicht viel zu tun. Und trotzdem fesselt der kinoreife Batu-"Tatort" bis zum letzten Atemzug seines tragischen Helden, den man in Zukunft an der Elbe schwer vermissen wird. Mehmet Kurtulus hat den besten Moment für seinen Abschied gewählt. Nie war er besser. Mit voller Wucht wird der Zuschauer gepackt, von den Bildern, der Wut Batus, dem Wunsch nach mehr. Mehr Mehmet Kurtulus, mehr vom Hamburger "Tatort". Aber hier an der Elbe ermittelt ab Herbst Keinohr-Kommissar Til Schweiger. Was für ein Verlust.

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