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Kurtulus' Abgang beim "Tatort": Zum Glück gescheitert

Heute ermittelt Mehmet Kurtulus zum letzten Mal im Hamburger "Tatort". Mit stern.de unternahm er einen Streifzug durch die Stadt und sprach über Quotendruck und Lieblosigkeit im deutschen TV.

Von Katharina Miklis

Im Hintergrund ragt die Elbphilharmonie in den Hamburger Himmel. Stillstand auf dem Prestigeprojekt in der Hafencity. Mehmet Kurtulus steht vor der Großbaustelle am Hamburger Hafen und blickt über die Elbe. Dort drüben in den gläsernen Schluchten der Hafencity hat er einen Großteil seines ersten "Tatorts" gedreht. "Auf der Sonnenseite" hieß der und handelte von spekulativen Immobiliengeschäften. "Und dort", Kurtulus zeigt rüber auf die andere Seite des Hafens, "dort entstand die Schlussszene von meinem vierten 'Tatort', der über die Organmafia. Die Oper sah man im Hintergrund wachsen". Ein "Tatort" mit Mehmet Kurtulus war immer auch ein brillant fotografiertes Zeitdokument aus Hamburg.

Mehmet Kurtulus war über drei Jahre lang so etwas wie das Prestigeprojekt des Norddeutschen Rundfunks. Geliebt von den Kritikern, verschmäht von den Zuschauern. Kaum ein anderer Ermittler erhielt so wenig Zuspruch beim Publikum wie Cenk Batu. Mehmet Kurtulus war für den "Tatort" in vielerlei Hinsicht besonders. Dass er der erste türkischstämmige Ermittler war, sollte nur eine Randnotiz sein. Vor allem hatte er den Elb-"Tatort" revolutioniert: Er wurde zum schnellsten, bildgewaltigsten und ästhetisch ungewöhnlichsten Krimi der Reihe. Am Sonntag ist Mehmet Kurtulus in seinem sechsten "Tatort" zu sehen, es ist sein letzter.

"Der 'Tatort' war finanziell eine sichere Bank"

Vor einem Jahr gaben der Wahlberliner, der lange Zeit auch in Hamburg gelebt hat, und der NDR bekannt, dass es über die sechs vereinbarten "Tatort"-Folgen mit Cenk Batu keine weitere geben wird. Sein Abschied kam überraschend. Der NDR hätte gerne mit ihm weitergearbeitet. Christian Granderath, Leiter der Abteilung Film und Serie: "Die Quote ist nicht alles."

Heute, mehrere Monate nach der Bekanntgabe seiner Entscheidung, wirkt Kurtulus fast ein wenig erstaunt von seiner eigenen Entschlossenheit. Er steckt sich eine Zigarette an. In den vergangenen Tagen hat er mit vielen Journalisten gesprochen, die seinen Abschied beklagt haben, erzählt Kurtulus stolz. Und wirkt ein wenig überrascht. Bei den Zuschauern hat er nie die große Begeisterung ausgelöst wie etwa die Münsteraner Kollegen. Beim Spaziergang am Hamburger Hafen bleibt der Schauspieler unerkannt. In Istanbul wäre das anders, erzählt der Deutschtürke. Da hätte er auf der Straße schon längst ein Handy in die Hand gedrückt bekommen und die Mutter eines Fans hätte persönlich nachgefragt, warum er denn nun beim "Tatort" aufhöre.

Zum Glück kein Quotenrenner

Aber warum hört er denn nun auf? Für Mehmet Kurtulus war die Geschichte des verdeckten Ermittlers Cenk Batu zu Ende erzählt: "Ein Mann, der wie Batu am Limit arbeitet, hätte nicht ewig so weiter machen können." Auch weil seiner Meinung nach die Art der verdeckten Ermittlung dem Drehbuch Grenzen setzt. "Wenn ich 20 Jahre lang einen verdeckten Ermittler in Hamburg spiele, wäre das mehr als absurd." Irgendwann kenne ihn schließlich jeder Dönerbesitzer in der Stadt. Der Mann, der hier am Hamburger Hafen steht und rauchend auf das Wasser blickt, wirkt aber auch gelöst. Er hat abgeschlossen mit dem "Tatort".

Während seiner Zeit als "Tatort"-Ermittler hat der 40-Jährige exklusiv für die ARD gearbeitet und keine anderen Projekte im deutschen Fernsehen angenommen. Am Alten Schauspielhaus in Stuttgart spielte er im vergangenen Jahr für ein paar Wochen die Hauptrolle in "Othello". Kurtulus, der für Fatih Akin ("Kurz und schmerzlos") und Doris Dörrie ("Nackt") vor der Kamera stand, kommt ursprünglich vom Theater. Finanziell gesehen, das weiß auch er, ist der "Tatort" dagegen "eine sichere Bank". "Aber das ist nicht das, was mich reizt", sagt der 40-Jährige. "Ich will als Mensch und Schauspieler an Veränderungen wachsen." Vielleicht ist es ein großes Glück, dass die Quoten des "Tatorts" nie überragend waren. Nicht auszudenken, was aus ihm, dem grandiosen Nischen-Schauspieler geworden wäre, wenn er für die nächsten fünf oder zehn Jahre beim Krimi geblieben wäre.

Unterm Stich Mainstream gemacht

Dass die schlechten Quoten bei seiner Entscheidung eine Rolle gespielt haben, streitet Kurtulus ab. "Ich wollte immer einen spannenden Film abliefern, die Quoten waren für mich nicht wichtig", beteuert er. Und ärgert sich dann trotzdem, dass etwa türkische "Tatort"-Fans in Deutschland nicht in der Quotenermittlung aufgenommen werden. "Wir haben versucht, im Rahmen des 'Tatorts' individuell zu sein", erklärt der gebürtige Türke, der in Salzgitter aufgewachsen ist, sein Prinzip "Tatort". "Unterm Stich haben wir jedoch Mainstream gemacht und mussten so vielen Menschen wie möglich gefallen."

In Zukunft will er sich wieder vermehrt um ausländische Filmprojekte bemühen. Etwa in Los Angeles, wo seine Freundin Désirée Nosbusch lebt. Dort, wo seine Lieblingsserie, die Zombie-Apokalypse "Walking Dead", entsteht und beim Fernsehen etwas mehr Geld in die Hand genommen wird. "Das Budget für einen 'Tatort'", so Kurtulus, "liegt bei bis zu 1,5 Millionen Euro. Das ist nicht zu vergleichen mit den Kursen in L.A., wo für eine Pilotfolge einer Weekly locker fünf Millionen ausgegeben werden." In Deutschland fehlt ihm dagegen manchmal der nötige Mut aber auch die Muße für epische TV-Produktionen: "Wir haben hier vielleicht kein Geld für einen Autorenstab von zehn Leuten, dafür aber Zeit. Leider wird das selten ausgenutzt und wenn sich dann auch noch Lieblosigkeit einschleicht, werden Projekte mit der heißen Nadel gestrickt." Beim "Tatort" hat Kurtulus jedes Mal mit einem neuen Team zusammen gearbeitet - und sich jedes Mal neu annähern müssen. Das war nicht einfach. Aber Kurtulus ist niemand der zum Abschied Kritik übt. Er geht im Guten.

Ein konsequenter Abgang mit Knall

Ob er geblieben wäre, wenn die Umstände andere gewesen wären? Kurtulus kann es nicht sagen. Das spielt jetzt auch keine Rolle mehr. Sein Abgang beim "Tatort" ist konsequent: Bildgewaltig inszeniert mit einem großen Knall am Schluss. "Wir wollten ein letztes Mal alles geben", erzählt Kurtulus von seinem letzten Dreh, "den finanziellen Rahmen haben wir voll ausgereizt." Es ist dem "Tatort: Die Ballade von Cenk und Valerie", der am Sonntag läuft, anzusehen. Künstlerisch hat es wohl kaum einen vergleichbaren Krimi in der ARD gegeben.

Jetzt hofft Kurtulus auf andere gute Geschichten, die es zu erzählen gibt. Er wirkt aber nicht wie ein Getriebener sondern wie einer, der völlig mit sich im Reinen ist. Die nächste Rolle wird schon kommen. So cool, wie er dem "Tatort" eine Absage erteilte, blickt er auch in die Zukunft. Egal ob Kino oder Fernsehfilm, er hat Lust auf alles, wenn es gut gemacht ist. Es ist auch ganz egal, wer damit um die Ecke komme. "Ich bin an jeder spannenden Rolle interessiert", sagt der Schauspieler und blickt noch einmal auf die Elbe, an der ab Herbst Til Schweiger ermitteln wird: "Was für eine Kulisse". Stille, Zigarettenrauch, ein entspanntes Lächeln. Für ihn ist hier Schluss mit Cenk Batu und Hamburg, unwiderruflich. "Die Entscheidung ist über lange Zeit gereift," sagt Mehmet Kurtulus - und wirkt sehr sehr glücklich: "Es gibt kein zurück."

"Tatort: Die Ballade von Cenk und Valerie" läuft am Sonntag um 20.15 Uhr in der ARD. Die Kritik lesen Sie direkt nach der Sendung auf stern.de