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Quoten: Warum Türken fürs TV nicht zählen

Fast drei Millionen Türken leben in Deutschland. Sie gucken die "Tagesschau" und den Blockbuster auf ProSieben. Sie zahlen GEZ-Gebühren, und auf den Schulhöfen diskutieren sie, wer bei "Popstars" eine Runde weiterkommt. Doch vor dem Fernseher existieren sie nicht - bei der Quotenermittlung werden sie ignoriert.

Von Katharina Miklis

Eine Studie des Ministeriums der Integration, die stern.de letzte Woche exklusiv vorgestellt hat, zeigt, dass viele Türken in Deutschland sich zwar von ihren Heimatsendern besser unterhalten fühlen, trotzdem nutzen 88 Prozent von ihnen sowohl türkische als auch deutsche Medien. Den deutschen TV-Sendern scheint das egal zu sein.

20 Millionen Euro haben sich ARD, ZDF, die Mediengruppe RTL und ProSiebenSat.1 Media in diesem Jahr eine aufwändige Umrüstung bei der Quotenermittlung kosten lassen. Die für die Messung der Einschaltquoten beauftragte Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) in Nürnberg zählt seit dem 1. Juli noch genauer, wer in Deutschland wann was im Fernsehen guckt. Trotz des Millionen-Umbaus werden Nicht-EU-Ausländer nach wie vor nicht berücksichtigt.

Quoten sollten unabhängig von Staatsangehörigkeit sein

"Das ist paradox. Das versteht keiner", schimpft Seref Erkayhan, stellvertretender Bundesvorsitzende der Türkischen Gemeinde in Deutschland e.V. in Karlsruhe. "Auf der einen Seite unterstützt der Staat die Integration aller Einwanderer mit Millionenbeiträgen bei der Umsetzung des nationalen Integrationplans, auf der anderen Seite werden die Deutschland-Türken bei der Quotenmessung aus Kostengründen nicht erfasst." Für Erkayhan ist das ein klares Zeichen der Ausgrenzung. Ähnlich sieht es auch Martina Sauer von der Stiftung "Zentrum für Türkeistudien", die die aktuelle Medien-Studie im Auftrag des Integrationsministeriums durchgeführt hat: "Sie leben in Deutschland. Also sollten sie genauso gezählt werden wie Deutsche. Die Quote sollte unabhängig von jeder Staatsangehörigkeit entstehen. Alles andere macht keinen Sinn."

Niemand ist bereit es zu bezahlen

Michael Darkow, Leiter der GfK-Fernsehforschung, kennt diese Vorwürfe. "Jedoch ist es extrem schwierig und aufwändig, diese Restgruppe der in Deutschland lebenden Bevölkerung zu integrieren", erklärt der Quoten-Experte. Es sei nun mal so, dass die Datenerhebung von der Arbeitsgemeinschaft Fernsehforschung (AgF), einem Zusammenschluss von öffentlich-rechtlichen und kommerziellen Sendern, finanziert wird. "Und bei denen gibt es einfach niemanden, der bereit wäre, das zu bezahlen." Einen siebenstelligen Betrag würde es wohl zusätzlich kosten, um das Fernsehverhalten der Türken mit in die Quotenmessung aufzunehmen.

Auch Bora Dagtekin, Autor der deutschen Fernsehserie "Türkisch für Anfänger" und "Doctor's Diary" und Sohn eines deutsch-türkischen Elternhauses, kann nicht verstehen, warum die in Deutschland lebenden Türken bei der Quotenmessung derart ignoriert werden. Wie viele Türken seine ARD-Soap "Türkisch für Anfänger", die sowohl den Deutschen Fernsehpreis als auch den Adolf-Grimme-Preis gewonnen hat, gesehen haben, kann er nicht sagen. Und das, obwohl "bei so einer Marktforschung ja wirklich jeder Unsinn analysiert wird. Die Fernsehmacher können ausrechnen lassen, wie viele einarmige ehemalige Hartz-IV-Empfänger mit Abitur auf zweitem Bildungsweg und 2,2 Kindern, die gerne vierlagiges Klopapier kaufen in Minute 32 zu ProSieben gewechselt sind, während gerade ihre zweifach geschiedene Mutter mit der künstlichen Hüfte an der Tür klingelt", spottet der Erfolgsautor. Wann die Türken in Deutschland den Fernseher anschalten, weiß man jedoch nicht. Wichtig sei es laut Dagtekin, dass die deutschen TV-Sender nicht nur für das schlechte Gewissen der Deutschen "Multi-Kulti-Nischen-Formate" machen, wie es die Öffentlich-Rechtlichen mit "Die Özdags", "Türkisch für Anfänger" oder "Türkisch kochen für Anfänger" verstärkt tun. Beim Fernsehen sollte der Pass keine Rolle spielen. "Gutes Programm wird eh nicht nationalspezifisch konsumiert."

Sie sind jung - und sie wollen RTL

Gerade für die privaten Sender würde es sich auf den ersten Blick lohnen, wenn Nicht-EU-Ausländer mitgezählt würden: Laut Studie schauen Türken im Gegensatz zu den Deutschen häufiger Privatsender als öffentlich-rechtliches Fernsehen. RTL und ProSieben sind mit 44 und 40 Prozent ihre beliebtesten deutschen Sender. Erst dann folgen die Öffentlich-Rechtlichen, die nur von 35 Prozent (ARD) beziehungsweise 34 Prozent (ZDF) gesehen werden. Hinzu kommt, dass Migranten im Durchschnitt zehn Jahre jünger sind als die deutsche Bevölkerung. Nach Schätzungen sind 65 Prozent der in Deutschland lebenden Türken jünger als 35 Jahre. Tendenz steigend. Und die jungen Türken in Deutschland gucken fast doppelt so häufig deutsche Programme wie die über 60-Jährigen. Für die Sender, die nach der Lieblingszielgruppe der 14- bis 49-Jährigen lechzen, eigentlich ein gefundenes Fressen.

Warum es für die Privaten trotzdem besser ist, die zahlreichen türkischen Zuschauer nicht mitzuzählen, weiß GfK-Mann Darkow. Die Werbetreibenden hätten kein Interesse daran, Nicht-EU-Ausländer mit ins Quoten-Boot zu holen. Im Gegenteil, es wäre sogar schädlich: "Dass man durch Werbung im Fernsehen auch türkische Zuschauer erreicht, wissen die Agenturen auch ohne Quotenerhebung. Wenn sie jedoch als Zuschauer auch nachgewiesen werden würden, müssten sie sogar zusätzlich dafür bezahlen." Je mehr Zuschauer, desto teurer die Werbung. Und große Preiserhöhungen können sich die Privaten im ohnehin angespannten Werbemarkt zurzeit nicht erlauben.

Schlechtes Gewissen statt Integration

Für Seref Erkayhan ist es jedoch keine finanzielle, sondern eine politische Angelegenheit: "Worum geht es denn überhaupt hier? Etwa 2,7 Millionen türkischstämmige Menschen leben in der Bundesrepublik Deutschland und bezahlen jährlich über 100 Millionen Euro GEZ-Gebühren. Die gesellschaftliche Einbeziehung dieser Bevölkerungsgruppe in den öffentlich-rechtlichen Rundfunk ist ein gesellschaftspolitischer Auftrag." Und dieser Auftrag wird laut Erkayhan von der TV-Forschung einfach ignoriert.

Katharina Miklis

Katharina Miklis