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"Tatort"-Kritik: Massaker mit der Axt im Haus

Ein verschwundenes Mädchen, kein Täter, kein Motiv, keine Leiche. Der Kieler "Tatort"-Kommissar Klaus Borowski (Axel Milberg) folgt seiner Intuition in den Sumpf. Mit Maria Schrader und Andreas Schmidt hochkarätig besetzt, ist "Das Mädchen im Moor" ein Psychothriller über Underdogs, deren Aufstiegswillen sie in den Abgrund treibt.

Von Kathrin Buchner

Lolita-Pose mit kokettem Augenaufschlag, blonde Perücke, die Beine unter dem kurzen Rock lässig übereinandergeschlagen. Belinda Strick, 16, ist materiell verwöhnt, emotional vernachlässigt, durchtrieben und bestiehlt ihre Mitschülerinnen im Internat. Sie träumt von einer Karriere als Schauspielerin. Mit Perücke und Brille kostümiert klaut sie im Kaufhaus. Als Ladendetektiv Klaus Raven (Andreas Schmidt, "Sommer vorm Balkon") sie erwischt, zerreißt sie sich die Bluse, schlägt sich selbst die Nase blutig und schreit um Hilfe.

Raven dreht durch, hält dem schreienden Mädchen Mund und Nase zu, bis sie still ist. Für immer. Dann steckt er sie in eine Gepäckträger-Box und versenkt sie im Moor. "Man denkt an nichts Böses und tötet eine Kreatur", sagt Kommissar Klaus Borowski (Axel Milberg) als er sich zu Klaus Raven ins Auto setzt, nachdem der Kommissar einen wolfsähnlichen Hund im Moor angefahren hat. Klaus und Klaus, die beiden Kriminaler - der eine löst Mordfälle, der andere schnappt kleinkriminelle Langfinger. Sie verstehen sich bestens, die beiden Kläuse, und in feinster Colombo-Manier kommt Borowski im Katz-und-Maus-Spiel dem Täter allmählich in einem äußerst kurzweiligen Krimi auf die Schliche.

Psychostudie eines gesellschaftlichen Grabenkampfes

"Das Mädchen im Moor" ist seit langem der erste "Tatort", bei dem es keine empörten Aufschreie sich diskriminiert fühlender Minderheiten geben wird. Wer sollte sich auch melden, Paris Hilton etwa, die begüterte Millionärserbin, die aus mangelnder Zuwendung in ihrer Kindheit die Streicheleinheiten der Masse sucht? Die Eltern von Britney Spears, die ihre Tochter ins Rampenlicht zerren, bis sie zerbricht? Oder Winona Ryder, einst Hollywoods gefeierter Jungstar mit viel zu schnellem Ruhm, deren Karriere nach kleptomanischen Klauattacken vor Gericht endete? "Ersatz für die mangelnde Elternbindung", diagnostiziert Jung das Klauverhalten des Opfers Belinda Strick gegenüber ihrer Mitschülerinnen.

Trotzdem trifft dieser "Tatort", verpackt als Psychostudie eines Einzeltäters, genauso ins Mark unserer Gesellschaft wie die meisten "Tatort"-Folgen. Denn hinter der scheinbaren Affekthandlung offenbart sich Schritt für Schritt der Geisteszustand, die Umstände, die Raven in diesem einen Augenblick dazu getrieben haben, der reichen Kaufhausdiebin für immer den Mund zu stopfen.

Prostituieren für die eigene Tochter

Belinda Strick ist eine Klassenkameradin von Ravens Tochter im Mädcheninternat. Dieser Tochter, auf die Raven und vor allem seine Frau Iris (Maria Schrader) all ihre zerplatzten Träume, ihre Hoffnungen auf ein besseres Leben projizieren und dabei ihre eigene Beziehung zerstören. Um all die Französischstunden, Reitsattel und Klavierunterricht der Tochter bezahlen zu können, verkauft Iris Raven sogar ihren Körper im eigenen Ehebett.

Wie sehr es unter der Oberfläche dieses ewigen Versagers brodelt, ahnt der Zuschauer erst im Showdown der Geschichte. Nachdem Kommissar Borowski, allein seiner Intuition folgend dem Täter eine Falle stellt, indem er vorgibt, die Leiche des Mädchen im Moor wäre gefunden worden, bricht alles aus ihm heraus. Selten sieht man im "Tatort" so viel Blut spritzen. Wie in einem Splatter-Film, in einem Horror-Schocker massakriert Raven seine Frau mit der Axt und befreit sich von den Fesseln seiner kleinbürgerlichen Existenz, bevor er von Klaus Borowskis Kollegen erschossen wird.