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"Tatort"-Kritik Noch richtig analog unterwegs


Alle Welt redet von Til Schweiger oder Wotan Wilke-Möhring. Doch bei der Frage, wer die coolsten "Tatort"-Kommissare sind, wollen auch Richy Müller und Felix Klare ein Wort mitreden.
Von Volker Königkrämer

Von wegen Sonntag, 20.15 Uhr: Diesmal fing der "Tatort" aus Stuttgart bereits eine Woche früher an. Schon als Kollege Eisner noch in Kärnten ermittelte, rührte die ARD per Einblendung kräftig die Werbetrommel für die Episode "Spiel auf Zeit".

Schuld daran war "Tatort+" - die Online-Ermittlung. Zum zweiten Mal innerhalb eines Jahres versuchte der SWR, die Krimi-Gemeinde vom Fernseh-Sessel an Smartphone, Tablet oder PC zu locken, um dort selbst in den Gang der Ermittlungen einzugreifen und die Vorgeschichte vor dem eigentlichen TV-Kriminalfall zu recherchieren.

Der beginnt dann am Bildschirm zunächst erstaunlich konventionell. Ein Gefangenentransport gerät in eine fingierte Polizeikontrolle. Doch die vermeintlichen Beamten entpuppen sich als Gangster, die ihren Boss Volker Zahn befreien wollen. Schüsse fallen, Plastiksprengstoff explodiert. Die Kommissare Thorsten Lanner (Richy Müller) und Sebastian Bootz (Felix Klare) rasen mit Blaulicht zum Tatort, können die Flucht der Bande aber nicht verhindern. Zurück bleiben ein toter Fahrer und ein schwer verletzter Beifahrer.

Emotionale Ausnahmesituationen

Der Auftakt gibt die Richtung vor in dieser temporeichen, mit einer ordentlichen Prise Action garnierten "Tatort"-Episode. Autor Holger Karsten Schmidt und Regisseur Roland Suso Richter erzählen geradeaus, kommen schnell auf den Punkt - lassen ihren Figuren aber bei allem Wumms immer genügend Raum zum Spielen.

Lannert muss das Aufeinandertreffen mit einem alten Bekannten verkraften. Der Waffenschmuggler Victor de Man (Filip Peters) meldet sich aus der Haft in Stammheim und gibt an, über Informationen zum Hintergrund der Gefangenenbefreiung zu verfügen. Lannert kennt de Man gut, er hat als Undercover-Ermittler erst für ihn gearbeitet, ihn dann enttarnt und in der Episode "Tödliche Tarnung" 2009 zur Strecke gebracht. Er hält ihn ferner für den Drahtzieher des Anschlages, bei dem seine Frau und seine Tochter ums Leben kamen.

Und auch Bootz findet sich in einer emotionalen Ausnahmesituation wieder. Mitten in den Ermittlungen teilt ihm seine Frau mit, dass sie sich von ihm trennen will. Sie hat jemanden kennengelernt, beim Elternabend in der Schule ihres Sohnes. Dass der Neue im Rollstuhl sitzt, ist ein zusätzlicher Schlag für Bootz' Ego.

Stimmige Balance

In diesen Passagen merkt man dem Film an, dass sich da jemand zuhause fühlt mit seinen Figuren. In der Tat hat Holger Karsten Schmidt das Team Lannert und Bootz erfunden, die Bücher für die ersten drei Stuttgarter Episoden geschrieben. Bei "Spiel auf Zeit" verleiht er dem Team nun weiter Kontur, spendiert dem Familienvater Bootz einen Bruch in der Biografie, konfrontiert Lannert mit der Ambivalenz seiner Gefühle für seinen alten Verbrecherfreund.

Bei anderen "Tatort"-Ermittlern wirkt solch privater Ballast oft fehl am Platz, hier fügen sich die emotionalen Zwischentöne mit einer wendungsreichen Krimi-Handlung zu einer harmonischen Mischung. Der befreite Gangsterboss Zahn, so stellt sich heraus, ist ein erfahrener Hacker. Mit seiner Hilfe will die Bande binnen 24 Stunden womöglich eine Bank überfallen, die mit einem speziellen Zeitschloss gesichert ist. Die Gangster, das zeigen Überfälle der Vergangenheit, gehen dabei über Leichen. Oder, wie es Staatsanwältin Alvarez (Carolina Vera) im Film hübsch doppelbödig formuliert: "Die sind noch richtig analog unterwegs."

Lannerts Nemesis Victor De Man bietet an, das zu verhindern. Die Krux dabei: Er muss dazu das Gefängnis verlassen. Unter Aufsicht der Kommissare zwar, doch auch, wenn er Lannert sein Wort gibt, während des Freigangs nicht abzuhauen: Kann man einem brutalen Waffenschieber trauen?

Alles eine Frage des Vertrauens

"Vertrauen" lautet dann auch der Schlüsselbegriff der sich durch diesen "Tatort" zieht. Vertrauen in einen Verbrecher, Vertrauen, das die eigene Ehefrau enttäuscht. Am Schluss, in einem etwas zu laut inszenierten Finale mit Helikopterlärm und jeder Menge automatischer Waffen, findet der "Tatort" zu einem Ende, das natürlich wieder der Harmoniesucht der "Tatort"-Gemeinde Rechung trägt: Das Böse ist nicht durch und durch böse – und Vertrauen zahlt sich meistens aus.


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