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"Tatort"-Kritik: Wenn das Handy zur Waffe wird

Mal wieder widmet sich der "Tatort" einem gesellschaftlichen Phänomen: In "Strahlende Zukunft" untersucht die Bremer Kommissarin den Selbstmord einer scheinbar schizophrenen Mobilfunk-Gegnerin. Dabei stößt sie auf Verschwörungen und Intrigen, die bis in den Senat hineinreichen.

Von Kathrin Buchner

Fakten, die uns von lieb gewonnenen Gewohnheiten abbringen könnten, hören wir sehr ungern. Und Menschen, die uns damit konfrontieren, sind unbequem. Eine gängige Methode, dieser Diskrepanz zwischen Wissen und Wollen zu begegnen: Man erklärt die Verbreiter dieser unbequemen Erkenntnisse kurzerhand für verrückt. So agieren nicht nur einzelne Individuen, sondern ganze Gesellschaften, vor allem wenn politische Machtinteressen im Spiel sind. Man denke nur an Gutachten der Tabakkonzerne, die jahrelang erfolgreich das Krebsrisiko beim Rauchen runterspielten.

In die Wunde moderner Konsumjunkies bohrt das Drehbuch des Bremer "Tatort" mit dem schönen Titel "Strahlende Zukunft". Zwar geht es nicht um die gesundheitlichen Risiken des Rauchens, sondern um die Strahlenbelastung beim Telefonieren mit dem Handy. Weil Sabine Vegeners (Inka Friedrich) Tochter an Leukämie gestorben ist, kämpft sie erbittert gegen eine Mobilfunkfirma, die Sendemasten in unmittelbarer Nähe ihrer Wohnung aufgestellt hat. Als Vegener erneut schwanger ist und erfährt, dass ihr Kind missgebildet ist, überfährt sie einen Richter mitten auf dem Bremer Rathausmarkt und stürzt sich von einem Gebäude in den Tod - vor den Augen von Kommissarin Inga Lührsen (Sabine Postel).

Anomalien und Schizophrenie attestiert die Pathologin rasch nach der Untersuchung der Leiche. Schließlich war Sabine Vegener schon mal in der Nervenklinik. Sogar ihr Mann ist so genervt von den Verschwörungstheorien seiner Frau, dass er hinter ihrem Rücken Schweigegeld von der Mobilfunkfirma angenommen hat. Nur ihr 18-jähriger Sohn Daniel (Constantin von Jascheroff) ist überzeugt, dass seine Mutter nicht verrückt war und startet einen Rachefeldzug.

Komplott aus Wirtschaft und Politik

Eine Verbündete findet er in Inga Lührsen. Starrsinnig wie immer vertraut die Kommissarin auf ihren Instinkt und bohrt hartnäckig nach. Dabei stößt sie auf Handys, die zu Waffen umgebaut sind, gefährliche Strahlenattacken, die lediglich wie ein Sonnenbrand auf der Haut aussehen und Strahlenwaffen, die per Mikrowellen den Gegner kampfunfähig machen. Die so verrückt scheinenden Verfolgungstheorien der verzweifelten Selbstmörderin bekommen Hand und Fuß, als Lührsen ein Komplott zwischen Wirtschaft und Politik aufdeckt.

Darin verwickelt sind: die eiskalte Pressesprecherin eines Mobilfunkkonzerns (Ann-Kathrin Kramer), die für ihre Karrieresicherung einen Profikiller engagiert; ein Professor, der sich für falsche Gutachten kaufen lässt; und ein Staatsanwalt, der aus politischem Kalkül Kritiker mundtot macht, indem er sie in die Klapse bringt. Um Arbeitsplätze für Bremen zu suchen, drückt sogar der Senator beide Augen zu angesichts gesundheitlicher Langzeitfolgen.

Gewagtes Polit-Drama steigert sich an Dramatik

Aus der persönlichen Betroffenheit von Kommissarin Lührsen, die zufällig Augenzeugin des Selbstmordes ist, rollt Drehbuchautor Christian Jeltsch sein Polit-Drama auf. Nach der unmotivierten Hetzjagd auf den emotionsgeladenen Sohn der Selbstmörderin zu Beginn entwickelt der mit hochkarätigen Schauspielern besetzte Krimi seine Substanz und gewinnt von Minute zu Minute an Brisanz, Spritzigkeit und Tiefe.

Die Geschichte ist mit viel moderner Technik umgesetzt. Beweise werden als MMS verschickt, sogar ein Mord wird per Handykamera wird live mitgeschnitten, es gibt Computeranimationen, mit denen High-Tech-Waffen wie im Science-Fiction-Thriller vorgeführt werden. Dass Mitarbeiter der Mobilfunkindustrie per Strahlenwaffen Jagd auf Gegner machen, erscheint allerdings reichlich überzogen - auch wenn die Ohnmacht des Einzelnen gegenüber Interessen großer Konzerne anschaulich demonstriert wird. Und wer demnächst ein komisches Surren im Ohr vernimmt, nachdem er telefoniert hat - wer weiß, was dran ist. Dass Handy-tragen-in-der-Hosentasche männlichen Samen schädigen kann, gilt als relativ wahrscheinlich. Vielleicht wird irgendwann Handytelefonieren nur in strahlenisolierten Glaskästen erlaubt sein. Schwer vorzustellen - aber wäre eine Bar ohne Raucher vor 30 Jahren denkbar gewesen?