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André Kaczmarczyk Ein genderfluider "Polizeiruf"-Ermittler? – "Das muss eine demokratische Gesellschaft aushalten"

André Kaczmarczyk im "Polizeiruf 110"
André Kaczmarczyk ermittelt ab sofort im "Polizeiruf 110" aus Frankfurt (Oder) als Kriminalkommissaranwärter Vincent Ross.
© rbb/Thomas Ernst / ARD
In seinem "Polizeiruf"-Debüt trägt Schauspieler André Kaczmarczyk Schottenrock und ist geschminkt. Im Interview spricht er über identitätspolitische Debatten, das Gendern und seine neue Rolle.

Herr Kaczmarczyk. Sie sind 1986 geboren, haben die DDR also gar nicht mehr bewusst miterlebt. Dennoch bezeichnen Sie sich selbst als Ossi. Wieso?
Es gibt ja den Begriff dritte Generation Ost. Menschen, die kurz vor dem Mauerfall geboren wurden. Meine Familie, meine Lehrer, mein ganzes Umfeld wurde von der DDR sozialisiert. Natürlich bin ich in der BRD zur Schule gegangen. Aber alles war noch immer geprägt vom DDR-Staat. Ich merke, wenn ich mit Leuten spreche, die von dort kommen, dass da ein Gefühl ist, dass man sich zugehörig empfindet. Und es gibt eine gewisse Zerrissenheit.

Für Wessis ist das oft schwer nachzuvollziehen, weil sich vieles auf einer Gefühlsebene abspielt.
Ja, absolut. Aber gleichzeitig auch nicht: Dass der Osten so dasteht, hat auch damit zu tun, dass ein Großteil meiner Generation gar nicht mehr dort lebt. Viele haben Anstellungen im Westen gesucht, weil man da besser verdient und anders leben kann. Das führt dann unter anderem zu den Problemen, die man heute im Osten hat.

Sie selbst haben diesen Zug nach Westen nicht mitgemacht. Ihre ersten Bühnen, auf denen Sie gespielt haben, waren alle im Osten. Warum sind Sie trotz mehrjähriger Theatererfahrung 2006 auf die Schauspielschule Ernst Busch gegangen?
Das war eine Jugendfantasie von mir, an dieser Schule zu studieren. Man hat ein Fundament an einer Ausbildung, auf das man bei seiner Arbeit zurückgreifen kann. Die Möglichkeiten sind auch ganz andere. Meine Engagements vorher waren im Laienbereich. 

Ihre TV-Auftritte haben sich bislang in überschaubarem Rahmen gehalten. Mit der festen Rolle im "Polizeiruf 110" wagen Sie einen großen Schritt in die Prominenz. Warum?
Als ich zum Casting gegangen bin, hatte ich nicht damit nicht gerechnet, dass man einen Noname besetzt. Das ist eine Riesenchance, die ich nicht vorbeiziehen lassen wollte. Und es ist auch eine große Karrieremöglichkeit. Die läuft einem nicht jeden Tag über den Weg.

Haben Sie Bedenken, künftig nicht mehr ungestört einen Kaffee trinken zu können?
Davor warnen mich alle. Ich bin da noch recht blauäugig und denke, das wird schon gehen. Da loben wir uns doch die Masken. 

Ihre Rolle ist im deutschen Krimi ungewöhnlich: Sie spielen einen genderfluiden Ermittler. Habe ich Ihre Figur damit korrekt beschrieben?
Das ist, was die Redaktion als Begriff festgelegt hat. Ich weiß nicht, was das in allen Details genau bedeutet. Das ist erst einmal jemand, der einfach einen Schottenrock anhat und Kajal-geschminkte Augen. Und über die Persönlichkeit eines Menschen sagt das erstmal ja auch noch nicht so viel aus, finde ich.

Stört es Sie, wenn man versucht, einen solchen Charakter auf einen Begriff zu bringen?
Dass man sich eine Überschrift wünscht, unter der das läuft, ist vermutlich ein menschlicher Vorgang. Ich persönlich finde das nicht so wahnsinnig interessant. Das beschreibt ja nicht ausschließlich den Charakter. Ich finde viel wesentlicher: Was ist das für ein Mensch? Was der für Klamotten hat oder wie sein Selbstverständnis ist, finde ich nachgelagert. Aber das ist ja auch das Thema des ersten Films. 

War die von Ihnen gespielte Figur des Vincent Ross schon von vornherein als genderfluid angelegt, oder hat sich das im Laufe des Spiels dahin entwickelt?
Nein, es gab seitens der Produktion und Redaktion Überlegungen dazu, und es gab Vorgespräche, was für eine Figur man erfinden will. Hauptsächlich ist das aus dem Gedanken entstanden, einen möglichst großen Kontrast du schaffen zu dem von Lucas Gregorowicz gespielten Adam Raczek. 

Vincent Ross ist ein Mensch, den man auch nicht unbedingt sofort mögen muss: Er ist das, was man bösartig als politisch korrekt bezeichnen kann: Er korrigiert seinen Kollegen und scheint auch sonst immer alles richtig zu machen. Finden Sie Ihre Figur sympathisch?
Klar, nur sympathisch ist das erstmal vielleicht nicht, wenn ein jugendlicher Besserwisser kommt. Natürlich kann man Vincent blöd finden, weil der gendert, weil der bestimmte Begriffe hinterfragt, weil der sich anders gibt und bewusst provoziert. Das bildet aber doch die Gesellschaft ab: Es gibt einen großen Teil, der lehnt Gendern ab und hält das für Quatsch. Und dann gibt es einen großen Teil von Menschen die sagen: Das muss sein. Mit diesem Feld muss man umgehen.

Ein neues Männerbild im "Polizeiruf 110" könnte viele traditionsbewusste Zuschauer aufschrecken. Ist Ihnen bewusst, was da auf Sie zukommen könnte?
Ich bin die Denkweise vom Theater gewöhnt: Künstlerische Arbeit gefällt nicht jedem und die kann man auch ablehnen. Man kann total doof finden, dass dem Adam Raczek kein zweiter Derrick an die Seite gestellt wird. Aber das muss eine demokratische Gesellschaft aushalten können, dass sich etwas verändert und dass Dinge gezeigt werden, die man vielleicht ablehnt. Und wenn man nicht weitergucken will, dann macht man halt aus.

Es gibt eine komplexe identitätspolitische Diskussion darüber, ob überhaupt Schauspieler jemanden verkörpern dürfen, der sie gar nicht sind. Rechnen Sie mit einem Shitstorm?
Das lasse ich auf mich zukommen. Ich bin nicht in den sozialen Medien. Wenn es einen Sturm gibt, dann werde ich das gar nicht mitbekommen.

Wie ist Ihre Haltung zu dieser identitätspolitischen Debatte?
Grundsätzlich finde ich es gar nicht problematisch, dass man das befragt: Wer darf was darstellen? Ich weiß nur nicht, wie die Antwort darauf aussieht. Es ist doch nur gut, dass wir das mit einem geschärften Bewusstsein verschiedenen Menschen gegenüber besprechen.

Sie sehen die Diskussion also positiv?
Ja klar. Aber die Figur, die ich spiele, ist ja auch kein Transmensch. Sondern jemand, der wie Prince mit Geschlechterrollen spielt. Und das ist mir sehr nah oder überhaupt nicht unrecht.

Sie machen am Theater gerne Liederabende. Können wir damit rechnen, dass Sie die Tradition der singenden Ermittler wie damals Manfred Krug im "Tatort" wiederbeleben werden?
Das ist eigentlich eine gute Anregung. Das werde ich mal weitergeben.

"Polizeiruf 110: Hildes Erbe", Sonntag, 30. Januar, 20.15 Uhr im Ersten


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