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Richy Müller Der Retter des Schwabenlands


Spätzle ade, der piefige Stuttgarter "Tatort" wird modern. Den Kommissar gibt Richy Müller, der als Rebell begann, dann in ein Loch fiel und erst sehr spät als Schauspieler ernst genommen wurde. Und Hochdeutsch kann er auch.
Von Alexander Kühn

Spätestens jetzt hätte Bienzle sich ins Wirtshaus verzogen. Ein Rostbraten, ein Viertele Trollinger und ein bissle über den getürmten Kinderschänder sinnieren. Vergangenheit. Voriges Jahr hat der Südwestrundfunk den Hauptkommissar in den Ruhestand entsorgt, sanft und geräuschlos. Tschüs Opa, ab ins Heim.

Der Stuttgarter "Tatort", bislang eher Heimatfilm mit Leiche, mutiert nun tatsächlich zum Krimi. Im ersten Fall geht es um den Mord an einem kleinen Mädchen. Das Post-Bienzle-Stuttgart ist kein Dorf voller Spätzle mampfender Kehrwochen-Nazis, sondern ein Metropölchen mit 600.000 Einwohnern und hohem Ausländeranteil.

Neuanfang für einen Hamburger

Der Retter des Schwabenlands kommt von außen. Großnasig, eins siebzig klein, Narbengesicht. Und Hochdeutsch kann er auch. Richy Müller spielt den Neuen aus Hamburg, Kommissar Thorsten Lannert, weltgewandt, zuletzt verdeckter Ermittler. Ein Straßenköter, ein Ruheloser. In der alten Dienststelle war er die große Nummer, jetzt beginnt er bei null.

An einem Sonntagmittag im August hechtet ein gelbes Motorrad eine Freitreppe hinunter, nahe dem Stuttgarter Hauptbahnhof. Von dort in einen Innenhof, durch eine Gasse weiter in einen Gewerbepark. Ein fetter Benz fliegt hinterher, S - ST 7000, am Steuer Richy Müller. Eine Dame im Kostümchen kann gerade noch zur Seite hüpfen. Württembergische Wohligkeit verbreiten allenfalls ein paar verwirrte Statisten: "Sollet mir jetzt komme oder sollet mir net komme?"

Die Szene ist längst im Kasten, da saust Müller in seinem Benz noch immer übers Gelände. Natürlich ist die Verfolgungsjagd auch ein kleines Geschenk an ihn, den gelernten Werkzeugmacher und Autonarren. Früher ist er in seiner Freizeit Rennen gefahren, Super-Cup, Carrera-Cup, Formel König, Formel Renault. Und wie er aus dem Wagen steigt, im braunen Anzug mit knittrigem Hemd, sich breitbeinig hinstellt, zum Spagat fehlt nicht mehr viel - da grinst er arg zufrieden.

Klare spielt den Gegenentwurf

Lannert ist ein guter Kerl, er liebt seinen Job, hört im Zweifel eher auf seinen Bauch als aufs Gesetzbuch. Der Gegenentwurf ist sein junger Kollege Bootz, Typ freundlicher Korinthenkacker im Pullunder; ganz klischeefrei geht's dann doch nicht. Felix Klare spielt ihn, 29, und noch ein rechter Fernsehfrischling. Für Stuttgart, das war schnell klar, wollte der SWR zwei männliche Ermittler, ähnlich den Erfolgsmodellen Köln und Berlin. Frauen hat der Sender bereits zwei, die Folkerts in Ludwigshafen, die Mattes am Bodensee.

Als bekannt wurde, dass Richy Müller "Tatort"-Ermittler wird, klingelte die "Süddeutsche Zeitung" bei ihm durch. Herr Müller, dass Sie jetzt mit 52 den Kommissar geben - ist das die Rache dafür, dass Sie immer die bösen Buben spielen mussten? Darauf er: Schauen Sie erst mal in Ihrem Archiv nach, was ich in den letzten Jahren alles gemacht habe, auf Wiederhören. Auweia, der Journalist hatte in der alten Image-Wunde rumgepult. 1979 war es, im WDR-Dreiteiler "Die große Flatter", da spielte Müller den Halbstarken Richy, der aus der Obdachlosensiedlung flieht und im Knast landet. Müllers Durchbruch. Er hieß damals noch Hans-Jürgen, doch als ihn alle nur mit Rollennamen anredeten, gab er den Widerstand auf und benannte sich um. Richy, das klang nach Punk und Suff und Weiberabschleppen. Der Müller blieb, wie zur Entschuldigung. Müller, so sexy wie eine Einbauküche mit Prilblume.

Im Flatterkäfig

"Nach der 'Flatter' wusste ich, wie Romy Schneider sich gefühlt haben muss", sagt Müller heute. "Die wurde ihre Sissi nie mehr los. Mich wollten alle nur als Proll sehen, als jugendlichen Rebellen. Jeder dachte, ich bin so." Jahrelang mühte er sich, aus dem Flatterkäfig auszubrechen, und wenn er sich jetzt zum ersten Mal an eine feste Figur bindet, dann in der Hoffnung, dass er das Korsett des Thorsten Lannert einmal leichter wird abstreifen können, wenn's ihm zu eng wird.

Die 80er Jahre waren die Dürrezeit. Nachdem er Rebellenrollen konsequent abgelehnt hatte, blieben die Angebote aus. "Es gab Zeiten, da hatte ich kaum etwas zu essen", sagt Müller. In der Früh lud er auf einem Bauernhof Eier auf, fuhr sie zum Supermarkt. Jobbte als Türsteher. Es waren Theaterrollen, die ihn aus dem Loch holten, erst kleine, dann größere; bald arbeitete er mit Robert Wilson, Hans Neuenfels, Einar Schleef. 1994 engagierte Rainer Kaufmann ihn für seinen Film "Einer meiner ältesten Freunde", als betrogenen Anwalt. Und, Überraschung: Der kann auch anders, der Müller. Von nun an ließen sie ihn alles spielen, Pfarrer, Liebhaber, Karrieristen und Ökozottel.

Der Vollständigkeit halber muss managen: Es gab Zeiten, da bediente Müller das Rebellenklischee ganz gern. Mit 20 färbte er sich die Haare grün, die Mutter bekam einen Riesenschreck. Von der Schauspielschule flog er, weil er im Streit einen Lehrer geschubst hatte. Später schlug er einem Fotografen die Kamera aus der Hand, weil der gegen seinen Willen ein Bild von ihm gemacht hatte. Mag sein, dass Müller der Meinungslosigkeit seiner Eltern etwas entgegensetzen wollte. So, wie er sie in deren Wirtshaus "Zum Neckartal" erlebt hatte, in Seckenheim bei Mannheim. Mit elf, zwölf half er beim Kellnern, blieb gern bis in die Nacht, fasziniert von den Stammtischgestalten, den Studenten, Handwerkern und Künstlern. Manche der Betrunkenen warfen mit Gläsern und Stühlen, andere mühten sich friedlich, ihren Pegel zu halten, bis sie vom Hocker purzelten. Seinen Schlaf holte Hans-Jürgen tagsüber im Unterricht nach.

Der Kunde ist König

Dass sich ein Wirt keine Meinung leisten darf, lernte er an dem Tag, als er eine gefrorene Tomate vor die Stirn gehauen bekam. Von einem Gast, dem der Vater seine jüngste Errungenschaft vorführte: eine Gefriertruhe. Entweder hatte der Kerl einen im Tee oder einen an der Waffel, oder er war schlicht ein Arsch - "ich hätte mir jedenfalls gewünscht", sagt Müller, "dass mein Vater ihm eine runterhaut. Aber es blieb bei einem freundlichen Tadel".

Richy Müller war ein kränkliches Kind, mit sieben bekam er die Sommerruhr. Fieber, Übelkeit, Durchfall. Ein halbes Jahr musste er zu Hause bleiben, Quarantäne. Er genoss es, mit der Mutter allein zu sein. Entdeckte so seine Lust am Waschen, Bügeln, Staubwischen. Mit 16 maß er keinen Meter fünfzig, noch mit 18 bekam er beim Einkaufen einen Luftballon geschenkt. Seinen Körper formte er beim Turnen, dem Sport der kleinen Männer. Barren, Boden, Ringe. Jahrelang förderten sie ihn, Jugend trainiert für Olympia. Wäre die Werkzeugmacherlehre nicht dazwischengekommen, hätte er 1976 vielleicht zu den Sommerspielen in Montreal fahren dürfen.

Wenn Richy Müller einen Raum betritt, muss er nicht viel machen. So ist das bei Präsenzriesen. Eigentlich muss er nur schauen. Sein Lieblingsmärchen ist das von der traurigen Prinzessin, die tausend schöne Puppen besitzt, mit süßen Löckchen, hübschen Kleidchen, aber mit keiner will sie spielen. Bis sie eines Tages eine ganz olle Puppe in die Hände bekommt, eine ohne Kopf. Die gewinnt sie lieb. Weil die ihr Raum lässt für die eigene Fantasie. So möchte er schauspielern, sagt Müller, reduziert aufs Wesentliche.

Müllers erster Auftritt im neuen "Tatort". Er kommt in eine Kneipe, er trägt einen Anzug und ein Rucksäckchen, modisch gesehen No-go. Er setzt sich an den Tresen. Seine Augen sagen: Wo bin ich hier, was mach ich hier, ob das hier gut geht, na komm, wird schon werden. Im Radio spielen sie "I Shot The Sheriff ".

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