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Sibel Kekilli im Kiel-"Tatort" Die Fremde


Sibel Kekilli ist eine großartige Schauspielerin. Nur im Kieler "Tatort" wirkt sie häufig fehl am Platz. Die Macher scheinen kein allzu großes Interesse an ihr zu haben.
Von Oliver Creutz

Was muss eine Schauspielerin verbrochen haben, der solche Dialogzeilen zum Aufsagen vorgelegt werden?
"Aus dieser Entfernung muss es ein Präzisionsgewehr gewesen sein."
"Der Täter müsste 1,70 groß gewesen sein, wenn er sich nicht hingekniet hat."
"Nur dieses Anklagevideo, das ist kein stichhaltiger Beweis."

Nun, Sibel Kekilli hat nichts verbrochen. Sie hat zwei Mal den Deutschen Filmpreis gewonnen. Da sollte sich ein Drehbuchautor doch besondere Mühe geben. Der Autor von "Borowski und das Meer" sah das offenbar anders. An diesem Sonntag ist ein "Tatort" zu besichtigen, in dem einiges nicht funktioniert (Frank Schätzing als Schauspieler etwa). Das größte Problem aber ist, wie mit der Rolle der Sarah Brandt, gespielt von Kekilli, umgegangen wird. Brandt spielt seit 2010 im "Tatort" aus Kiel mit; sie kam, als die Schauspielerin Maren Eggert nicht weitermachen wollte. Kekilli hat starke Auftritte hingelegt, etwa 2012 in "Der stille Gast", in dem Lars Eidinger als Psychokiller hinter ihr her war. Aber viel zu oft wirkt die Figur Brandt wie ein Fremdkörper. Borowski scheint keinen Bock auf sie zu haben. Und die "Tatort"-Macher auch nicht immer.

Milberg und Kekilli spielen nicht miteinander

Im neuen Fall sehen wir sie oft, wie sie sich mit ernster Miene Notizen macht und die Notizen dann vorliest. Einmal stellt sie sich jäh vor einen losbrausenden Geländewagen und zückt die Dienstwaffe. Warum? Das weiß sie wohl auch nicht, denn anstatt die Fahrerin im Auge zu behalten, dreht Brandt sich zu Borowski um. Was mache ich hier?, scheint sie sich zu fragen. Ein beistehender Ermittler sagt zu Borowski: "Taff, dein Mädchen." - "Is' nicht mein Mädchen", antwortet Borowski.

Milberg und Kekilli spielen nicht miteinander, sondern sagen nebeneinander Sätze auf. Ihre Dialoge sind mitunter von schmerzhaftem Stillstand. "Sie lügt", sagt er. - "Wie? Sie lügt?", sagt sie. Oft schreiten sie dabei ein Ufer ab. Einmal sitzen sie im Auto und verfolgen einen Motorradfahrer. Brandt ruft in der Dienststelle an und sagt: "Wir verfolgen einen Motorradfahrer." Ist das jetzt schon Blindenfernsehen?

Borowski macht sich unablässig Sorgen

Der NDR will der Figur Sarah Brandt offenbar zu mehr Profil verhelfen. Deswegen wurde ihr vor einigen Episoden eine Neigung zu epileptischen Anfällen in den Charakter geschrieben. Das führt nun dazu, dass Borowski, der als Einziger von dieser Krankheit weiß, sich unablässig Sorgen um seine junge Kollegin machen muss. Als es aber mal spannend wird, weil die beiden in einer Fabrikhalle eingesperrt sind, wird Brandt so panisch, dass ein Anfall bevorstehen könnte. Borowski, der sonst keine Gelegenheit auslässt, sich nach ihrer Gesundheit zu erkundigen, fragt nun ernsthaft: "Was ist denn los mit Ihnen?"

Sibel Kekilli ist keine klassische Schauspielerin; sie ist eine Erscheinung, eine großartige Type voller Emotionen. Sie braucht Konflikte, damit sie glänzen kann. Nur über Tablets zu wischen und mit einem neuseeländischen Kollegen via Skype zu flirten, reicht nicht. Wenn ihr noch einmal solch ein Drehbuch vorgelegt wird, sollte sie Gebrauch machen von ihrem Recht, das Dialogaufsagen zu verweigen.


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