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TV-Kritik zum "Tatort": Goldene Himbeere für die goldenen Kartoffeln

Direkt nach der Geburtstagsfeier des Kartoffelkaisers, auf der es so hoch her geht, dass alle ein wenig "tirili" sind, muss ein Gast sterben. Doch von der Aufklärung des spannenden Falles lenken viele Klischees ab, die den Zuschauer schlicht ärgern.

Von Susanne Baller

Das überzeichnete Spiel seiner Hauptfiguren ist eine Qualität, die den Münsteraner "Tatort" auszeichnet, für den ihn seine Zuschauer mehr als jeden anderen lieben. Erst in diesem Jahr hat das Ermittlerteam Boerne und Thiel dafür die Goldene Kamera erhalten. Doch beim aktuellen Fall wurden Klischees überstrapaziert. Die leichte Hand, der wortgewandte Schlagabtausch zwischen dem Schnösel Boerne und dem Underdog Thiel - nichts davon war bei diesem "Tatort" zu spüren. Zu bemüht zog sich hin, was so erfolgversprechend begonnen hatte.

Nach einer opulenten Geburtstagsfeier bei "Kartoffelkaiser" Hans Lüdinghaus taucht die Leiche eines Gastes auf: Ein Schuss in den Rücken hat den nikotin-, alkohol- und kokainsüchtigen Geschäftsfreund des Geburtstagskindes zur Strecke gebracht. Spuren sucht das Team vergeblich, nächtlicher Schneefall hat mögliche Hinweise auf einen Täter verdeckt. Während Professor Karl-Friedrich Boerne (Jan Josef Liefers), Kommissar Frank Thiel (Axel Prahl) und Rechtsmedizinerin Silke Haller alias Alberich (Christine Urspruch) die Suche nach Spuren aufgeben, bringt Thiels Assistentin Nadeshda Krusenstern (Friederike Kempter) eine interessante Information: Staatsanwältin Wilhelmine Klemm (Mechthild Großmann) war ebenfalls auf der Feier und möglicherweise die letzte Person - außer dem Mörder-, die das Opfer lebendig gesehen hat.

"Moinsen!"

Da hatte man sie also alle beisammen, die man in Münster sehen will, der Einstieg ist geschafft. Doch dann wird beim "Herrenabend" richtig aufgetischt: Kommissar Thiel, der im biederen Münster das volksnahe Nordlicht gibt, wird mit seinen "Moinsen!"- und "Vaddern!"-Rufen sowie wechselnden St.-Pauli-T-Shirts zur Karikatur seiner selbst. Plötzlich trifft ihn auch noch wie ein Blitz die Liebe. Und macht ihn vollends zum Trottel. Die vom Finanzamt Münster auf den Kollegen Boerne angesetzte Leonie Krassnik (Ulrike Tscharre), eine um einen Kopf größere Frau mit Riesenbrille und strengem Dutt, ruft bei ihm bereits beim ersten Anblick unzüchtige Fantasien und linkische Reaktionen hervor.

Boerne trifft es ebenfalls hart. Nicht nur, dass seine Reputation auf dem Spiel steht, auch der regelmäßige Griff des Gerichtsmediziners nach seinem kleinen Metallkoffer offenbart, dass sich kein Sezierbesteck darin befindet. Die sich wiederholende Art, wie er das Köfferchen versteckt und behütet, lässt jedoch die gewohnte Nonchalance des selbsternannten Weltbürgers vermissen. Dass der Inhalt sich im Schlusswitz als wertlose Tafelpapiere der Scheinfirma Bulgaria Harvest entpuppt, provoziert dann nur noch unter den eigenen Kollegen einen Lachanfall. Bei all den Bemühungen geht fast unter, dass Boerne, um seinen Ruf zu rehabilitieren und einen vermeintlichen Fehler aufzuklären, einen Ausflug in die forensische Gesichtsrekonstruktion unternimmt. Es hätte so viel spannender sein können, wie er mit Alberich den Kopf von "Mr. Kapstadt" bastelt. (Und dann ist der (andere)Tote auch noch der Gärtner ...)

Haben es die Hauptfiguren schon schwer, ergeht es dem Rest der Besetzung nicht besser. Margit Klarbach (Victoria Trautmansdorff), die im Haushalt des Vaters und Oberschurken Dr. Herbert (Lambert Hamel) lebt, befindet sich im permanenten Tran ihrer Alkoholsucht. Geistesabwesenheit und Stimmungsschwankungen lassen sie zum Spielball zwischen Vater und Tochter werden. Sie muss so oft fragen, ob jemand gern einen Tee hätte, dass man sie fast einweisen möchte. Während ihre Tochter Nele (Henriette Confurius) den überzeugendsten Part in diesem "Tatort" spielt, muss diese in einem überfrachteten Ambiente bestehen. Das Jugendzimmer des Mädchens strotzt nicht nur vor linkem Anti-Kommerz-und-Anti-AKW-Design, zu allem Überfluss steht dort auch noch ein Schrein mit Foto des Vaters und brennender Kerze. Offenbar braucht der Zuschauer deutliche Signale, um zu begreifen, wie anti die Jugend ist und wie schwer der Verlust des Vaters. Nele flieht vor dem Alltag ins Internet und auch hier lauert der Holzhammer: Bei ihrem Chatpartner handelt es sich tatsächlich um den eigenen, vermeintlich verstorbenen Vater.

Wieso "Herrenabend"?

Überzeichnet war in diesem "Tatort" vieles. Fast unerträglich aber benahm sich der Geschäftsführer der Bulgaria Harvest, Holger Greven (Udo Thies). Seine zitternde Suche in den Gelben Seiten nach einem Hotel, in dem sich Neles Vater Rüdiger Klarbach (Stephan Schad) aufhalten könnte, erinnerte an schlimmes Schultheater.

Dabei hätte alles so schön sein können. Die Geschichte des bösen Großindustriellen, der sich mithilfe einer bulgarischen Scheinfirma bereichert. Thiels Vater (Claus D. Clausnitzer), der kiffende, taxifahrende Gutmensch, der zufällig das Leitfahrzeug eines Hilfskonvois nach Moldawien lenkt und Sohnemanns Winterkleidung bereits an der slowenischen Grenze verteilt. Leonie Krassnik, die mit ihren Finanzbeamtenkollegen wie das A-Team ins Kommissariat einmarschiert, um für Frank Thiel Akten zu sichten. Eine Aquariumsvilla mit einem Aquarium, beides unter permanenter Beobachtung. Ideen gab es genug.

Doch irgendetwas ist schiefgegangen. Nicht einmal der Titel "Herrenabend" erklärt sich von selbst. Schade! Allein Alberich ist sich treu geblieben und über sich selbst hinaus gewachsen.