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TV-Kritik

"The Voice of Germany"-Finale: Gefühls-Overkill oder ein postmodernes Schlagerdrama

John Legend, Alicia Keys, OneRepublic, Emily Sandé - zum Finale von "The Voice of Germany" wurde das ganze große Besteck aufgefahren. Bei soviel Starpower mussten sich die normalsterblichen Sänger ein wenig strecken, um gegenzuhalten.

Von Ingo Scheel

"The Voice of Germany": Mit 53 Prozent gewann Tay Schmedtmanndiese siebte Staffel

"The Voice of Germany": Mit 53 Prozent gewann Tay Schmedtmanndiese siebte Staffel

Wer hat es noch gleich gesagt? War es Bourani oder Samu? Die Erinnerung an die Sendung verschwimmt schon kurz nach dem Abspann, als hätte man geschmolzenes Fondant auf der Brille. "Hier geht es nicht um Musik oder um das Musikbusiness. Dies ist Gefühlbusiness", ließ einer der beiden hinter den Vorhang blicken. Und in der Tat: Das Finale von "The Voice of Germany" - ein klingendes Herz-Emoji voller trauriger Wandergitarren, bedeutungsschwanger tönendem Piano-Moll, feuchten Männerküssen, alles überpowered by Emotion oder um es mit den Moderatoren Thore Schölermann und Lena Gercke zu sagen: Mega. Sagenhaft. Gigantisch. Unfassbar. Un-glaub-lich. Und mega aber auch.

Dabei geriet der finale Abtanz- und Anrufball der vorweihnachtlichen Wettsänger zum reinen Herrenabend. Scheitelschätzchen Robin, Marc, die Röhre, Bildermann Boris und der gute Tay, der immer so traurig dreinschaut, als würde er im Geiste schon mit Andreas Kümmert telefonieren. Das ganze nachhaltig angedickt mit der vollen Star-Breitseite: OneRepublic durfte sein neues Woodstock-Tshirt vorführen, John Legend seine neue Platte, Alicia Keys ebenfalls. Ach ja, James Arthur natürlich auch. Wie von Geisterhand in den Promoplan getupft, haben die prominenten Sanges-Coaches allesamt passgenau zum Fest der Liebe in die Welt geworfene neue Werke unterm Gürtel.

Auch "AAA" hilft nichts gegen Andreas Schützling

Und weil man im Werbeblock zwischen pralinenmampfenden Beppe-Grillo-Doubles und geschätzten drei Dutzend Filmtrailern untergehen könnte, wird sich zum Schlussakkord der diesjährigen TVOG-Staffel noch der Gesangslehrer-Button ans Revers geheftet. Die Fantas hatten zudem auch schon was am Hemd kleben - "AAA" stand da - was aber nichts mit namenlosen Trinkern oder dem Zutritt ins Allerheiligste zu tun hatte, sondern lediglich gegen Bourani - "Alles außer Andrea" - gemünzt war. Genutzt hat es am Ende nichts, dessen Schützling machte schließlich das finale Rennen um die Krone und gab Robin Resch das Nachsehen.

Dinge, die von dieser Sendung in Erinnerung bleiben? Bühnen-Dekos, die aussahen, als wären die Produktentwickler von Ferrero Rocher am Werk gewesen, ausdruckstanzende Nymphen in riesigen Eiswürfeln und mit "Bye Bye Hollywood Hills forever" Refrainzeilen, die einen daran erinnern, dass man mal wieder Moti Special und Bad Boys Blue hören könnte. Sonst noch was? Samu und Boris treffen sich immer im "Scheisshaus", Bourani hält Naidoo für den besten Sänger, den "wir in Deutschland haben", gefolgt von der Erkenntnis beim Zuschauer, dass es dessen Songs ganz gut tut, wenn sie etwas zu leise und latent schief gesungen werden.

Als hätte man Setzkästen vertont

Jamie-Lee Kriewitz gewinnt 2015 bei The Voice of Germany

Ebenfalls im Programm und mit weihnachtsmännischer Großzügigkeit serviert: Echtheit. Originalität. Authentizität. Sagt Yvonne Catterfeld jedenfalls. Dass mit Ausnahme von Lenny Kravitz’ Ersatz-Hardrock "Are You Gonna Go My Way", in Marc Amachers Version wie ein übermütiger Aprilscherz von Zucchero daherkommend, alle Stücke so geklungen haben, als würde man damit Filmszenen unterlegen wollen, in denen der Held stirbt und sein Leben noch einmal als verwackeltes Super-8 im Schnelldurchlauf gezeigt wird - sei es drum. Eine über dreistündige Gänsehaut, ein Gefühlsoverkill, postmodernes Schlagerdrama, als hätte man Setzkästen vertont.

"Lauf Baby lauf" zum "The Voice of Germany"-Gewinner

Ob man den sichtlich lampenfiebrigen vier Finalisten mit den zur Seite gestellten Big Names letztlich einen Gefallen getan hat oder dem alten Affen Angst nicht vielleicht doch zusätzlich Feuer unterm Hintern gemacht hat - schwer zu sagen. Boris, die Tattoo-Gräte, ging grippal angeschlagen ins Rennen, was bei seiner übersichtlichen Stimmbandbreite kaum ins Gewicht fiel, Konkurrent Marc lieferte vollmundig wie gewohnt ab. Den Klicks und Streamabrufen im Vorwege der Sendung zufolge, hatte sich eh abgezeichnet, was das Finale schließlich bestätigte - ein knappes Rennen zwischen Tay und Robin sollte es werden. "Schmedtmann hält die Welt in Atem" versus "Rachen zähmen leicht gemacht". Mit 53 Prozent gewann "Schmeddy" schließlich mit seinem eigenen Song "Lauf Baby lauf" diese siebte Staffel von "The Voice of Germany".

Am Ende langte es dann zeitlich nicht einmal mehr für den zweiten Durchlauf des Siegersongs, da ging es schon zurück in die Werbewelt von Beinmanschetten zum besseren Niederknien beim Beten, Haaransatz-Färbespray Marke Baker Boys und Hundeknochis für Bellos Zahnreinigung, bei denen man jeden Moment damit rechnet, dass Frauchen das Teil selbst in den Mund steckt. Mega. Unfassbar. Sa-gen-haft. Im Januar dann Promi-Darts, im März "The Voice Kids". Bis dahin wird steckt man am besten die Füße in einen Eiseimer und hört Death Metal, um den Apparat wieder runterzukühlen. There’s no business like Gefühlbusiness.