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TV-Kritik "Anne Will" Gott, Hitler und die Beichte


Kurz vor Ostern begibt man sich auf Sinnsuche. Wie schnell Glaubensfragen dabei zu Glaubenskriegen ausarten, musste Anne Will erleben - und bot doch am Ende mehr als nur ein paar Schokoeier.
Von Christoph Forsthoff

Sie reden Amok! Hitler und Gott in einem Atemzug zu erwähnen, ist ein derartiger Irrsinn" - dass sich Matthias Matussek kaum wieder einzukriegen vermochte. "Wissen Sie eigentlich, wovon Sie reden?" fuhr der Journalist in der Talkrunde von Anne Will aufgebracht Angelika Kallwass an. Und in der Tat hatte die Psychotherapeutin da gerade eine mehr als gewagte Parallele gezogen, als sie die Unterwerfung des menschlichen Über-Ich gegenüber Hitler gleich stellte mit der Unterwerfung des Über-Ichs des Gläubigen gegenüber Gott. Und es sollte nicht das einzige Mal an diesem Abend bleiben, dass sich die Gemüter derart erhitzten. Von wegen alles reine Glaubenssache!

Dabei hatte sich Anne Will mit ihren Gästen eigentlich "Auf Sinnsuche" begeben und so kurz vor dem Osterfest die Frage stellen wollen: "Hat die Kirche noch Antworten?" Doch wer sich gleich zwei Egozentriker wie Matussek und Heiner Geißler einlädt, kann kaum eine sinnstiftende Diskussion erwarten - stattdessen gifteten sich der Journalist und der ehemalige CDU-Generalsekretär bis ins Persönliche hinein an. "Jesus war kein Attac-Kämpfer, und Sie sind auch nicht der Generalsekretär der Kirche", versuchte der überzeugte Katholik den ehemaligen Jesuitenzögling zu zügeln - doch das hielt den 82-jährigen Politiker nicht davon ab, sein Gegenüber Arnulf Baring mit der Aufforderung zur öffentlichen Beichte zu provozieren: "Welche Sünde haben Sie denn heute begangen?" Was nun wiederum den Historiker völlig aus der Fassung brachte: "Ich verbitte mir das!", schnappte der 79-Jährige nach Luft - schließlich war sein kurz zuvor gehaltenes Plädoyer für die katholische Einrichtung der Beichte ja ganz grundsätzlicher Natur gewesen: Der Mensch habe nun mal viele Fehler, und da sei dies eine großartige Möglichkeit, ganz neu anzufangen.

Des Nachsinnes werte Gedanken

Eine Möglichkeit, die Anne Will in der Sendung naturgemäß nicht hat(te) - und doch gelang es ihr trotz aller, bisweilen auch heftiger Anfeindungen immer wieder, den Disput in geordnete Bahnen zurückzuführen und auch den gedanklichen Leitfaden nicht aus dem Blick zu verlieren. Was alles andere als einfach war angesichts mancher Ungehobeltheiten in der Runde oder auch eines sichtlich traumatisierten Menschen wie Andreas Altmann, der in seinem Buch "Das Scheißleben meines Vaters, das Scheißleben meiner Mutter und meine eigene Scheißjugend" versucht hat, die in seiner Kindheit und Jugend im stockkonservativen Altötting erlittenen Peinigungen und Qualen aufzuarbeiten.

Eine fruchtbare Diskussion zeichnete diese Runde zwar nicht aus. Immerhin wurden aber einige durchaus bemerkens- und des Nachsinnens werte Gedanken geäußert: Etwa wenn Baring die "tiefe menschliche Sehnsucht nach etwas, was das eigene Ich in seiner Begrenztheit übersteigt" ansprach - und hierzu in der katholischen Kirche sehr viel mehr Angebote ausmachte als in der protestantischen. Oder Matussek von seiner "im Glauben geborgenen Kindheit" erzählte, wo nicht zuletzt der Gedanke an "einen himmlischen Ausgleich" für die auf der Erde begangenen Sünden "sehr befreiend" gewesen sei. Und für den Katholizismus warb als einem "Abenteuer, das gelebt wird" - wie von der Schwester Katharina Rohrmann, die als erfolgreiche Bankerin auf der Suche "nach dem Mehr" im Leben 2007 in den Orden der Missions-Benediktinerinnen gewechselt ist. Und die sich hier zwar sehr wohl zum Glauben und den strengen Gelübden bekannte, sich aber gleichzeitig nicht scheute, den Ausschluss der Frauen vom Priesteramt infrage zu stellen: "Warum soll die Kraft des Heiligen Geistes nicht auch durch uns Frauen gehen?"

Selbst Katholiken geraten ins Grübeln

Trefflich streiten ließ sich auch über Geißlers These, "die Botschaft des Evangeliums ist etwas anderes, als was sich in der katholischen Dogmentheologie entwickelt hat" - und doch geriet wohl selbst mancher Katholik ins Grübeln angesichts bewusster Fehlübersetzungen, die etwa aus den Jesus-Worten "Denket um" die Aufforderung zum Sündenbekenntnis "Tuet Buße" gemacht haben. Letztlich bleibt die Sinnfindung natürlich jedem selbst überlassen - was nicht nur die peinliche Straßenumfrage zum Osterfest offenbarte ("dieser religiöse Analphabetismus dokumentiert die geistige Verödung in diesem Land", so Matussek) - doch immerhin hat diese Diskussion solche Fragen nach dem Sinn überhaupt einmal wieder angestoßen.


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