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TV-Kritik "Günther Jauch": Social Freezing - ist Kinderkriegen Chefsache?

Social Freezing - die Möglichkeit für Frauen, Eizellen einfrieren zu lassen - ist dieser Tage das Thema. Die Gäste in Günther Jauchs Talkshow hatten dennoch keine differenzierte Meinung zu bieten.

Von Andrea Zschocher

"Eiskalte Karriereplanung – Ist Kinderkriegen Chefsache?" fragte Günther Jauch, um auf den Zug der aktuellen Debatte um social freezing aufzuspringen. Seit einigen Wochen sind die amerikanischen Firmen Apple und Facebook in aller Munde. Sie bieten ihren Arbeitsnehmerinnen an, deren Eizellen einfrieren zu lassen und die Kosten dafür zu übernehmen. So könnten die Mitarbeiterinnen zunächst die Karriere vorantreiben und zu einem späteren Zeitpunkt ihren Kinderwunsch verwirklichen. Doch was Social Freezing genau ist und wieso es sozial sein soll, wenn Frauen ihre Eizellen einfrieren - das wurde in der Talkshow leider nicht thematisiert.

Eingeladen hatte Jauch unter anderem Sharon Berkal, eine Filmemacherin, die mit 35 und dann noch einmal mit 36 Jahren Eizellen hat einfrieren lassen. "30 habe ich noch rausgekriegt", informiert sie, verlegen grinsend, das Publikum. Sie fühlt sich mit 37 noch zu jung für Kinder, sagt sie. Aber auch, dass ihr Partner einen starken Kinderwunsch hat. Mehrmals schaut sie dabei in seine Richtung und beim Zuschauer keimt das Gefühl, dass sie ihre Eizellen vielleicht auch nur deswegen hat einfrieren lassen, um ihrem Freund, zu versichern, dass eine Familie zu einem späteren Zeitpunkt durchaus möglich sei. Berkal sieht die eingefrorenen Eizellen als "Sicherheit", wenn es auf natürlichem Weg mit einer Schwangerschaft nicht klappen will.

Werbeauftritt statt Antworten

Genau so versteht auch Nicolas Zech, Reproduktionsmediziner, die Aufgabe von eingefrorenen Eizellen. "Social Freezing wird stigmatisiert, wir nennen es Eizellenvorsorge." Zehn bis zwölf Eizellen werden einer Frau für diese Vorsorge entnommen und im Labor mit einem Frostschutzmittel versetzt, anschließend werden sie bei minus 196 Grad schockgefroren und warten dann tiefgefroren bis zu ihrem Einsatz.

Günther Jauch will wissen, ob das Frostschutzmittel nicht vielleicht Schädigungen für das Kind bedeuten könnte. Oder ob in Eizellenkliniken nicht auch mal ein Stromausfall möglich sei. Zech bleibt viele, eigentlich alle Antworten schuldig. Selbst als Jauch ihn bei einer Frage anherrscht "Es ist mir egal, wen Sie in der Klinik sehen wollen, ich will jetzt die Beweggründe der Frauen wissen", antwortet Zech schmallippig. Der Reproduktionsmediziner hatte sich wohl eher auf einen Werbeauftritt für seine Klinik eingerichtet und nicht darauf, tatsächlich durchaus kontroverse Fragen zum Thema Social Freezing zu beantworten.

"Das ganze Herumoptimieren bringt nichts"

Ranga Yogeshwar, Wissenschaftsjournalist und Moderator, war der Einzige in der Runde, der das Einfrieren von Eizellen ohne medizinische Notwendigkeit vehement ablehnt. Er wurde nicht müde zu betonen, dass Kinder auf diese Weise "durchökonomisiert" werden. Kinder seien das höchste Gut, "die Technik verändert uns".

Aber auch Kinder können einen verändern. Diese Erfahrung machte die "Zeit"- Journalistin Elisabeth Niejahr, die ebenfalls als Gast bei Jauch geladen war. Sie hatte ihre Eizellen einfrieren lassen, wurde dann aber mit 40 auf natürlichem Weg schwanger. Ob sie versuchte, ihr Leben zu optimieren, will Jauch wissen. Sie habe gelernt, sagt sie, "das ganze Rumoptimieren bringt nichts". Und dennoch, Niejahr will den Frauen, anders als Yogeshwa, die Möglichkeit der persönlichen Entscheidung für das Einfrieren der Eizellen nicht absprechen.

Einig waren sich die Diskutierenden nur in einem Punkt: Familienplanung kann nicht mehr allein Sache der Frau sein. Es herrsche noch immer eine Doppelmoral, die Männern bis ins hohe Alter erlaube, Vater zu werden, während die Fruchtbarkeit von Frauen eine biologische Grenze hat. Diese Grenze kann mithilfe von Social Freezing nach oben, laut Zech auf "45, 50 Jahre" angehoben werden. Aber wirkliche Veränderung in der Gesellschaft könne nur dann erfolgen, wenn, wie Niejahr sagt, "Männer auch mal ein Jahr Elternzeit nehmen". Dann, so meint sie, hätte der Chef die Wahl, einen jungen Mann oder eine junge Frau einzustellen und es könnte sein, dass jeder ein Jahr Elternzeit nimmt. Was die Journalistin mit ihren klugen Einwürfen aufzeigen will, zerstört die Jauch-Redaktion mit ihrem Einspielfilm sofort.

Die Angst vor den "Bio-Kindern"

Dort wird Sabine Kötting, eine ehemalige Managerin in einem Dax-Unternehmen mit ihren drei Kindern gezeigt. "Drei Karrierekillern." Sicher, Kötting liebt ihre Kinder und wollte über die Unvereinbarkeit von Kind und Karriere sprechen. Aber was genau das mit der Social-Freezing-Debatte zu tun hat, bleibt dem Zuschauer verborgen.

Allerdings, dem Karrierekiller Kind liefert Petra Dalhoff, Rechtsanwältin und frühere Personalchefin, eine Argumentationsgrundlage. Ihrer Meinung nach werden Frauen gebraucht und haben es "in der Hand, Unternehmen auszunutzen". Es folgen irritierende Ausführungen darüber, dass schwangere Frauen einen "besseren Kündigungsschutz als Schwerbehinderte" genießen und ihre Position auch oft ausnutzen würden. Offen bleibt, ob Dalhoff meint, dass eine Frau, die mit 40 plus Jahren schwanger wird, den Arbeitgeber dann mehr oder weniger ausnutzen könnte. Und wie dieses Ausnutzen im ganz konkreten Fall aussehen würde.

Ob Kinderkriegen Chefsache ist oder nicht, darauf hatte keiner der Anwesenden eine Antwort. Ranga Yogeshwar hatte ein paar verwirrende Ideen, um den Zuschauern seine Sicht nahezubringen. Vielleicht hat er eine Wissenschaftsendung zu viel moderiert, aber nicht jeder im Publikum braucht "ein Beispiel, um das mal zu verdeutlichen". Als er anhand von "synthetisch hergestelltem Pudding" und dem heutigen Trend zu Biolebensmitteln erklären wollte, dass er sich sorge, zukünftig würde Social Freezing den Ruf nach "Bio-Kindern" erhöhen, schritt Sharon Berkal ein: "Ist doch alles Panikmache! Alles Panikmache für den kleinen Geist."

Fest steht, Social Freezing ist, so sagt es auch Günther Jauch, ein "ethisch-moralisches Problem". Aber sicher keines, bei dem diese Talkshow erhellend beigetragen hätte.