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Social Freezing: Ewig fruchtbar - wie der Mensch die Wechseljahre abschafft

Es ist ein Segen für viele Frauen - mit neuen medizinischen Methoden können sie ihre Fruchtbarkeit konservieren. Wie funktioniert Social Freezing, was sind die Risiken, und wer entscheidet sich dafür?

Von Bernhard Albrecht

Eizellen, eingefroren, um sich ein spätes Glück ermöglichen zu können

Eizellen, eingefroren, um sich ein spätes Glück ermöglichen zu können

Sie saßen bei einem Glas Rotwein in einer Bar. Antje (Name geändert, Anm. d. Red.) sagte: "Ich muss mit dir reden." Für ihn nahm der Abend eine unerwartete Wendung. Sie wolle sich ein Stück Eierstock entnehmen und einfrieren lassen, sagte sie. Seine erste Reaktion: "Bist du betrunken, oder meinst du das ernst?" So könnten sie später noch zusammen Kinder bekommen, erklärte sie - dann, wenn sie normalerweise vielleicht schon in den Wechseljahren wäre. Durch einen Eingriff, der bisher nur an einer kleinen Zahl von Krebspatientinnen durchgeführt wurde, bevor sie durch Bestrahlung und Chemotherapie ihre Fruchtbarkeit verloren. An Gesunden würden nur wenige Ärzte weltweit die OP durchführen. Antje wäre die Erste in Deutschland.

Antje, 34, könnte es sich leichter machen. Heute ist es kein Problem mehr, den Kinderwunsch bis nach der Menopause aufzuschieben. Je nach Lebensalter reichen dafür 10 bis 40 Eizellen: Das neue Zauberwort für ewige Fruchtbarkeit heißt "Egg Freezing", Eizelleinfrieren.

Beide Verfahren - Eizelleinfrieren, Eierstock einfrieren - eint ein großer Traum: die Befreiung der Frau vom Diktat der biologischen Uhr. Eine Revolution bahnt sich an.

Sie wird sich auf die Sexualität der Frau und die Beziehung der Geschlechter auswirken, vergleichbar dem Umbruch, den die Markteinführung der Antibabypille 1960 nach sich zog. Nicht nur karriereorientierte Frauen werden die Neuerungen nutzen, auch Frauen wie Antje, die kämpfen müssen, um den Alltag zu bewältigen. Aufgewachsen mit zwei Geschwistern, wollte sie selbst immer Kinder, doch lange fehlte der Partner. Ihr neuer Freund ist noch mit einer anderen verheiratet. Als Volontärin bei einer Zeitung verdient sie lächerlich wenig, nach dem Abschluss droht ihr Arbeitslosigkeit. "Wenn ich jetzt schwanger werde und er mich verlässt, wächst mein Kind als Sozialfall auf!", sagt sie. "Social Freezing" scheint der Ausweg zu sein, ein Modebegriff dafür, dass gesunde Frauen ihre Fruchtbarkeit konservieren, bis es im Leben besser passt.

Chance oder Unheil für die Gesellschaft? Die Meinungen darüber klaffen weit auseinander.

Geschenk? Oder Produkt?

"Mutter werden mit 50plus" titelte das Zentralorgan der deutschen Feministinnen "Emma", und die Autorin kommentiert: "Ja, wo ist das Problem?" Auch Claudia Wiesemann, Mitglied des Deutschen Ethikrates, begrüßt die neuen Chancen. Ältere Väter wie Ulrich Wickert oder Sky du Mont würden bewundert, ältere Mütter seien verpönt. "Das ist sexistisch. Warum soll nicht auch eine fitte 60-jährige Frau mit einem 40-jährigen Mann ein Kind bekommen?" Falls sie unerwartet früh stürbe, müsse eben er die Verantwortung übernehmen, die wir so selbstverständlich den Müttern zuweisen.

Christiane Woopen, Vorsitzende des Deutschen Ethikrats, hält dagegen. "Im Einzelfall kann Social Freezing zwar sinnvoll sein", sagt sie. "Aber wenn es zur Normalität wird, trägt das weiter zu einer sich ausweitenden Technisierung der Beziehungen zwischen Eltern und Kindern bei." Das Kind erscheine dann nicht mehr als "Geschenk", sondern als "Produkt".

Vor drei Jahren noch wagte sich kaum ein Kinderwunschzentrum an die neue Technik. Heute bieten mehr als 40 Prozent der Reproduktionsmediziner gesunden Frauen Social Freezing an, so das Ergebnis einer Umfrage einer Doktorandin aus Göttingen unter 136 Ärzten. Der Durchbruch kam durch ein neues Tiefgefrierverfahren: die Vitrifikation. Sie lässt Eizellen in Sekundenbruchteilen auf minus 196 Grad abkühlen. Beim langsamen Gefrieren bildeten sich in den äußerst fragilen Eizellen noch Kristalle, die sie meistens zerstörten. Die Vitrifikation verhindert dies.

"Post-Feministinnen" neuen Typs

Das "Kinderwunschzentrum an der Oper" liegt an Münchens Prachtstraße in teuerster Stadtlage. Neorenaissancefassade, im Erdgeschoss Louis Vuitton, im vierten Stock erstreckt sich auf 1050 Quadratmetern mit afrikanischem Nussbaumparkett und roten Ledersesseln die Praxis. Die vier Reproduktionsmediziner hier werben mit Radiospots. Ihre neue Patientengruppe wachse rasant, erzählt Jörg Puchta: Jeden Tag kämen vier bis fünf Interessentinnen, er sehe "Post-Feministinnen" neuen Typs: "Selbstbewusst, effizient, zielstrebig, beruflich erfolgreich. Männer spielen oft nur noch eine Nebenrolle, viele planen ihr Leben zu dem Zeitpunkt ohne Partner." Andere Frauen als Antje, die sich eine Behandlung hier nicht leisten könnte.

Seine Patientin Franziska (Name geändert) hat viel erreicht, als Führungskraft in der PR-Abteilung eines Weltkonzerns betreut sie Spitzenathleten. Das Leben ist schnell vorbeigezogen, die Liebe hat nicht mitgehalten, eine Beziehung zerbrach nach zehn Jahren.

Sie ist 35, frisch verliebt, weiß aber noch nicht, ob der neue Freund auch Vater ihrer Kinder sein wird. Die junge Frau, blasses Gesicht, umrahmt von langen braunen Haaren, erzählt von ihrem Lebensplan: drei, vier Jahre in der neuen Führungsposition Erfahrung sammeln. Erste Schwangerschaft mit 37, die zweite mit 39 oder 40, wenn es dann noch klappt. Beim dritten wäre sie deutlich über 40. Ein Roulettespiel, wenn man sich auf die Natur verlässt, findet sie. Eines von 100 Kindern einer 40- Jährigen wird mit Trisomie 21 geboren. Als Franziska im Sommer in einem Magazin über Social Freezing las, erkannte sie: So könnte es gehen.

Zwei Wochen später saß sie Puchta gegenüber. "In Ihrem Alter würde ich einen Vorrat von mindestens 20 Eizellen anlegen", schlug er vor. Dann wäre ziemlich sicher mindestens eine dabei, die sich später, aufgetaut und befruchtet, zu einem Baby weiterentwickeln würde. Eine schlechte Ausbeute, Folge altersbedingter Zellschäden. Bei 25-Jährigen kann noch aus jeder zweiten befruchteten Eizelle ein Baby werden. Weiterer Vorteil der Jugend: mehr Eizellen pro Menstruationszyklus. Im Körper einer 25-Jährigen reifen unter Hormonstimulation leicht 15 bis 30 Eizellen heran, Franziska wird dafür zwei bis drei Zyklen brauchen.

Kosten? Der Wert eines Kleinwagens

Das sei das Dilemma, erklärt Puchta: Die meisten seiner Patientinnen kämen spät, mit Mitte bis Ende 30. Ältere Mütter wie die Schauspielerin Halle Berry (mit 47) oder die Sängerin Gianna Nannini (mit 54) nähren den Irrglauben, es bleibe noch viel Zeit. Doch ist eine Schwangerschaft jenseits der 45 meist nur mit Eizellspende möglich.

Mitunter ist bei Puchtas Patienten schon viel früher der Vorrat an Eizellen erschöpft, er unterliegt großen individuellen Schwankungen. Manche seiner Patientinnen brechen in Tränen aus, wenn sie von ihm erfahren, dass sie unbemerkt in die Wechseljahre eingetreten sind. Ideal fände Puchta, die Frauen kämen schon nach dem Schul- oder Studienabschluss: "Eltern schenken ihren Kindern dann gerne ein Auto. Stattdessen könnten sie ihnen etwas viel Wertvolleres geben, Freiheit in der Lebensplanung." Franziska hat die Summe kalkuliert, für die sie sich diese Freiheit kaufen will. Pro Zyklus fallen bis zu 4000 Euro an, sie wird den Gegenwert eines Kleinwagens investieren müssen, 8000 bis 12.000 Euro.

Schon nach diesem ersten Besuch nimmt sie das Rezept für die Hormone mit. Ab dem ersten Tag der nächsten Regelblutung wird sie sich über neun Tage Spritzen in die Bauchhaut verabreichen, um ihre Eierstöcke auf maximale Ausbeute zu tunen. Aus Internetforen weiß sie, dass manche Frauen das als belastend erleben und in Depressionen verfallen. "Ich habe aber ein ausgeglichenes Temperament", sagt sie. "Mir wird das hoffentlich nicht passieren."

Für Antje wären künstliche Hormone ein Graus. Sie wurde hellhörig, als ihr ein Kollege erzählte, dass die Uniklinik Erlangen eine gesunde junge Frau suche, die sich Eierstockgewebe entnehmen lassen würde, um erst später schwanger zu werden. An einem Spätsommertag sitzt sie im Chefarztzimmer von Matthias Beckmann, dabei ist auch Ralf Dittrich, Reproduktionsbiologe und Leiter des Eizellen-Labors. Die Vorteile des Verfahrens leuchten ihr ein: Eine Hormonbehandlung wäre nicht nötig, der Eingriff käme deutlich günstiger, 1500 Euro.

Gynäkologe Beckmann steht einer Klinik vor, die immer wieder an die Grenzen des ethisch Vertretbaren vorgestoßen ist. 1982 kam hier Deutschlands erstes Baby nach künstlicher Befruchtung zur Welt, 1987 das zweite Egg-Freezing-Baby weltweit - damals ein Glücksspiel, die Technik des Blitzgefrierens gab es nicht, niemand wusste, ob die Eizelle intakt war. Aus diesem Baby wurde nach Informationen der Klinik eine junge Frau, die derzeit studiert.

Lesen Sie auf der nächsten Seite mehr darüber, wie Egg Freezing und Eierstockkonservierung funktionieren, wo die Probleme liegen und welche gesellschaftlichen Fragen beide aufwerfen.

Pioniere gesucht

Auch die Eierstockkonservierung ist noch ein Glücksspiel, es gibt offene Fragen, ungelöste Probleme. Beckmann ist ein stämmiger Mann um die 50, der mit kantigen Gesten argumentiert. Wie dringend sei der Kinderwunsch? Warum nicht jetzt schon? Für Antje fühlt es sich an wie ein Examen. "Es darf nicht nur eine Laune sein", sagt Beckmann. "Sie brauchen eine Absicht, für die sich so ein Eingriff lohnt." Nur an Frauen, die später wirklich Kinder bekommen, kann er beweisen, wie gut sein Verfahren funktioniert.

Eierstöcke von mehr als 300 Frauen lagern in Erlangen, 27 von ihnen wurde Gewebe zurücktransplantiert. Doch manche wollten bislang nicht schwanger werden, einigen fehlte der Mann, anderen war die Gebärmutterschleimhaut durch Bestrahlung und Chemotherapie so geschädigt, dass sich kein Embryo mehr einnistete. Schwer, eine Erfolgsrate zu berechnen. Alle Zentren, die an der Eierstockkonservierung forschen, haben dieses Problem. Weltweit wurden so mehr als 30 Kinder geboren. Die korrigierte Erfolgsrate, die nur Frauen mit einbezieht, die schwanger werden wollten und deren Gebärmutter intakt war, würde 30 Prozent betragen. Damit wäre das experimentelle Verfahren fast gleichauf mit dem Egg Freezing, mit einer geschätzten Erfolgsrate von 30 bis 40 Prozent. Valide Studien fehlen auch hier.

Seit längerem schon sucht Beckmann nach der Kandidatin, die den Eingriff wagt. Noch hat sich keine Frau dafür entschieden. Dabei, so erklärt er Antje, sei das Risiko minimal.

Er skizziert einen Eierstock auf Papier, einen ovalen Kreis, in den er einen Keil zeichnet. Diesen Keil würde er entnehmen, auf mindestens fünf Portionen verteilen und einfrieren. Minimalinvasiv, drei kleine Löcher in der Bauchdecke. "Diese Entnahme beherrscht jeder erfahrene Operateur", sagt er und lächelt. Erst die Nachbearbeitung des Gewebes, das Einfrieren und Wiederauftauen im richtigen Tempo sowie das Einpflanzen in den Unterbauch erforderten Experten-Know-how.

"Und was passiert, wenn ich schwanger werden will?", fragt Antje. Beckmann zeichnet eine Bauchhöhle, darin oval die Gebärmutter, von der wie Schwingen Eileiter und Eierstöcke abgehen. Er würde das Gewebe nahe der Beckenwand unmittelbar neben den Eierstock einpflanzen. Diese Methode ermöglichte ganz normale Menstruationszyklen. Das ist einer der Vorteile gegenüber Egg Freezing, das künstliche Befruchtung erfordert. Vier seiner Patientinnen haben mittlerweile Babys bekommen, drei weitere sind schwanger - alle nach natürlicher Empfängnis.

Die Abschaffung der Wechseljahre

Für Furore sorgt derzeit ein Fachartikel, der Daten aus vielen Zentren weltweit zusammenfasst, die sich mit Eierstockkonservierung beschäftigen: Demnach bekamen 52 von 56 Frauen wieder die Regel, nachdem ihnen Eierstockgewebe zurückverpflanzt wurde. Es klingt nach Utopie: die Abschaffung der Wechseljahre. Eingefrorenes Eierstockgewebe als ewiger Jungbrunnen, das ist das neue Versprechen der Reproduktionsmediziner. Beckmanns Stimme wird leise, als er zu Antje sagt: "Frauen Ihres Geburtsjahrgangs werden durchschnittlich 91 Jahre alt. Sie verbringen die Hälfte ihres Lebens im Klimakterium." Die Möglichkeit ist real, die Technik da. Anders als bei Medikamenten sind keine weiteren Studien nötig. Nichts könnte Frauen hindern, morgen einen Gynäkologen aufzusuchen und sich Eierstockgewebe entnehmen zu lassen - außer ethischen Vorbehalten. Ein Eingriff, erdacht für Krebskranke, würde zur Lifestyle-OP. Das eingepflanzte Gewebe kann bis zu neun Jahre aktiv bleiben, sagen die Zahlen.

Wenn der Eizellenvorrat versiegt und die Wechseljahre einsetzen, könnte der Arzt eine weitere Portion auftauen und einpflanzen. Eine Art "natürliche Hormonersatztherapie", vom Körper selbst reguliert. Nebenwirkungen: unbekannt. Jedoch erinnert das an die einstmals gefeierte medikamentöse Hormonersatztherapie, die wegen der möglichen Begünstigung von Krebs-und Herz-Kreislauf- Erkrankungen heute umstritten ist. Wäre ein körpereigener Hormoncocktail die Alternative? Und was stellt er sonst noch mit dem Körper an?

Experimente einer japanisch amerikanischen Forschergruppe an Mäusen zeigen, wohin die Entwicklung gehen könnte. Unbehandelt zogen sich Mäuseweibchen nach Erreichen der Menopause von den Männchen zurück und starben bald darauf, nach etwa 636 Lebenstagen. Pflanzten die Forscher ihnen hingegen Eierstockgewebe ein, stieg die Lebenserwartung auf durchschnittlich 877 Tage. "Und sie hatten bis zum Tag ihres Todes ein erfülltes Sexualleben", schwärmt der Reproduktionsmediziner Sherman Silber, Co-Autor der Studie, Pionier und Radikal-Verfechter der Eierstockkonservierung.

Vor seinem geistigen Auge sieht er 90-jährige Frauen, die aussehen wie sechzig und sich mit ihren Ehepartnern vergnügen - oder mit jüngeren Liebhabern. An seiner Klinik in St. Louis habe er schon Eierstockgewebe von 70 Frauen eingelagert, die ihren Kinderwunsch aus sozialen Gründen aufgeschoben haben.

"Wie hoch ist das Risiko, dass das Kind Schäden davonträgt?", will Antje wissen. "Wir wissen es nicht", erklärt Beckmann. "Die Daten haben wir noch nicht." Tatsächlich steht die Menschheit noch am Anfang eines großen Experiments. 35 Jahre nach der Geburt des ersten Babys aus dem Reagenzglas diskutieren Wissenschaftler über erhöhte Fehlbildungsraten durch die künstliche Befruchtung. Auch bestimmte Krankheiten wie Asthma und Diabetes treten ersten Studien zufolge häufiger auf. Die Blutgefäßwände von Retortenkindern verhalten sich in Messungen starrer, was die Forscher als Zeichen für eine höhere Anfälligkeit für Herz-Kreislauf-Erkrankungen werten. Über die Ursachen wird gestritten.

Es liege wohl nicht an der künstlichen Befruchtung selbst, sagt Beckmann. Eltern, die sich dafür entschieden, gehörten einer speziellen Untergruppe an, die Probleme mit der natürlichen Fortpflanzung hatten. "Bei Frauen, die sich aus sozialen Gründen dafür entscheiden, werden weniger Probleme auftreten." Garantieren kann er nichts. Warum treibt Beckmann die Sache so voran? Er wolle zeigen, wozu die Reproduktionsmedizin imstande sei. "Eine Diskussion darüber ist überfällig", findet er.

Es gibt eine Vielzahl ungelöster gesellschaftlicher Fragen. Wenn nicht nur Väter, sondern auch Mütter im Greisenalter Kinder kriegen können, wer kümmert sich dann später um sie? Wie steht es um die gesundheitlichen Gefahren für ältere werdende Mütter? Viele Reproduktionsmediziner fordern eine verbindliche Altersgrenze für die künstliche Befruchtung nach Social Freezing. Vielleicht wie in Spanien: Dorthin pilgern deutsche Paare, die sich ihren Kinderwunsch nur durch die in Deutschland verbotene Eizellspende erfüllen können. Ärzte dürfen die Spender-Eizellen nur bis zu 50-jährigen Empfängerinnen einsetzen.

Planen statt leben?

Die Debatte in Deutschland wird sich auch um die Frage drehen, ob es richtig ist, ein gesellschaftliches Problem biologisch zu lösen. "Das setzt falsche Anreize und schafft neue Zwänge", gibt die Medizinethikerin Christiane Woopen zu bedenken. "Eine 27-jährige Frau wird sich in Zukunft vielleicht anhören müssen: Du kannst ja deine Eizellen einfrieren lassen und erst mal an deiner Karriere arbeiten." Sie könnte Recht haben – so bezahlt der Konzern Facebook seinen Mitarbeiterinnen bereits Social Freezing, Apple will ebenfalls nicht nachstehen.

Doch Woopen setzt ein schwer erreichbares Ideal dagegen: dass Personalchefs lernfähig sind. Dass Männer sich die Kindererziehung mit ihren Frauen teilen. Dass sich in Deutschland Dinge substanziell ändern, die schon seit Jahrzehnten vergebens gefordert werden. Die Realität sieht vielerorts anders aus. Solange der gesellschaftliche Wandel auf sich warten lässt, stehen Frauen, die ihre Unabhängigkeit bedroht sehen, dank der neuen Option vor der Entscheidung: entweder Kinder nach Social Freezing - oder eben keine Kinder. Für die kinderarme Gesellschaft ist es die Chance auf mehr Nachwuchs. Das ist das Positive.

Franziska hat ihr Soll nach zwei Menstruationszyklen erreicht: 25 Eizellen, 8000 Euro. Ihr Arzt Puchta sagt, das reiche. Die Hormontherapie hat sie am Ende doch psychisch aus dem Gleichgewicht gebracht, sie ist froh, dass es vorbei ist. Aber die Entscheidung war richtig, sagt sie. Zur Altersfrage sagt sie: "Bis 45 wäre okay. Dann wäre mein Kind aus dem Gröbsten raus, wenn ich in Rente gehe."

Antje war zunächst fest entschlossen, sich Eierstockgewebe entnehmen zu lassen. Ihr Freund sagte: "Wenn du meinst, dass das richtig ist, ziehen wir das zusammen durch." Noch bevor sie den nächsten Schritt tun konnte, überraschte sie das Leben: Trotz Medienkrise ergatterte sie einen festen Job. Heute lebt sie mit ihrem Freund in derselben Stadt und will bald auf natürlichem Wege schwanger werden. Gynäkologe Beckmann hat in den Monaten nach ihrer Absage mittlerweile fünf ältere, gesunde Probandinnen gefunden.

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