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TV-Kritik "Menschen bei Maischberger": Planlos durch die Mobbing-Welt

Um unhaltbare Zustände in deutschen Firmen und menschenverachtende Bosse sollte sich die Diskussion drehen – doch statt eines stringenten Talk-Konzeptes sprang Sandra Maischberger von einem Thema zum nächsten. Dabei übte sie sich in Schwarz-Weiß-Malerei.

Von Christoph Forsthoff

Planlos durch den Talkabend: Nein, was Sandra Maischberger da in ihrer jüngsten "Menschen"-Runde präsentierte, war schlicht eine Zumutung. "Ich hasse meinen Boss!", lautete der reißerische Titel. "Überleben in der Arbeitswelt" die nicht minder marktschreierische Unterzeile.

Eigentlich eine klare Themenstellung, doch worum es in den 75 Minuten eigentlich gehen sollte, war offenbar auch der Moderatorin nicht wirklich klar. So gab's ein buntes Potpourri: Angefangen von banalen Ratgebertipps zu nicht minder banalen Fragen wie "Darf mein Chef mir Kleidungsvorschriften machen?" über die Leidensgeschichte eines Mobbing-Opfers bis hin zu plakativ-platten Pauschalurteilen über die bösen deutschen Unternehmer, die allzu oft nur noch nach Gewinnmaximierung strebten. Und da Maischberger ja immer wieder gern das große politische Rad dreht, lagen auch Fragen wie "Sind wir in einer Globalisierungsfalle?" nahe – bis hin zur Schlussfrage an Ex-Arbeitsminister Norbert Blüm, ob sich Kanzlerin Angela Merkel angesichts der Euro-Krise bald einen neuen Job suchen müsse.

Keinerlei neue Erkenntnisse

Das hatte dann zwar rein gar nichts mehr mit dem Thema der Sendung zu tun, aber solche Überlegungen hatten die TV-Journalistin ja schon vorher nur am Rande interessiert. Ihr ging es um die Vorführung des und der "Bösen" in dieser Arbeitswelt – in personam des Schweizer Unternehmers Beat Bolzhauser und des Juristen Rüdiger Knaup. Ersteren präsentierte sie als Chef, der seinen (vermeintlich) kranken Mitarbeitern hinterherspioniere, letzteren als den "Mann fürs Grobe", der für die Chefs die "Drecksarbeit" der Kündigungen erledige, wenn die selber zum Feuern zu feige seien. Dass der Eidgenosse seine Devise "Kontrolle statt Vertrauen" auch als "Respekt vor den anderen Mitarbeitern" betrachtet, einen maroden Betrieb saniert und mehr als 100 Arbeitsplätze gesichert hat, interessierte Maischberger dabei ebenso wenig wie die Feststellung des Fachanwalts für Arbeitsrecht, ihm sei noch keine mittelständische Firma begegnet, der es im Fall von Entlassungen um Gewinnmaximierung gehe: "Den meisten geht es um Unternehmenssicherung."

Mag letzteres auch allzu schön gemalt sein, insgesamt brachte die Diskussion in diesem Punkt keinerlei neue Erkenntnisse. Was auch daran lag, dass die vermeintlichen Experten bestenfalls über Halbwissen verfügten: "ARD-Rechtsexperte" Wolfgang Büser musste sich im Detail immer wieder von Knaup korrigieren lassen – trotz grauer Haare ist der Mann auch nach langen Jahren eben nur Fachjournalist und kein Jurist. Und Karrierecoach Martin Wehrle zitierte fragwürdige Studien, nach denen jeder fünfte Selbstmord in Deutschland auf Schikanen im Beruf zurückgehe oder verstieg sich gar zu der Behauptung, dass hierzulande "höchstens ein Drittel aller Chefs die Mindestanforderungen" erfülle. Das mag für Bestseller wie in seinem Fall ("Ich arbeite in einem Irrenhaus") reichen, doch für eine konstruktiv-vertiefende Diskussion taugten solche Thesen ebenso wenig wie irgendwelche Einzelfallbeispiele aus der Coaching-Praxis des ehemaligen stellvertretenden Chefredakteurs des Anglermagazins "Blinker".

Gut-und-Böse-Welt allzu schlicht

Aber der Europameister im Hechtangeln musste ja hier auch keine durchdachten Argumentationen aufziehen, sondern auf Zuruf von Maischberger nur ein paar passende Köder auswerfen wie etwa zu der ausgiebig geschilderten Mobbing-Geschichte der ehemaligen Pflegedienstleiterin Sylvia Pleuger. Ein tragischer Fall. Dass ausgerechnet Knaup dazu feststellte, dies sei typisch für "kirchlich getragene Arbeitgeber in Pflegeberufen" und den Tipp mit auf den Weg gab, sich auch in solchen Situationen auf keinen Fall zum Kündigen drängen zu lassen, das passte dann so gar nicht in Maischbergers schlichte Gut-und-Böse-Welt.