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TV-Kritik "The Voice of Germany" Mehr Musik, bitte!


Die erste Liveshow von "The Voice of Germany" zieht sich wie eine einzige große Dauerwerbesendung über den ganzen Abend - unterbrochen nur durch einige wirklich herausragende musikalische Momente.

Der Geist des Kapitalismus lebt in "The Voice of Germany": Die Show erweckt den Eindruck, sich mehr mit den Einnahmen des Senders, als mit dem musikalischen Talent der Kandidaten zu beschäftigen. Insgesamt 46 Minuten Werbung verteilen sich auf drei Stunden Sendezeit. "Ich wollte während der Werbung meine Doktorarbeit schreiben, habe es aber gelassen, weil ich nicht wusste was ich mit der Restzeit anfangen soll", kommentiert ein Nutzer auf Twitter den Werbemarathon. Auch in der Sendung selbst scheinen die Auftritte nur als Mittel zu dienen, um immer wieder auf die kostenpflichtige Hotline hinzuweisen, unter der man für seinen Favoriten abstimmen soll.

Große Emotionen - um jeden Preis

Damit genügend Zuschauer abstimmen, muss eine entsprechende Nähe zwischen Publikum und Kandidaten aufgebaut werden: Während der Show können Fans jederzeit mit ihren angehenden Stars via Twitter in Kontakt treten - die Tweets werden laufend über große Bildschirme im Studio gezeigt. Kurze Einspieler über den bisherigen Weg der Kandidaten und Interviews zwischen den Auftritten sollen zusätzliche Spannung erzeugen. Das alles ist nicht neu: Die erste Live-Show der aktuellen Staffel von "The Voice of Germany" hebt sich in keiner Weise von den übrigen Casting-Formaten ab, die seit Jahren erfolgreich ein Millionenpublikum an sich binden.

Es verwundert daher nicht, dass auch der überwiegende Teil der Lieder auf die marktrelevante Zielgruppe zugeschnitten ist - junge weibliche Zuschauer. Aus Sicht der Produzenten bedeutet das: So viele Emotionen wie möglich müssen über den Bildschirm flimmern. Die Auswahl der Songs trägt dem Rechnung: Von "Wrecking Ball" über "Nobody knows" bis hin zu "When love takes over" sind möglichst viele Balladen und gefühlsbetonte Stücke dabei. Obwohl alle Kandidaten gute Auftritte hinlegen und stimmlich überzeugen, bietet der überwiegende Teil der Sendung kaum Abwechslung und besondere Höhepunkte. Alles sieht ähnlich aus, alles klingt ähnlich.

Highlights, die rocken!

Nur drei Kandidaten heben sich von den Auftritten ihrer Mitbewerber ab. Den Auftakt macht Anina aus dem Team von The BossHoss. Ihre Funk-Version von "Seven Nation Army" ist der erste Song des Abends, der mit viel Power Schwung in den Showverlauf bringt. Anina schafft es jedoch nicht in die nächste Runde - stattdessen gewinnt die 16-jährige Debbie das Duell. Viele Tweets bekunden im Anschluss aber ihre Unterstützung für Anina. Ein Trost bleibt: Auf ein Wiedersehen mit den anderen beiden Highlights des Abends darf man sich freuen: Rockröhre Tiana aus Nenas Team heizt dem Publikum mit ihrer Version von Michael Jacksons "I'm bad" ordentlich ein. Und dann ist da noch das Phänomen Andreas - genannt "The Rocketman". Obwohl sein Song "If you don't know me" wie die vielen anderen Stücke eine Ballade ist, trägt Andreas den Song mit einer so fantastischen Stimme und so viel Herz vor, dass sein Sieg gegen die anderen Kandidaten aus dem Team von Max Herre keine große Überraschung ist.

Das Publikum entscheidet kaum mit

Aus dem Team von Samu Haber schafft es Judith mit dem Song "The Power of Love" in die nächste Runde. Viele Tweets erwecken den Eindruck, dass so mancher Fan nur wegen dem charismatischen Sänger von "Sunrise Avenue" die Show einschaltet und abstimmt. Großen Einfluss auf die Entscheidung nehmen die Zuschauer allerdings nicht, obwohl die Moderatoren das immer wieder suggerieren. Der Teamchef legt fest, ob sich ein Kandidat mit einem Startwert von 20, 30 oder 50 Prozent der Abstimmung des Publikums stellen muss. Jeder Wert darf nur einmal vergeben werden. Wer bereits mit 50 Prozent startet, kann durch die Stimmen der Zuschauer kaum noch eingeholt werden. So kommen an diesem Abend auch ausnahmslos die Kandidaten weiter, die von ihren Teamchefs favorisiert werden. Das Votum der Zuschauer nimmt kaum Einfluss auf das Ergebnis - bringt dem Sender mit 50 Cent pro Anruf jedoch ordentlich Geld in die Kasse.

Es bleibt zu hoffen, dass im Halbfinale mehr Raum für musikalische Vielfalt bleibt. Zwei Kandidaten sind bereits im Halbfinale, die mit einer großartigen Darbietung überzeugen konnten. Auch wenn in der kommenden Woche erst noch die übrigen Kandidaten für das Halbfinale ermittelt werden müssen, zeigen Rockröhre Tiana und Rocketman Andreas im Halbfinale hoffentlich den gleichen Mut und die gleiche Leistung, wie in dieser Sendung.

Von Dominik Brück

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