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TV-Kritik zu "Günther Jauch": Trügerische Friedenshoffnungen

Klar, zum Nahostkonflikt sind alle Argumente längst x-mal ausgetauscht worden. Wer sich wie Günther Jauch des Themas dennoch annimmt, sollte also zumindest neue Perspektiven zu bieten haben.

Von Christoph Forsthoff

Da hätte Günther Jauch doch so gern den Friedensstifter gegeben, der ein kleines Zeichen setzt in dem verfahrenen Nahostkonflikt, an dessen Lösung sich schon so viele hochrangige Politiker aus aller Welt vergebens versucht haben – doch Salah Abdel Shafi machte ihm ein Strich durch die Schlussrechnung. Den Star-Dirigenten Daniel Barenboim mit seinem West-Eastern Divan Orchestra endlich in einem arabischen Land auftreten lassen, wie vom Moderator vorgeschlagen? Nein, beschied der Botschafter Palästinas in Deutschland, für solch ein Gastspiel des Ensembles aus jungen israelischen und palästinensischen Musikern sehe er derzeit keine Chance.

Ist dann eben doch nicht so einfach, große Politik auf einer kleinen Studiobühne zu machen. Zumal es schon schwer genug ist, einen mittlerweile Jahrzehnte währenden Konflikt ausgerechnet in einer Talkrunde interessant (und vielleicht sogar mit neuen Ansätzen) aufzubereiten – mag die Titelzeile "Auge um Auge, Zahn um Zahn – niemals Frieden in Nahost?" auch hübsch boulevardesk daherkommen, an diesem Abend gelang es jedenfalls nicht. Stattdessen gab es wieder einmal den Austausch altbekannter Argumente: Außenminister Guido Westerwelle betonte das Existenzrecht Israels und dass es nur "einen Weg zum Frieden" gebe – und "der führt über Verhandlungen" ohne Vorbedingungen. Dem hielt Abdel Shafi entgegen, Israel müsse endlich die "Okkupation der palästinensischen Gebiete" beenden: "Es gibt einen Konsens über eine Zwei-Staaten-Lösung – warum kommt diese nicht zustande?"

Kritik an Jauch im Online-Forum

Nun hätte die Runde durch die zwar ebenfalls nicht neuen, aber durchaus anregenden Gedanken Avi Primors wohl Gelegenheit gehabt, sich dem Konflikt aus einer anderen Perspektive zu nähern. "Wir werden in Gaza nie eine Waffenruhe haben, wenn wir nicht mit der Hamas verhandeln", warb der ehemalige israelische Botschafter für eine Einbindung der palästinensischen Terrororganisation. Und kritisierte auch ganz direkt die Führung seines eigenen Landes, wenn er feststellte, "beide Regierungen sind einem Friedensprozess nicht gewachsen – wir brauchen die Unterstützung der Internationalen Gemeinschaft". Doch statt solche Gesprächsvorlagen aufzunehmen, arbeitete Jauch wieder einmal seine Fragen ab, unterband Diskussionsansätze oder fiel sogar Sawsan Chebli am Ende für die übliche Kurz-Schaltung zu Tagesthemen-Moderatorin Caren Miosga ins Wort, als die deutsch-palästinensische Politikwissenschaftlerin gerade darlegen wollte, warum sie nicht mehr an eine Zwei-Staaten-Lösung glaube – im Online-Forum der Sendung hagelte es dafür denn auch reichlich Kritik.

In Erinnerung blieb so nur weniges wie Barenboims unerschütterlicher Glaube an ein Miteinander, um "alle dazu zu bringen, dass sie sehen, dass der andere auch ein Recht hat, auf einem Stück dieses Landes zu leben – und zwar miteinander". Oder Primors Analyse, US-Präsident Barack Obama habe einen "großen Einstiegsfehler" gemacht, als er sich sofort mit der israelischen Siedlungspolitik befasst habe anstatt über Grenzen zu verhandeln: "Dann würde es kein Siedlungsproblem geben, denn jenseits der Grenzen würde es keine Siedlungen geben." Und auch der offenbar unvermeidliche Magazin-Ausflug mit Einspielfilmen über das Leben der Deutsch-Israelin Angela Garcia und der Palästinenserin Nor Abu Khater mit ihren Kindern zwischen Raketen und Luftschutzräumen dies- und jenseits der Grenze zum Gazastreifen ließ natürlich keinen unberührt. Allein: Zu einer echten Diskussion oder gar einem besseren Verständnis des Konflikts trug all dies nichts bei. Und Zeichen lassen sich so ganz sicher auch nicht setzen.