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TV-Kritik zu "Hart aber fair" Wendehals trifft Erklärmonster


Was wurde aus der Energiewende? Warum wird Sprit immer teurer? Und was ist eigentlich Energiearmut? Ein Jahr nach Fukushima ging es bei Plasbergs Talk um den Atomausstieg und die finanziellen Folgen.
Von Ingo Scheel

Unglaublich: Benzin kostet jetzt schon mehr als Bier. Demnächst erreicht der Preis für einen Liter Kraftstoff das Preisniveau von Rotwein. Nun gut - zumindest das eines mittelmäßigen Tropfens, wie ihn sich ein durchschnittlicher Student möglicherweise einverleibt. Die Energiewende oder das, was bisher von ihr vollzogen wurde, heizt den Menschen ein bzw. tut eben das nicht. Auch Strom ist zu teuer, für Teile der Bevölkerung gar unbezahlbar. Galten Menschen, denen der Saft abgedreht wird, einst als absonderliche Exoten, bei denen richtig etwas im Argen liegen muss, hat das Phänomen heuer längst die Mitte der Gesellschaft erreicht. 600.000 Menschen in Deutschland leben ohne Strom, weil sie ihn nicht mehr bezahlen können.

“Strom, Gas, Benzin immer teurer - Energiewende auf unsere Kosten?“ war die Frage bei Frank Plasbergs "Hart aber fair". Eine Frage, die man instinktiv mit “Ja“ beantworten möchte. Wer, wenn nicht der Verbraucher, soll denn die Energie bzw. deren Wende bezahlen? Ganz so zugespitzt sah es die Runde am Abend natürlich nicht, stattdessen arbeitete sich das Quintett mit halber Kraft an den Aspekten des Themas ab. Bärbel Höhn von B90/Grüne etwa beklagte die Schieflage bei der Dienstwagenförderung, die auf Umwegen spritschluckende Limousinen auf Kosten des kleinen Mannes subventioniert. Roland Tichy von der Wirtschaftswoche hatte in der missratenen Förderung von Solaranlagen einen der Gründe für das Energie-Dilemma ausgemacht und malte das gar grausliche Bild von der “Energiearmut“, die Deutschland schon bald voll im Griff haben könnte.

Röttgen errötet wie ein ertappter Schüler

Bundesumweltminister Röttgen versuchte nach Kräften, die Vorwürfe zu kommentieren, beschwerte sich über angeblich falsche Anschreiben der “RheinEnergie“, die meinten, nicht existente Preiserhöhungen durch die Bundesregierung an ihre Kunden weitergeben zu müssen; prophezeite den unmittelbar bevorstehenden Siegeszug des Elektromobils, denn “Strom gehört zum Leben”. Nur am Ende geriet der stoisch gütige Grinseminister kurz aus der Bahn, als der Journalist Tilman Jens ihn mit einigen Kommentaren aus dem Jahre 2010 konfrontierte.

Röttgen, damals noch ohne Fukushima-Faktor auf Seiten der Atomkraft-Befürworter, schalt Jürgen Trittin, auch ohne Japan und seine Folgen seit ehedem auf der anderen Seite des Grabens, für dessen störrische, ja, zersetzende Haltung in Sachen Energiepolitik. Was schert uns das Gewäsch von gestern - das fragten einst Konrad Adenauer und Udo Lattek mit Fug und Recht und deutlich mehr Chuzpe als der Bundesumweltminister. Der ertappte Wendehals errötete wie ein Schüler beim Schmuh während der Mathearbeit und versuchte mit etwas ministerialem Schulterklopfen und Arm-Berühren dem Jens den Wind aus den Segeln zu nehmen.

Hohe Preise machen Ih

Der Einspieler mit den Preisentwicklungen an einer Tankstelle im Laufe von 24 Stunden (morgens teuer, mittags günstiger, abends wieder teurer) mochte dagegen auch dem genervtesten Autofahrer nur noch ein Grinsen abnötigen. Mehr Charme hatte da ein historisches Fundstück aus den TV-Archiven. Die Statements von Autofahrern aus dem Jahre 1974 hatte man mit aktuellen O-Tönen zusammengeschnitten. Fazit: Die Koteletten mögen heute kürzer, Breitcord ebenso wie der klassische Kämmscheitel ein wenig aus dem modischen Fokus geraten sein, das Problem beim Öffnen das Tankdeckels ist dasselbe wie vor beinahe vierzig Jahren: Benzin ist zu teuer. Steuern müssen sinken. Getankt wird da, wo es am billigsten ist und wehren, nein, wehren kann man sich ja sowieso nicht.

Bleibt also alles anders in Sachen Sprit und Strom und Solar? Gut, wenn man Ranga Jogeshwar, das “Erklärmonster“ (O-Ton Jens), mit am Tisch hat, der das komplexe Thema zumindest ein wenig zusammendampfte. Wissen macht Ah. Hohe Preise machen Ih. Aber das sei letztlich nicht die Schuld der Energiewende, im Gegenteil - die sorge vielmehr dafür, dass die Preise für die Energie irgendwann nicht mehr steigen. Theoretisch jedenfalls.


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