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TV-Kritik zur "Harald Schmidt Show" Dirty Harrys Rache


Schönen Gruß an die Senderchefs: In der ersten Show nach Bekanntgabe seines Wechsels zu Sat1 verkneift sich Harald Schmidt das dröge Feuilleton-Geschwafel und macht endlich wieder Late Night: witzig, bissig, ein Hauch von Dirty Harry - seine Noch-Vorgesetzten bei der ARD dürfen sich darüber ruhig ärgern.
Von Björn Erichsen

Er kommt auf die Bühne, als wäre nichts gewesen. Harald Schmidt, bestens gelaunt, dunkelblauer Anzug, Kurzhaarschnitt, abrasiert den grauen Bart, mit dem er mindestens so alt aussah wie der typische ARD-Gucker. Spritzig der Monolog zum Auftakt: Willkommen in Deutschland ihr Guantánamo-Häftlinge, lest mal das Buch vom Sarrazin. "Tschö Wehrpflicht", bald hat die Bundeswehr weniger Soldaten als Theodor zu Guttenberg Vornamen. Zack, zack, die Witze sitzen, Tusch von Helmut Zerlett, Schmidt ist in der Show.

Man durfte gespannt sein, wie sich Harald Schmidt in der ersten Sendung nach Bekanntgabe seines Wechsels zu Sat1 präsentieren würde: Gibt es einen Seitenhieb auf die ARD-Oberen? Moderiert er mal wieder im Dunkeln oder auf französisch? Weit gefehlt, keine Spur von Frust: Schmidt verkneift sich die aberwitzigen Feuilleton-Exkurse, mit denen er selbst treuste Fans in die Flucht geschlagen hat. Er wirkt befreit, witzig und angriffslustig wie lange nicht. Ein Hauch von Dirty Harry! Das kann man getrost als Abschiedsgruß an seine Noch-Vorgesetzten werten. Motto: "Ätsch, seht her, wie gut ich das noch kann. Selbst Schuld, wenn ihr mich so einfach so gehen lasst."

Schmidt macht ordentlich Tempo

Über seinen Wechsel zum "Unterschichtenfernsehen" im September nächsten Jahres verliert Schmidt während der gesamten Show kein Wort. Dafür hat er sich schon vorher bei einem Interview in der "Zeit" so richtig über seinen Noch-Arbeitgeber ARD ausgekotzt: "Die wussten nicht, wohin mit mir. Jetzt hinterlasse ich 26 Sendeplätze und 'ne Menge Kohle. Mein Etat reicht für 500 Ina-Müller-Sendungen", schimpft Schmidt da, überhaupt seien die Weihnachtskarten von Jahr zu Jahr formeller geworden. Deutliche Worte, selbst für jemanden wie Schmidt, der ein viel zu geübter Schauspieler ist, als dass er sich Ärger oder Genugtuung vor der Kamera anmerken ließe.

Seine Rache heißt "back to the roots": Schmidt macht endlich wieder Late Night, im besten Sinne, arbeitet sich scharfzüngig bis böse am Tagesgeschehen ab: Witze über Kachelmann, Atomlobbyisten und die aktuelle Jugendstudie ("59 Prozent sehen die Zukunft rosig - der Rest war bei der Befragung noch nicht nüchtern.") Das Studiopublikum darf abstimmen, ob nicht-deutschstämmige Mitbürger wie Lukas Podolski, Cherno Jobatey oder Philipp Rösler eigentlich schon ausreichend integriert sind. Grandios peinlich der eingespielte Interview-Schnipsel mit Thomas de Maizière, in dem der Innenminister erzählt, wie er beim "Mensch ärgere dich nicht"-Spielen "mal so richtig die Sau rausgelassen hat". Man muss lange zurückdenken, wann die Harald-Schmidt-Show letztmals ein solches Tempo vorlegte.

Rotzfrech und dennoch anspruchsvoll

Neu in der Show: Comedian Max Giermann. Der ist kein klassischer Sidekick à la Manuel Andrack, sondern soll ab und zu wie im Erfolgsformat "Switch reloaded" Prominente und Politiker parodieren. Zur Premiere hält er als Christian Wulff eine Rede an die Nation, stocksteif am Schreibtisch mit Merkel-Bild an der Wand plaudert er über seine Präsidentschaft. Erst "Zonen-Zausel" Gauck, dann schön auf Mallorca gewesen ("Selbstverständlich... äh... selbst bezahlt"), schöne Grüße auch von "meiner tätowierten Frau", dann entblößt er seine Brust auf der ein pizzatellergroßer Bundesadler prangt. Lustig, aber noch nicht der ganz große Brüller. Sicher besser als alles, was Oliver Pocher jemals imitiert hat.

Ein echtes Highlight ist der Beitrag von Außenreporter Jan Böhmermann: Untermalt von Dylans Protesthymne "The times they are changing" mischt der sich bei einer Großkundgebung gegen das Bahnhofsprojekt Stuttgart 21 unter die meist ziemlich bürgerlichen Demonstranten. "Sie haben gute Argumente", flüstert er, während ein Protestler tumb vor Wut "Arschloch! Arschloch! Arschloch!" pöbelt, eine "Stimmung zwischen "Revolution, Bürgerkrieg und Halbjahreszeugniskonferenz". Irgendwie schummelt sich Böhmermann sogar auf das Podium und hält vor johlender Menge eine Rede wie einst Ernst Reuter bei der Berlin-Blockade durch die Sowjets ("Ganz Deutschland schaut heute auf diese Stadt!"). Auch hier punktet Schmidt: Angesichts des akuten Humordefizits in der Abendunterhaltung wird die ARD solche rotzfrechen, aber eben immer noch anspruchsvollen Beiträge schmerzlich vermissen.

Bis er im September 2011 nach achtjähriger Abstinenz wieder zum "Kuschelsender" Sat1 zurückkehrt, hat Schmidt noch 25 Abschiedsvorstellungen im Ersten vor sich. Die wird er so konsequent durchziehen wie den Senderwechsel. Ehrgeizig wie Schmidt ist, lässt er sich sicher keine Arbeitsverweigerung vorwerfen. "Extremer" will er ja ohnehin wieder werden, das hat er angekündigt, weniger Theater, mehr David Lettermann. "Ich bin eigentlich immer dann am besten, wenn ich den Sender für den ich arbeite, wirklich hasse", hat Schmidt mal in einem Interview gesagt. Sollte das stimmen, kann man sich am späten Abend wirklich wieder auf Dirty Harry freuen.


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