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TV-Kritik

"Weil Du mir gehörst": Wenn das Kind nach der Scheidung zum Rachewerkzeug wird – und daran kaputt geht

"Weil Du mir gehörst" behandelt die gezielte Eltern-Kind-Entfremdung. Eine Mutter will den Ex aus dem Leben der gemeinsamen Tochter werfen. Ein sehenswerter Film zu einem brisanten Thema.

Weil du mir gehörst

Szene aus "Weil Du mir gehörst": Mutter Julia (Julia Koschitz) möchte ihren Ex-Mann aus dem Leben der gemeinsamen Tochter Anni (Lisa Marie Trense) verbannen

Worum geht es in "Weil Du mir gehörst"?

Annis Eltern sind seit einem Jahr geschieden, nun stehen sie wegen des Sorgerechts für ihre Tochter erneut vor Gericht. Bevor sie zu ihrem Papa muss, will sie lieber tot sein, sagt die Achtjährige in der Anhörung zum Richter. Monate zuvor ist sie dem Vater noch freudestrahlend um den Hals gefallen, wie die Rückblende zeigt. Wie konnte es soweit kommen? 

Die Antwort wird über den gesamten Film ausgerollt: Annis Mutter Julia (Julia Koschitz) will ihren Ex-Mann Tom (Felix Klare) aus dem Leben der gemeinsamen Tochter werfen. Mit allen Mitteln unterbindet sie den Kontakt zwischen den beiden und impft dem kleinen Mädchen immer tiefer ein, der Vater interessiere sich nicht mehr für sie. Tom muss hilflos und mit zunehmender Verzweiflung mitansehen, wie sein Kind von ihm entfremdet wird. Diverse Akteure in Julias Umfeld tragen dazu bei, dass sich die Abwärtsspirale weiter dreht: Eine Großmutter, die den Zerstörungskurs der Tochter voll mitträgt. Ein entmündigt wirkender Großvater, der das Geschehen eher hilflos verfolgt. Ein Anwalt, der vor allem die Interessen seiner Mandantin durchprügeln will. Sein Rat: "Sie müssen den Kontakt mit Ihrem Ex-Mann verweigern und möglichst viele Konflikte aktiv befeuern oder passiv provozieren."

Der Hintergrund des Films: Eltern-Kind-Entfremdung

Thema des Films ist ein Phänomen, das von Psychologen als Eltern-Kind-Entfremdung oder auch Parental Alienation bezeichnet wird: Betroffene Kinder werden so stark in den Loyalitätsbereich des betreuenden Elternteils hineingezogen, dass sie den anderen ablehnen. Viele Psychologen und Psychiater sehen in dieser gezielten Entfremdung eine Form von psychischer Kindesmisshandlung mit schwerwiegenden Folgen.

Eine Studie der Universität Bergen in Norwegen kam zudem jüngst zu dem Ergebnis, dass sich ein fehlender Kontakt zum Vater bei Trennungskindern negativ auf deren Gesundheit auswirken kann. Kritiker bemängeln unter anderem, die Theorie vereinfache komplexe Eltern-Konflikte. Auf Social-Media-Plattformen gehen Väter- und Mütterinitiativen bei dem Thema regelmäßig aufeinander los, nicht selten scheint die Debatte von Ideologie geprägt. Vorm Familiengericht ist die vorsätzliche Entfremdung ohnehin schwer zu beweisen. 

Wer das Kind hat, hat die Macht

Drehbuchautorin Katrin Bühlig hat in "Weil Du mir gehörst" Annis Mutter zur "Täterin" gemacht. Damit wolle sie sich jedoch nicht auf eine Seite stellen, erklärt sie im Presseheft zum Film. "Das liegt vor allem daran, dass nach einer Scheidung die Kinder noch immer öfters bei ihrer Mutter leben als bei ihrem Vater", wird sie zitiert. Und weiter: "Man könnte diese Geschichte genauso gut andersherum erzählen". Bei ihren Recherchen hat sie sich vom ehemaligen Familienrichter Jürgen Rudolph beraten lassen, einem ausgewiesenen Experten für  das Thema. Der Jurist kritisiert, dass es in Deutschland ziemlich einfach sei, einen Elternteil rauszukegeln. Die Devise: Wer das Kind hat, hat die Macht. 

Dabei haben Kinder eigentlich ein gesetzlich verbrieftes Recht auf beide Eltern. Und Eltern wiederum haben nicht nur ein Umgangsrecht sondern auch eine Fürsorgepflicht. Sie dürfen sich auch nicht gegenseitig vor ihren Kindern schlecht machen. Auch das steht im Gesetz, genauer gesagt in Paragraph 1684 BGB, bald vielleicht sogar im Grundgesetz.

Lohnt sich das Einschalten?

Auf jeden Fall. "Weil Du mir gehörst" ist aufwühlend, präsentiert ein gesellschaftlich hochrelevantes Thema und packt das Publikum über die gesamte Spielzeit. Es dauert lange, bis Tom im Film kapiert, was los ist. Nie hätte er seiner Ex-Frau derartiges zugetraut.

Die Vater-Figur ist erkennbar als Sympathieträger angelegt, während die Mutter bei den Zuschauern für gemischte Gefühle sorgen dürfte. Julia Koschitz gibt nämlich nicht einfach nur die Böse, sondern offenbart als Julia in vielen Momenten eine große innere Zerrissenheit und Verletzbarkeit. Ihr Ex-Mann hat eine neue Partnerin mit eigener Tochter - mit beiden versteht sich auch Anni gut. Julia fürchtet offenbar, dass für sie in der neuen Familienidylle kein Platz mehr ist. Also rächt sie sich, indem sie Anni für sich allein beansprucht.

Zunächst zieht sie heimlich mit ihrer Tochter um, dann erzählt sie ihr, der Vater habe eine neue Nummer. Da letzteres eine Lüge ist (eine von vielen), gehen Annis verzweifelte Versuche, ihren Papa zu kontaktieren, stets ins Nichts. Stück für Stück geht in der Kinderseele immer mehr kaputt, das Urvertrauen in den Papa wird zunehmend zerstört. Für den Zuschauer ist das ziemlich schmerzhaft anzusehen, was nicht zuletzt an der beeindruckenden darstellerischen Leistung von Anni-Darstellerin Lisa Marie Trense liegt. Ohnehin sind alle tragenden Rollen stark besetzt. Regisseur Alexander Dierbach erzählt den Plot ohne große Effekthascherei - die emotionale Wucht des Themas reicht auch so völlig aus. 

"Weil Du mir gehörst" läuft am Mittwoch, 12. Februar, um 20.15 Uhr in der ARD und ist auch in der ARD-Mediathek verfügbar. 

Quellen: "Welt", "neuropsychiatrie" (Springer-Link), SWR, §1684 BGB

rös